Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1892)
- Date
- 1892-02-25
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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323 eine niedrige, phantastische und unwürdige Vorstellung von Gott gewinne und darum auch als Erwachsener keinen anderen Gott begreife, als den Gott der Kindheit. Wäre dem so, dann müßten wir auch auf anderen Gebieten erst die Zeit abwarten. in welcher unsere Schüler befähigt wären, eine völlig richtige und reine Erfassung der Dinge zu erhalten, mit anderen Worten gesagt, wir müßten den Anfang der Bildungszeit erst da beginnen lassen, wo die Schüler unsere Schulen verlassen haben, wo sie anfangen, sich für ihren Lebensberuf vorzubereiten, und wo sie unserer Einwirkung schon entzogen sind. Hier erkennen wir erst, wie recht Herbart hat, wenn er sagt: „Nie wird Religion den ruhigen Platz in der Tiefe des Herzens einnehmen, der ihr gebührt, wenn ihr Grundgedanke nicht zu den ältesten gehört, wozu die Erinnerung hinaufreicht; wenn er nicht vertraut und verschmolzen wird mit allem, was das wechselnde Leben in dem Mittelpunkt der Persönlichkeit zurückließ" und wie begründet es ist, wenn Zitier in seiner „Allgemeinen Pädagogik" das Gesetz aufstellt: „Was überhaupt stark werden soll in der Seele, das muß uns frühzeitig beschäftigen und darf nicht so lange Zeit gänzlich aus dem Bewußtsein verdrängt werden; die ältesten bewußten Zustände von einem bestimmten Inhalte, die aus den ersten Kinderjahren stammen, sind die stärksten und fähig, eine Macht im Geiste zu werden." Wenn aber nun auf allen Gebieten eine richtige Erfassung der gegebenen Wahrheiten dem kindlichen Gifte noch nicht möglich ist; wenn wir wissen, daß die ersten Vorstellungen des Kindes noch nicht genau und richtig sein können, und trotzdem der Keim richtig ergreifendes reiht sich Vorstellung an Vorstellung und entsteht so ein harmonisches Ganzes, das sich immer kräftiger entfaltet, das zuletzt die kindliche Schale, die es gleichsam umhüllt, abwirft und so der Zweck erreicht ist — wie könnten wir wohl darauf kommen, den Beginn der religiösen Erziehung verschieben zu wollen. Wenn man, wie es oft geschieht — annimmt, daß das geistige Reifwerden des Menschen , sich rein naturgemäß und ohne erziehliche Einwirkung vollziehe, so ist dieses doch wohl nur ein Jrrthum und fällt uns hier die Frage auf: „Was ist eigentlich Erziehung?" Doch wohl nichts anderes als: die naturgemäße Einwirkung erwachsener Menschen auf Kinder, um in diesen die ursprünglichen Anlagen bis zu dem Grade zu entwickeln und auszubilden, daß sie an ihrer eigenen Vervollkommnung ohne fremde Leitung mit Sicherheit arbeiten können. Erkennen wir nun Herbart's Forderung über den Anfang der religiösen Bildung an, dann kommen wir auch zugleich darauf, daß für diese wichtigste aller Bildung in dem Elternhause der Grund zu legen ist. Vater und Mutter haben die Verpflichtung den Grundstein zu richten, auf dem später das durch die Schule zu vollendende Gebäude sich erheben soll. Das Haus ist die Stätte, wo das Seelenheil des Kindes begründet wird, es ist aber auch die Stätte, welche noch weiter Einfluß auf die religiöse Bildung des Kindes hat, denn die Erfahrung lehrt uns, daß auch der beste und planmäßigste Religionsunterricht seinen Zweck nicht erfüllen kann, wenn ein religionsfeindltcher Sinn in der Familie herrscht. Wer aber in dem Hause ist wieder an erster Stelle berufen, diesen religiösen Keim zu pflegen? *) Doch wohl niemand anders, als die Mutter! Vor ihr hat das Kind die größte Achtung, die heiligste Scheu; es sieht, wie sie den Tag mit Gebet beginnt und beendet, es merkt auf ihre Erzählung von dem l. Gott, der da in dem Himmel wohnt, der alles erschaffen hat und erhält, der das Volk Israel so weise geführt und unseren Voreltern so viel Gutes hat zukommen lassen, es lernt Ihn lieben als den Bringer alles Guten, Ihn fürchten als den Beftrafer alles Bösen, sollte da wohl sein kleines Herz nicht mächtig angeregt und für das sittlich Gute empfänglich gemacht werden? Auf einen solchen Grundstein ist unter Mitwirkung des Elternhauses dann leicht weiter zu bauend, mit Freude wird man die Früchte erkennen. Ein Sprichwort sagt: „Was man nicht hat, kann man nicht geben." Fordert man von dem Hause, daß es selbst Religion habe, wenn es dem Kinde religiöse Bildung beibringen soll, um wie viel mehr ist dann auch diese Forderung an den Lehrer berechtigt? Nur der Lehrer kann zur Rcligiösität erziehen, dessen Herz von ihr erfüllt ist, wie auch Jean Paul treffend sagt: „Da die erste Regel für jeden, der etwas geben will, diese ist, daß er es selbst habe, so kann niemand Religion lehren, als wer sie selbst besitzt; erwachsene Heuchelet hingegen oder Maul-Religion erzeugt nichts als unerwachsene; eine solche Nebensonne kann weder wärmen, noch leuchten, und jeden optischen Betrug erwiedert ein akustischer. Wer keinen Gott im Herzen und im Himmel hat, kann sich ohne Unsittlichkeit durch keine Sittlichkeit gebunden glauben, in seine Kinder ein Nichts zu impfen, das er aus sich schon ausgerissen hat." Die Wahrheiten unserer heiligen Religion zu lehren, dieses allein genügt nicht, sie müssen gleichsam vorgelebt werden. Den Lehrer stellt sich das Kind als Muftermenschen vo''; was er thut, glaubt es thun zu müssen und deßhalb können wir *) Ich sage hier „zu pflegen", da der Keim schon da ist und nur äußerer Anregung und Leitung zur Entwickelung bedarf.