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Der Israelit · 1892-02-22 · Heft 15 (22.2.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 15 (22.2.1892)
Date
1892-02-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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291 immer mehr in Wuth über die Verstocktheit des jungen Juden, der so bös und charakterlos sein konnte, seinen angestammten Glauben, in dem er geboren und erzogen, der der Glaube seiner Eltern, seiner Braut und aller seiner Verwandten, der der Glaube seiner Ueberzeugung war, nicht auf Wunsch eines Großpopen hinzugeben. Es war dem Priester unbegreiflich, daß ein Mensch an dem Judenthume fefthalten konnte, wenn man ihm die Lehren der griechisch-orthodoxen Kirche mit so vielem Feuer und solcher Ueberzeugungskraft klarlegte und daß Jemand überhaupt einer anderen Ueberzeugung sein könne, als der Pope selbst. Das war doch offenbar nur eine Folge der Bosheit und Schlechtigkeit, die sich, vom Teufel verlockt, gegen besseres Wissen der einzigen Wahrheit verschließen wollte. Mit tiefem Groll und erfüllt von Rachegedanken verließ der Pope die Zelle, nicht ohne daß er zuvor ein Kreuz in derselben so hoch hatte befestigen lassen, daß der an den Füßen mit eisernen Ketten gefesselte Gefangene es nicht erreichen konnte. Noch schlimmer aber erging es dem Sendboten der Synode mit seinen Bekehrungsversuchen Rosa gegenüber. Alexei Chaimowitsch hielt seit jenem schrecklichen Vorgänge, der seinem Sohne die Freiheit gekostet, das junge Mädchen in tiefster Verschlossenheit vor aller Welt, sie durfte das Haus nicht verlassen, Niemand, der in das Haus kam, durfte sie sehen, denn man befürchtete jeden Augenblick, daß der Günstling des Czaren durch irgend einen Gewaltstreich sich in den Besitz Rosa's setzen möchte. So wurde denn der Pope gar nicht bei dem jungen Mädchen vorgelassen und er konnte seinen Eifer für die Kirche nur an Alexei Chaimowitsch der ihn empfing, bethätigen. Der alte Jude hörte seine Auseinandersetzung mit unerschütterlicher Ruhe an und hütete sich wohl, eine Entgegnung irgend welcher Art dawider zu halten. Er versuchte, den Priester mit Speise und Trank zu bewirthen und bot ihm auch Geld für die Armen an, für die ja ein Priester stets zu sorgen pflegt, der Pope war indessen durch dieses Anerbieten eher beleidigt als versöhnt, er wollte kein Geld von einem ketzerischen Juden, er wollte nur den Juden selbst gewinnen für die Reinheit des Glaubens und da ihm dies nicht gelang, ging er auch hier hinweg, während heiliger Ingrimm in ihm emvorstieg. Es war ihm klar geworden, daß an dem Starrsinn dieser Familie auch alle ferneren Bekehrungsversuche scheitern würden und so beschloß er denn, daß das Haus des Alexei Horwitz das erste sein solle, das die ganze Schwere des kirchlichen Zornes zu fühlen haben werde. Er wartete es nicht ab, bis der Günstling des Czaren zu ihm kam, sondern fuhr in die Wohnung desselben, um die nun nothwendigen Maßregeln zu besprechen. Als er dort ankam, war er ein gefügiges Werkzeug für alle die teuflischen Pläne des Jünglings geworden, und dieser konnte ihn, ganz seinem Willen entsprechend, gebrauchen. So hatte auch hier Iwan vollständig erreicht, was er gewollt, sowohl die hohe Politik des kaiserlichen Ministeriums als auch der Glaubenseiser der Synode waren seine Bundesgenossen geworden und dienten seinen Zwecken. Der Protopope und Iwan fuhren gemeinsam zum Chef der geheimen Polizei jener Provinzialstadt und diese Drei vereinigten sich nun, um eine geradezu fieberhafte Thätigkeit zu entfalten. Schon am Abend desselben Tages ging es lebhaft zu in den Schenken der Stadt und das gemeine Volk, das sich dort ansammelte, trank mehr Branntwein und Kwas, *) als gewöhnlich. Es waren einige Herren angekommen, die die Freundlichkeit hatten, die niederen Schenken des Volkes zu besuchen und die Ankömmlinge vermochten allerlei ganz merkwürdige Dinge zu erzählen. „Das Väterchen", berichteten sie, „das erst vor einigen Wochen den Thron des heiligen Rußlands bestiegen, sei ein gar besonders guter Mensch, dem Nichts mehr am Herzen liege, als der Wohlstand und das Glück des geringen Volkes. Darum sei er sehr bedacht darauf, wie es möglich wäre, die drückende Noth der Armen zu lindern, und ihnen zu einem reichlichen Besitze zu verhelfen. Er habe deßhalb beschlossen, seinen christlichen Unterthanen das allergnädigste Privilegium zu gewähren, alle Juden einige Tage lang zu berauben und zu plündern." Die Arbeiter und das beschäftigungslose Gesindel in der Schenke hörte mit großer Freude diese Nachricht an, die ihnen eine Reihe von großen Vergnügungen und dazu noch Gold in Hülle und Fülle versprach. Aber auch diejenigen, die nicht in jenen gemeinen Wirthschaftshäusern zu verkehren pflegten, erfuhren schnell genug, daß etwas Außerordentliches bevorftehe. Von unsichtbaren Händen wurden in der ganzen Stadt große, gedruckte Plakate vertheilt und an allen leeren Stellen der Häuser angeklebt; auf diesen wurden die Juden in höchst verleumderischer Weise der schwersten Verbrechen angeklagt. Das Märchen des rituellen Blutmordes wurde wieder aufgetischt und vermengt mit den socialen Forderungen der Antisemiten. Die Hebräer wurden beschuldigt, das Volk zu berauben, zu plündern und auszusaugen. Man hatte sich irgend eine Erzählung erdacht, in der ein Jude *) Mil „Kwas" werden mehrere Getränke bezeichnet. Es gibt Aepfelkwas, Himbeerkwas rc. Der gewöhnliche Kwas ist ein säuerliches, mit Alkohol vermischtes Gebräu.

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