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Der Israelit · 1892-02-28 · Heft 17 (29.2.1892) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 17 (29.2.1892)
Date
1892-02-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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328 in der Umgegend der Antisemitismus bemerkbar gemacht, wie noch nie und dies wohl auch jedenfalls — aus purer christlicher Nächstenliebe. Daß es unter solchen Umständen oft für uns nicht sehr angenehm ist, hier zu Hausen, wer könnte dies wohl leugnen. Doch wer trotzdem seine Rechnung hier finden kann, wird gewiß, wenn nichts Verlockenderes ihn zieht, bleiben, wo er ist und nicht Brod suchen, wenn er welches hat. Natürlich werden unsere Neichen und Begüterten schon Rath wissen, wenn es sich um die Wahl handelt, wo sie ihre oft schwer erworbenen Groschen verzehren sollen. — Doch will ich heute nicht von Jemanden berichten, der schlechter Geschäfte wegen die hiesige Stadt verlassen, sondern von einem Manne, den religiöse Gründe hierzu bestimmten, der, weil er als echter und rechter Israelit seinen Schabbos und Jom low im Sinne des Wortes halten will, sein gut gehendes Geschäft aufgibt, um nach Berlin überzusiedeln, wo ihm seine Thätigkeit dies wohl und ganz gestatten wird. Ein solches heutzutage gewiß nur sehr seltenes Motiv einer Ortsverändcrung verdient entschieden, in den jüdischen Blättern zur Nachachtnng für andere registrirt zu werden. Und ein solcher Mann, der den Muth hat, aus solchen Motiven heutzutage eine gme Existenz aufzugeben und eine neue zu gründen, ist der am 5. Januar c. von hier verzogene Max Hamburger, (geb. zu Lissa in Posen) der über ein Jahrzehnt hier ansässig war unb sich auch des besten Rufes nach allen Richtungen hin allenthalben — auch unter Andersgläubigen — zu erfreuen hatte. — Mein heutiger Bericht dürfte den mir gewährten Raum Ihres gesch. Blattes überschreiten, wollte ich auch nur in knappen Zügen den Verlust schildern, den die hiesige Gemeinde durch den Wegzug der Familie H. erleidet. Herr H. wie dessen biedere Gattin — bildeten hier gewissermaßen den Mittelpunkt des ganzen religiösen Lebens; ohne sie wurde weder was begonnen, noch beschlossen. In der Familie H. war Jedermann und zu jeder Zeit gern gesehen, da fühlte man sich wohl und behaglich, da war man trotz aller Tages Mühen und Lasten stets froh und heiter. Was unser H. den Armen gewesen, dürfte wohl weiteren Kreisen bekannt sein, als daß dies hier noch besonders erwähnt zu werden brauchte. Jeder Hungrige wurde da gesättigt, jeder Bedürftige mehrmals nach Kräften unterstützt, vergeblich pochte Niemand an seiner Thür; zudem scheute er weder Zeit noch Mühe, wenn cs galt, Andere zum Geben zu veranlassen. In gleicher Weise war er aufopfernd hinsichtlich der Ausübung von 6emiUu8 elre886ä schel emess, was man am allerwenigsten von einem Manne seines Alters — er ist erst Anfang dreißiger — erwarten könnte. Weder Umstände, noch Kosten, noch Geschäftsversäumniß scheute er, wenn es galt, eine derartige Mizwah auszuüben; ja bei solcher Gelegenheit zeigte er sich oft unerschrocken bis zur Selbstverleugnung. Aber auch nach andern religiösen Momenten hin haben wir hier durch den Fortzug des Herrn H. einen schweren, ja unersetzlichen Verlust erlitten. In feiner Wohnung richtete er nicht selten sein bestes Zimmer zur Betstube ein — wir haben hier noch kein ständiges Gotteshaus — und sorgte sogar oft mit größter Mühe dafür, daß wir öfter mit Minjau unsere Andacht verrichten konnten. Durch seine conseguente Religiösirät hatte er sich eine Schaar von Anhängern erworben, die auf sein Wort schwuren und die seinen Wünschen blindlings folgten. — An den hohen Festtagen ersetzte unser H. den Hilfsvorbeter und den Schofarbläser in einer Weise, daß das Publikum in jeder Beziehung zur Andacht gestimmt wurde, denn er betete schön und mit wahrem Eifer für die heilige Sache. Was aber alledem die Krone aufsetzt, ist: daß unser H. zu ciner Zeit, als die hiesige Gemeinde noch im Entstehen begriffen war, sich der schweren Mühe unterzog und keine Kosten scheute, um das rituelle Schlachten zu erlernen, um durch Ausübung desselben sich und den hierorts rituell lebenden Familien nützen zu können. Seinen Bemühungen haben wir es auch zu verdanken, daß die Schechitah von Großvieh hier geduldet wurde, während dies in thüringischen Städten, beispielsweise in Gera noch heutigen Tages nicht gestattet ist. Und all' dieser Mühen unterzog sich Herr H. in uneigennützigster Weise; ihm genügte das Bewußtsein etwas Gutes vollbracht zu haben, für Lohn und Dank — war er nie empfänglich. Daß wir also nicht geringen Grund haben, den Wegzug eines solch' unersetzlichen Gemeindemitgliedcs aufs tiefste zu bedauern, wird wohl aus obigen Ausführungen zur Genüge zu ersehen sein. Es kann uns darum Niemand verübeln, wenn wir dem Nimmersatten Berlin keinen gewöhnlichen Groll Nachträgen, nimmt es ja uns und wohl auch den meisten Klein- und Mittelgemeinden die besten Kräfte fort, während wir sie doch nöthiger brauchen; wird uns doch wahrlich Familie H. nunmehr in allen Ecken und Enden fehlen. — Doch wir werden uns ins Unvermeidliche fügen müssen und uns trösten in der angenehmen Erinnerung, daß wir sie eine Reihe von Jahren hierzu besitzen, das Glück hatten. Unser Mer Dank sei ihr hiermit für ihre bisherige Wirksamkeit am hiesigen Orte von Herzen dargebracht. Unsere Herzenswünsche begleiten Herrn und Frau Hamburger, welch' letztere ihren Gatten in seinen Bestrebungen so eifrig zur Seite gestanden, in ihre neue Heimath Berlin, wo es ihnen aufs allerbeste

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