Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 15 (22.2.1892)
- Date
- 1892-02-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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289 den. Der Antisemiten-Katechismus behauptet gleichwohl, man habe die Sache erst festzustellen versucht, als der einzige Ohrenzeuge, Kommerzienrath Magnus gestorben war. Gesprochen hat bekanntlich Kaiser Friedrich dieses, den Antisemiten so unbequeme Wort im Jahre 1880 in einer Sitzung der Viktoria-Jnvalidendankstiftung gegenüber dem stellvertretenden Vorsitzenden derselben, Stadtrath Magnus und er hat am 15. Januar 1881 in einer gleichen Sitzung, in der an den früheren Vorgang erinnert wurde, mit dem Bemerken wiederholt, daß er dieselbe Anschauung wie damals hege und daß er die gedachten (antisemitischen) Bestrebungen auf das Entschiedenste mißbillige und verwerfe. Er fügte hinzu: „Was sein Gefühl dabei am meisten verletze, sei die Hineintragung dieser Tendenzen in die Schule und in die Hörsäle; in die Pflanzstätten des Edlen und des Guten sei dieses böse Samenkorn hineingeworfen worden. Er vermöge es nicht zu fassen wie Männer, die auf geistiger Höhe stehen oder ihrem Berufe nach stehen sollten, sich hier zu Trägern und Hilfsmitteln einer in ihren Voraussetzungeu und Zielen verwerflichen Bewegung hergeben könnten." Im Einverftändniß mit Herrn Magnus sind die Worte des Kaisers Friedrich, wie durch das vor Gericht abgelegte Zeugniß der Redakteure, des Abg. L. Löwe und des Oberbürgermeisters v. Forckenbeck festgestellt wurde, an demselben Tage in der „Rat. Ztg." veröffentlicht worden. Von diesen Vorgängen schweigt der Antisemiten-Katechismus. Er hat auch nichts davon erfahren, daß neuerdings ein Stadtverordneter in der Stadtverordneten-Versammlung in Darmstadt erklärte: „D e r Groß Herzog von Hessen habe ihm ausdrücklich versichert, daß die in Rede stehende Aeußerung des Kaisers Friedrich wahr sei." Dagegen scheut er sich nicht, aus dem bekannten Buche des Rektors Ahlwardt das Kapitel über den Kaiser Friedrich abzudrucken. Zürich im Febr. Vor ungefähr Jahresfrist brachte der „Israelit" eine Correspondenz aus Zürich, die ungefähr in dem Phrophetenworte ausktang: dji "ip3 Nn«. Die einzelnen Punkte sind uns nicht mehr genau erinnerlich, es mag indessen gleich gesagt sein, daß sich hier innerhalb der jüdischen Gemeinde eine Umwälzung vorbereitet, deren erste Phasen sich damals schon zeigten, deren Ende sich auch heute noch nicht bestimmt Voraussagen läßt. Dieselbe gewinnt aber mit jedem Tage mehr und mehr eine festere Gestalt. Der orthodoxe Flügel der Züricher Gemeinde ist r>"2 sehr erstarkt. Es mögen an dieser Erscheinung nicht zum Mindesten die Vorträge dazu beigetragen, welche Herr Dr. Ehrmann von Baden kürzlich hier vor zahlreicher Zuhörerschaft gehalten hat und welche auch von Gegnern des orthodoxen Standpunktes besucht waren; auch die leidige Schächtfrage drängt alle Theile der schweizerischen Judenheit immer mehr zu der Erkenntniß hin, daß nur das offene und mannhafte Auftreten als echter und wahrer Jude im Stande ist, unseren Gegnern Achtung abzuringen. Wir dürfen in Bezug auf die Schächtfrage noch auf mehr als eine Ueberraschung binnen Jahresfrist gefaßt sein. — Was nun speziell die Züricher Gemeinde anbetrifft, so hat die vor 2 Wochen stattgehabte jährliche Generalversammlung Beschlüsse gefaßt, über die man gewiß seine laute Freude äußern darf. Es handelte sich vorzugsweise um Bestätigungswahlen, und während Vorbeter und Gemeindediener nahezu einstimmig wiederbestätigt wurden, fand dies bei dem Reltgionslehrer (der gleichzeitig das Amt des Predigers versieht), sowie beidem Schochet nicht statt. Um diese Resultate voll und ganz zu würdigen, muß man eben die Verhältnisse mit in Betracht ziehen. Es würde zu weit führen, diese innerhalb des uns gegönnten Raumes auseinanderzusetzen, aber es mag gesagt sein: Die betr. Beschlüsse werden ihre Schatten weit über das Weichbild Neu-Zürichs hinauswerfen, und es ändert Wenig oder Nichts, daß man den beiden jetzigen Funktionären aus Toleranz-Rücksichten (oder Coulanz) erst auf Ende 1892 gekündigt hat. Es darf heute schon als gewiß gelten, daß die Schochetfrage im orthodoxen Sinne gelöst werden wird; was in St. Gallen möglich, ist in Zürich gewiß auch zu bewerkstelligen, und was die Besetzung des Rabbinats anbetrifft, denn nur um die Wahl eines mit allen Kompetenzen ausgestatteten Rabbiners wird und kann es sich handeln, so ist für einen Reformer hier kein Platz mehr. Es wird Muth und Selbstverleugnung dazu gehören, daß ein orthodoxer Mann sich um den Posten bewirbt, das Gehalt wird gewiß sehr liberal bemessen werden, denn die Finanzen der Gemeinde erlauben es; diejenigen Gemeindemitglieder, welche den täglichen und Sabbatgottesdienst regelmäßig besuchen, können das Harmonium ganz gut entbehren und wenn es auch vielleicht einen Kampf geben wird, zwischen denen, die eine schlechte oder mittelmäßige Musik hören wollen, und denen die einen belehrenden und erbauenden Vortrag aus unserer heiligen Thora der Ersteren vorziehen, so ist der Kampf wohl des Preises werth. Möchte sich der rechte Mann finden! ->p2 nhn Vermischtes. Berlin, 10. Febr. 3um A'aittener Mordprozeß wird in einem Leipziger Antisemitenblatt erzählt, daß bei!