Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1892)
- Date
- 1892-02-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIH. Jahrgang. Erste Gelinge zu M 16 des „Jsrndit“. Leitender Artikel. Zur Wezeptionsfrage der jüdischen Gonfelston in Angarn. B u d a p e st, 21. Februar. G—g. Beinahe drei Monate sind-verflossen, seitdem „die Rezeption der jüdischen Confession" hierzulande zu einer höchst aktuellen Frage geworden ist. Sämmtliche Zeitungen aller politischen Parteien nahmen Veranlassung, sich mit derselben eingehend zu befassen, und es gereicht uns allerdings zu erhöhter Freude, konstatiren zu können, daß die ganze öffentliche Meinung Ungarns — wenn Zeitungen überhaupt als solche angenommen werden dürfen — darin übereinstimmt, daß es Pflicht der ungarischen Legislation sei, der Mutter dasselbe Recht zu verleihen, dessen sich die Tochter erfreut. Wie erfreulich diese unbestrittene Thatsache auch sein möge, falls unsere Gesetzgebung, einen neuen Beweis ihres von allen Parteien bekannten Liberalismus liefernd, beschließen würde, die Religion der emanzipirten israelitischen Bürger mit den Bekenntnissen der nichtjüdischen Bürger für gleichberechtigt zu erklären; so ist es um so bedauerlicher, daß eben die gesetzestreuen Juden Ungarns von den unabweisbaren Forderungen der Selb st erhaltungspflicht sich gezwungen sehen, der in Angelegenheit der Rezeption von unseren neologen Brüdern mit bewunderungswürdigem Eifer inszenirten Bewegung nicht nur fernzubleiben, sondern geradezu gegen dieselbe Stellung zu nehmen, und daß die an der Spitze der ungarländischen Orthodoxie stehenden Männer die strenggläubigen Juden gegen das Zusammenwirken mit den Mitgliedern der „Rezeptions-Kommission" eindringlich warnen müssen. Die Befürchtungen nnd Vermuthungen nämlich, welche im Kreise eines Theiles der gesetzestreuen Judenheit gleich bei Beginn dieser Bewegung gegen dieselbe ein anscheinend unberechtigtes Mißtrauen erweckten, haben sich leider als vollkommen begründet erwiesen! Ein dieser Tage versandtes Memorandum des Präsidiums der Landeskanzlei hat die unumstößliche Ueberzeugung beigebracht, daß die „Rezeption" von unseren, von unbegrenzter Herrschsucht beeinflußten Brüdern der Reologen-Liga nur als gefallsüchtiges, wohlklingendes Schlagwort benützt wird, um ihr einziges Ziel, wonach sie sich seit dem famosen Kongreß sehnen, endlich doch einmal erreichen zu können. Verschiedenartige Versuche hat die ehrenwerthe Kongreßkanzlei während ihres Bestehens unternommen, um die „Einheitliche Organisation" der in religiöser Anschauung und bezüglich der Bethätigung des Religionsgesetzes grundverschiedenen zwei Parteien, in welche die hierländischen Juden getheilt sind, durchzuführen, und keine dieser unzähligen „Unternehmungen" schien dem Erreichen ihrer Ziele in solchem Grade Vorschub zu leisten, als eben die sogenannte „Rezeptionsbewegung". Klingt es doch so schön und erweckt ja solch' angenehme Empfindungen, wenn man an die rosige Zukunft denkt, in der unsere heilige Religion nicht — wie es im jetzigen ungarischen Gesetzeskodex heißt — geduldet, sondern anerkannt und rezipirt werden würde, und in welcher man den „gelben Fleck", der bislang an der jüd. Confession haftet, vergeblich suchte! Daher kam es auch, daß ein Theil der Provinz sich ohne Weiteres mit großer Begeisterung der in Rede stehenden Bewegung anschloß. Der „Israelitischen Kongreßkanzlei" blieb es aber Vorbehalten, die gesetzestreue Judenheit dadurch zu innigstem Danke zu verpflichten, daß sie in dem erwähnten „Memorandum" unverhohlen genug angedeutet hat, was sie eigentlich mit der „Rezeption" erreichen will. Die Führer der orth. Juden haben jedoch die Gefahr, welche bevorstand, falls man in Angelegenheit der Rezeptionsfrage mit den Neologen gemeins a m vorgegangen wäre, rechtzeitig erkannt und sind unseren herrschsüchtigen Brüdern auch diesmal nicht auf den Leim gegangen. Sehr richtig bemerkt daher das off. Organ „Zsidö Hiradö“ in dieser Angelegenheit: „Die von Sr. Majestät sanktionirte Organisation der Orthodoxie ist ein ängstlich bewachtes Kleinod und die gesetzestreuen Juden werden um vieles lieber die Rezeption entbehren, als daß sie diese auf Kosten der konfessionellen Selbstständigkeit erkaufen sollte." Da nun die Orthodoxen gegen die Bestrebungen der Neologen Stellung nehmen, ist die in großem Schwung befindliche Rezeptionsfrage in ein neues Stadium getreten und dieselbe wird noch viele interessante Momente zu Tage fördern, über die ich Ihre geschätzten Leser s. G. w. eingehend und objektiv unterrichten werde.