Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 15 (22.2.1892)
- Date
- 1892-02-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIII. Jahrgang. Beilage ju M 15 des „Israelit". Leitender Artikel. Pie russischen Auswanderer. Von Lehrer J. Speyer inEydtkuhnen. Die Massenausweisungen in Rußland, welche seit Monaten bereits mit jedem Tage einen größeren Umfang annehmen, machen sich in Deutschland nicht minder schmerzlich fühlbar, als in der Heimath der Ausgewiesenen selbst, und namentlich die Orte der preußisch - russischen Grenze bieten ein ebenso farbenreiches wie trauriges Bild von dem Leben und Treiben, sowie von den Verhältnissen dieser Leute und nicht minder von dem Elende, welches über Tausende von Existenzen durch den Willen eines einzigen Mannes, durch die Schlechtigkeit seiner Rathgeber hereingebrochen ist. Mit jedem Zuge kommen ganze Schaaren von Auswanderern an, theils Ausgewiesene, theils aber auch solche, welche durch die Unerträglichkeit der Verhältnisse in ihrem Vaterlande gezwungen sind, alles aufzugeben und jenseits des Meeres eine neue Heimath zu suchen. — Man kann im Ganzen unter den durchziehenden Auswanderern drei Klassen unterscheiden. — Einen verschwindend kleinen Bruchtheil bilden diejenigen, welche äußerlich einen anständigen Eindruck machen. Sie haben meistens daheim in nicht ungünstigen Verhältnissen gelebt, mochten aber die Bedrückungen im Vaterlande nicht ertragen und kehren demselben freiwillig und zumeist leichten Herzens den Rücken, weil sie durch Verwandte oder sonstige Verbindungen sich in der Lage fühlen, im fremden Laude frei von dem Drucke der Heimath ohne wesentliche Schwierigkeiten sich anzubürgern und zu einer ungestörten und friedlichen Existenz zu gelangen. So war im Monat September v. I. eine jüdische Musikkapelle, die ebenfalls durch das Geschick von ihrer bisherigen Heimath vertrieben wurde, mehrere Tage hier anwesend, und sie benutzte ihren Aufenthalt, um auch dem hiesigen Publikum eine Probe ihres Könnens zu geben. Wir müssen gestehen, daß wir bei diesen Leuten durchweg ein Talent entdeckten, welches uns über ihre Zukunft vollkommen beruhigt, zugleich aber auch den Fanatismus um so schmerzlicher empfinden läßt, der selbst vor dem Tempel der Kunst nicht Halt macht, vor welcher doch sonst auch die rauhesten Herzen sich in Demuth zu beugen pflegen. — Eine zweite Klasse befindet sich zwar nicht in dieser günstigen Lage, erscheint aber trotzdem fähig, bei einigem Fleiße und unter günstigeren Verhältnissen als bisher, allmählich zu einer bescheidenen Existenz sich emporzuarbeiten, da die Willenskraft und Schaffensfreudigkeit in diesen Leuten trotz allen Ungemachs in der Heimath offenbar nicht ermattet ist. Gelingt es ihnen nur, eine passende Beschäftigung zu finden, so läßt sich mit einiger Sicherheit annehmen, daß sie früher oder später ihre Ausweisung oder die Umstände, welche sie zur freiwilligen Auswanderung veranlaßten, als ein Glück betrachten werden. Schlimmer sieht es freilich mit denen aus, die fast gänzlich verkommen sind, die unter dem unerhörten Drucke des Vaterlandes seufzend jeden Halt verloren haben. Der Anblick dieser Leute ist wohl geeignet uns mit tiefer Wehmuth zu erfüllen und die Zukunft derselben muß einem jeden im Lichte gänzlicher Trost- und Hoffnungslosigkeit erscheinen.— Am bemitleidenswerthesten sind indeß die zahllosen kleinen Kinder, welche zum Theil halb nackt oder doch nur uothdürftig bekeidet, dem Wind und Wetter preisgegeben sind. Oftmals befinden sich dieselben nur in Begleitung ihrer Mütter, die ihren früher vorangegangenen Männern in die neue Heimath folgen. Wie wenig hoffnungsvoll die Zukunft ist, die ihnen entgegenwinkt, geht wohl am deutlichsten daraus hervor, daß ihre Männer nicht einmal in der Lage sind, die Reisemittel für ihre Angehörigen zu erschwingen. Aber trotz des namenlosen Elends, dem wir auf Schritt und Tritt bei diesen Leuten begegnen, zeigt sich in ihrem Wesen meistens keine Spur von Bitterkeit oder Hoffnungslosigkeit, vielmehr ertragen sie ihr Geschick mit Ergebenheit und zum Theil sogar mit einer gewissen Heiterkeit des Gemüthes, die dem Bewußtsein entstammt, sich dem Drucke des Vaterlandes endlich entziehen zu können. Dies zeigt am deutlichsten, in welch' unerträglichen Verhältnissen die Leute bisher gelebt haben müssen und mauche, deren Zukunft uns völlig hoffnungslos erscheinen würde, erklären gerade heraus, schlimmer als bisher könnte es ihnen unter keinen Umständen ergehen. Nicht minder spricht für den entsetzlichen Druck, unter dem diese im Vaterlande seufzten, die für uns geradezu unbegreifliche Aengstlichkeit und kriechende Unterwürfigkeit, mit der sie jedem noch so niedrigen Beamten, namentlich dem Ei enbahnpersonal, begegnen. Um so dankbarer zeigen sie sich deshalb auch für jeden noch so unbedeutenden Dienst, der ihnen seitens des Comitcs oder anderer Leute erwiesen wird. Für jeden Rath, den man ihnen ertheilt, können sie nicht genug Dankcsworte finden.