Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1892)
- Date
- 1892-02-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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268 die auch nicht mehr sind als ich, und die es doch dazu gebracht hatten, daß ganz Wien von ihnen sprach und die Zeitungen sich sehr eingehend mit ihnen beschäftigten. Wem sie das verdankten? Weder ihrer Rechtschaffenheit, noch ihren sonstigen bürgerlichen Tugenden, noch ihren Talenten, sondern einfach dem Umstande, daß sie sich in allen Wirthshäusern mit dem ganzen Aufgebote ihrer Lungenkraft als wüthende Judenfresser bekannten, gegen die Semiten donnerten und als fanatische Apostel des Antisemitismus auftraten, der die unteren Schichten der steuerzahlenden Bevölkerung, die Fünfgulden-Männer, dieGevatterSchnetder, Schuster und Handschuhmacher ergriffen hatte. Diese Leute fanden es sehr bequem, die Schuld für den schlechten Gang ihrer Geschäfte den Juden aufbürden zu können, sie fühlten sich sozusagen erleichtert dadurch und jubelten den Männern zu, die es auf sich nahmen, ihnen dies, während sie ihren „Fensterschwitz" tranken, täglich von Neuem zu beweisen. Doch was sage ich: beweisen? Als wenn die bloße, brüllend und bei drohend geballter Faust herausgestoßene Behauptung nicht genügt hätte! Nun, dachte ich, wenn man so billig zu Popularität, Ehren und Ansehen kommen, allenfalls auch ein diätenreiches Reichstagso)er Gemeinderaths- Mandat ergattern kann in der schönen Kaiserstadt an der Donau, warum sollte ich, Franz Xaver Meyer, bürgerlicher Mechaniker und Optikus, es nicht auch versuchen? Die hierzu nöthige Fertigkeit im Schimpfen erwarb ich mir in den Versammlungen meiner Freunde Lueger (von diesem habe ich den Brustton „unerschütterlicher Ueberzeugung" für jeweilige Meinungen), Lichtenftein, (von diesem deutschen Fürsten lernte ich, jedem Lumpen die Hand zu drücken und zu lächeln) und Schneider. Von diesem Letzteren, der wie ich Mechanikus ist, konnte ich auch, wenn's nöthig sein sollte, mich in der Fälschung von Stimmzetteln unterweisen lassen, in der Anfertigung von Stampiglien, in der Anleitung zu falschen Zeugenaussagen vor Gericht . . Lügen, hm, das gewöhnt man sich von selbst an, wenn man täglich zweimal „das Deutsche Volksblatt" Vergan^'s liest, jenes Ehrenmannes, von dem einer seiner begabtesten Redakteure, Karl Hron, öffentlich sagen durfte, er gehöre zu jenen Leuten, die, wenn man ihnen in's Gesicht spukt, mit edler Charakterfestigkeit behaupten, es regne ... Für das nöthige Selbstbewußtsein, na, ich brauche nur zu erwähnen, daß ich den Korrespondenztheil der „Unverfälschten deutschen Worte" des Herrn (weiland Ritter von) Schönerer fleißig las, der sich dort so sehr verherrlicht, daß seit dem Bestehen dieses sine 8tuäio doch mit Iro*) geschriebenen Un- *) Iro ist der Name des Redakteurs dieses Blättchens. terletbblättchens die Räucherkerzen im Preise gestiegen sind. Kurz, ich besaß alle Fähigkeiten und Kenntnisse, welche ein antisemitischer Führer nöthig hat, um sich Freunde und Wähler zu verschaffen, aber es gab außerdem noch etwas, worin ich alle meine Mitwerber um die Gunst der Massen weit übertraf: im Jüdeln, in der Behe-rschung jenes Dialekts, durch dessen Sätze der Jordan und die Weichsel rauschen, des echten unverfälschten Krakauer Tonfalls mitsammt den dazu gehörigen Gesten und Bewegungen. Man darf dies keineswegs unterschätzen. Meine Gesinnungsgenossen in der Kneipe jubelten mir zu. wenn ich jüdelte; sie fühlten sich erhaben über diesen Volksstamm, welcher eine solche Sprache redete, sie vergötterten mich. Ich war ihnen unentbehrlich, denn ich verstand es, die Leute, die sie haßten, in dieser wirksamen Weise zu verspotten. Es that meinem Ansehen auch weiter keinen Abbruch, als eines Tages Fürst Alois Liechtenstein in der Reichstagssitzung zum Erstaunen aller Welt zu mauscheln begann. Ich sah darin blos eine Anerkennung und die Vortrefflichkeit meiner Methode. Ueberdies war dies — zwar nicht der erste, aber — der billigste Erfolg, den Seine Durchlaucht einem Mechanikus verdankte, sein „theurer" Freund Mechanikus Schneider ist jedenfalls kostspieliger. Durch diesen Vorfall fühlte ich mich noch mehr angespornt. Ich fing an, mein Geschäft zu vernachlässigen und trieb mich tagelang auf dem Salzgries und in der Leopoldstadt umher, wo ich die allerkoschersten Speisestuben aufsuchte und die allerechtesten Polen, um mich in einer Kunst zu vervollkommnen, die mich an's ersehnte Ziel bringen mußte. Es ist selbstverständlich, daß mich meine neuen Bekannten für einen Juden hielten und ohne Zurückhaltung vor mir sprachen. Das schien mir aber noch nicht genug. Ich reiste nach Krakau, um den Dialekt an der Usuelle zu ftudiren. Wie mußte ich nach meiner Rückkehr dastehen vor meinen Freunden! Als ein Held, der sich in des Löwen Höhle gewagt, als ein Mann, der so viele Opfer gebracht, um den Feind in seinem eigenen Lager beobachten zu können. Die Wahlen riefen mich nach Wien zurück. Die Brust voll hoffnungsfroher Erwartung kehrte ich heim. Ich wollte mich erst in der ersten großen Wahlversammlung zeigen, welche meine Freunde für mich einberufen hatten. Am Nordbahnhofe erwartete mich mein vertrautester Anhänger, ein Herr Weinhuber, ein Greißler. „Grüß' Di Gott!" sagte er herzlich. „Schulem alechem," antwortete ich, ihm fröhlich die Hand entgegenstreckend. Er lachte.