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Der Israelit · 1892-02-22 · Heft 15 (22.2.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 15 (22.2.1892)
Date
1892-02-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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204 Ueberhaupt zeigen sie in der Regel den Eomitemitgliedern gegenüber, sowie jedem Andern, der sich ihrer annehmen, eine Harmlosigkeit und Vertrauensseligkeit, der nur ihre geradezu kindliche Hilflosigkeit an die Seite zu stellen ist. In anderen Fällen freilich zeigen sie auch ein unerhörtes Mißtrauen. Auch niedriger und gemeiner Denkweise begegnen wir nicht allzuselten. So äußerte einer dieser Leute gegen den Vorsitzenden des hiesigen Grenzcomites ganz unverfroren, „das Comite verdiene an den Auswanderern noch Geld und die Mitglieder desselben wollten mit den von Herrn Baron von Hirsch für die Ausgewiesenen gespendeten Mitteln ihre eigenen Taschen füllen". Aber zur Ehre der Auswanderer darf man behaupten, daß derartige Vorkommnisse zu den Ausnahmen gehören. In der Regel ist vielmehr ihre Harmlosigkeit, ihre mehr als mangelhafte Vertrautheit mit den Verhältnissen so groß, daß sie der schamlosesten Ausbeutung zum Opfer fallen würden, wenn die Comites nicht auch in dieser Hinsicht ihnen nach Kräften zur Seite ständen. Es möge hier nur ein Bild von dem Leben und Treiben folgen, welches sich auf den Bahnhöfen der Grenzorte in Folge des massenhaften Zuzuges dieser Leute alltäglich entwickelt. Bei ihrer Ankunft müssen sie zunächst den Zoll-Revisionssaal betreten, woselbst die Abfertigung bei der großen Menge der täglich Ankommenden in der Regel eine geraume Zeit in Anspruch nimmt Ist dieselbe hier erfolgt, so gehen die meisten in die, auf Kosten der Baronin Mathilde von Rothschild aus Frankfurt a. M., errichtete Baracke, woselbst sie Unterkommen und Pflege finden. Früher lagerten sie sich immer auf dem Perron. Die verkommensten unter den Leuten sind meistens Polen; ihre Kleidung ist, wenn auch nicht immer zerlumpt oder zerrissen, so doch meistens sehr mitgenommen und für eine so weite Reise auch nicht nothdürftig ansreichend. Von ihnen stechen voriheilhaft ab die Bewohner der größeren russischen Städte. Nicht allein in ihrem Aenßern, sondern sie zeigen auch in ihrem Auftreten und Benehmen weit mehr Lebensart. Es befinden sich unter ihnen vielfach kräftige Männer, die bei passender Beschäftigung Tüchtiges leisten können und von denen sich erwarten läßt, daß sie tüchtige Ackerbauer werden und so zur Verwirklichung der Pläne des Baron Hirsch ihr Schärflein beitragen können. Anderseits begegnen wir wiederum hinfälligen und lebensmüden Greisen, die sich abmühen und abschleppen und bei denen sich jeder unwillkürlich fragen muß, ob sie auch nur den Strapazen der Reise gewachsen sein werden, ganz zu schweigen von den Mühsalen, die in der neuen Heimath ihrer warten. Allen sieht man aber das Bestreben an, nur möglichst schnell fortzukommen, und mit der Vergangenheit zu brechen, ein Beweis, wie traurig das Leben gewesen sein muß, das sie bisher geführt haben. Im Ganzen sieht man aus dem bisher Gesagten, wie traurig es um die armen Leute steht, und es gehört ein mehr als stoischer Gleichmuth dazu, um Angesichts dieses traurigen Beispiels von Rassenhaß und politischer Unduldsamkeit sich nicht in tiefster Seele empört zu fühlen. Ein Jahrhundert, das solchen Barbarismus zeitigen konnte, hat wahrlich keinen Grund mit Stolz auf die Zeiten des finsteren Mittelalters zurückzublicken, denn alles Licht der Civilisation und Aufklärung, alle Errungenschaften auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft sind nicht im Stande, den trüben Schatten zu bannen, welchen dieses Beispiel despotischer Willkür und Grausamkeit über unser vielgerühmtes Zeitalter gebreitet hat. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Darmstadt, 18. Februar. Das Comite israelitischer Gemeinde - Vorstände in der Provinz Starkenburg versendet das nachfolgende Rundschreiben: Vielfache Bestrebungen der Gegenwart scheinen darauf gerichtet unsere Glaubensgenossen vornehmlich auf den Landorten geschäftlich zu isoliren und ihnen die Nahrung zu erschweren. In wie weit solche Maßnahmen dauernd Erfolge erzielen werden, läßt sich schwer voraussehen; um aber einer künftigen Erwerbslosigkeit vorzubeugcn, haben wir gemeinsam mit den hiesigen Rabbinen diese Frage eingehend erörtert und sind zu dem Resultate gelangt, zunächst eine Meinungsäußerung von Ihnen darüber einzuholen. Wir bitten demgemäß uns gefl. mittheilen zn wollen: 1. Ist allgemein ein Bedürfniß vorhanden, die Heranwachsende Jugend anderen als den seither geübten ländlichen Berufszweigen zuzuführen? 2. Besteht dieses Bedürfniß auch in Ihrer Gemeinde? 3. Sind die tnteressirten Eltern auf eine materielle Unterstützung angewiesen, oder genügt es 4. unsererseits die Vermittelung zu übernehmen, einen passenden Platz für irgend einen Beruf ausfindig zu machen? 5. Wie viele solcher Personen würden in Ihrer Gemeinde demnächst in Betracht kommen? 6. Für welche Berufszweige bestehen Fähigkeiten und Neigung? Wir heben noch hervor, daß wir allen Wünschen in Bezug ans religiöses Leben in jeder Be-

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