Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1892)
- Date
- 1892-02-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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269 „Bist denn narisch worden, Franzl?" „Wie heißt narisch?" fragte ich erstaunt. „No, weil so jüdisch red'st mit mir." „Nu, nix jüdisch werd' ich reden-" Weinhuber blickte scheu um sich. Dann führte er mich ein wenig abseits. „Weißt," sagte er, „wann'st so mit mir jüdelst, nachher hält mi Jeder, der mir zuhören thut, für an Juden. Lass' jetzt den dalkerten G'spaß," raunte er mir zu. „Heißt, was für e Ehamer de bist, Weinhuberleben!" schrie ich. Ein paar Leute waren stehen geblieben. Der Greißler war roth vor Zorn. „Wann'st selber an Jud' worden bist, nachha -leb' wohl," sagte er plötzlich, „ich kann solchen G'spaß nöt vertragen, leb' wohl." Damit entfernte er sich, offenbar sehr erbost. Ich mußte laut lachen. „Mboh," brummte ich und zuckte die Achseln. Während des Nachhausefahrens fiel mir ein, daß ich mit Weinhuber doch ganz gut deutsch hätte sprechen können. Warum denn nicht? Ja, was war mir denn eingefallen? Aber ich erschrack. Was war denn das? Dachte ich denn in deutscher Sprache? Nein, nein — mein Denken geschah in den fürchterlichen Redensarten des Dialekts, den ich zwei Monate lang mit allem Eifer und der ganzen Leidenschaft, welche mir die gute Sache einflößte, geübt. Ich dachte in jüdischen Worten und Ausdrücken, in diesem entsetzlichen Kauderwälsch von Deutsch, Hebräisch und Polnisch. Ich war auf's Höchste beunruhigt, und als ich mein Zimmer betrat, mußte ich mich sofort zu Bett legen. Des Nachts wachte ich auf. Ein furchtbarer Traum hatte mich gequält. Es kam mir vor, als hätte ich mein schönes Deutsch überhaupt verlernt, als könnte ich mich überhaupt nicht mehr anders ausdrücken als in der Mauschelsprache. Ein tiefes Mitleid mit mir selbst befiel mich. „Nebbich," sagte ich laut. Und als würde mir dieses Wort nur erst recht meinen Traum bestätigt haben, fiel ich in die Kissen zurück und begrub in denselben verzweiflungsvoll mein schweres Haupt. * * * Am nächsten Morgen begann ich zu fühlen, daß es so nicht weiter gehen könne. Ich mußte meine natürliche Sprache wieder erlangen, es nützte nichts. Es durfte Niemand erfahren, was mit mir geschehen. Ich entschloß mich kurz und begab mich zu meinem Freunde, dem Fürsten Liechtenstein. Kopfschüttelnd hörte mir der Prinz zu, dann bat er mich höflich, ich möchte nicht so schreien und nicht so mit den Händen herumfuchteln. Dann schüttelte er noch einmal den Kopf und meinte, so jüdeln, wie ich es thue, hätte er nicht einmal einen Juden gehört. Ich müsse übertreiben. „Soll jach esoi leben," sagte ich weinend, „jach thu nix übertreiben, jach bin der größte Nebbich von der Welt." Der Prinz lachte, daß ihm die Tbränen in die Augen traten. Nachdem er mich aber noch eine Viertelstunde lang angehört, erbleichte er plötzlich und schrie: „Hinaus mit Ihnen! Glauben Sie, ich fühl's, Sie stecken mich an, wenn Sie noch fünf Minuten sprechen, muß ich jüdeln, Gott soll mich strafen, wenn ich-hinaus mit Ihnen, Sie brechen mer das Herz." * * * Ich habe mich drei Tage lang eingeschlossen und Niemand empfangen. Ich habe nichts gethan, als meine Kandidatenrede auswendig gelernt. Sie war im schönsten Deutsch abgefaßt. Als ich aber vor meine Wähler trat und den Mund aufthat, um den schädlichen Einfluß des Judenthums zu beleuchten, konnte ich nicht anders: ich jüdelte. Der Schutz meiner Getreuen nützte mir nichts, ich wurde hinausgeworfen als — Jude. Trostlos irrte ich in den Straßen umher. Was sollte ich noch beginnen in dieser Welt. Ich war ein fanatischer Antisemit und jüdelte entsetzlich. Meine Genossen mußten von mir abfallen, es war nicht anders möglich. Ich hätte sie immer und immer wieder kompromittirt, ein jüdelnder Antisemit! O, diese Juden, diese Juden! Da ging eben Einer vor mir. Ich kannte ihn von früher. Ich hatte die Empfindung, als müßte ich ihn ansprechen, um ihm ein paar saftige Grobheiten ins Gesicht zu schleudern. An Jemandem mußte ich doch meine Wuth auslaffen. „Herrleben, Sie, Herrleben!" rief ich ihn wild an. „Was wünschen Sie?" Es gab mir einen Stich in's Herz. Dieser Jude sprach ein reines Deutsch. Es machte mich wüthend. „E Schaute seid Ihr, e Ganef, e Chammer," brüllte ich. Der Herr sah mich an. Dann hob er die Hand und versetzte mir eine schallende Ohrfeige. „Das soll das Volk nicht antisemitisch werden, wenn es Juden giebt, die so frech sind," sagte er, davongehend. Da stand ich nun wieder. Und dieser Mensch, dieser gewissenlose Semit, sprach Deutsch, reines schönes Deutsch. In meiner Verzweiflung lief ich der Donau zu. Ich wollte meinem elenden Leben ein Ende machen. Als ich mich über die Brückenrampe beugte, fühlte ich mich zurückgehalten.