Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1892)
- Date
- 1892-02-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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gefunden. Die Mehrausgaben kämen zumeist den sogenannten weltlichen Institutionen zu Gute. Der Etat der Religionsschulen sei allerdings von 3700 Mk. auf 11,500 Mk. gestiegen, da 1882 nur eine Religionsschule bestand und jetzt auch eine zweite ins Leben gerufen wurde. Redner glaubt jedoch, daß die Aufwendungen für die Knaben- und Mädchenschulen zweckdienlicher verwerthet werden könnten, wenn die Gemeindeverwaltung diese Beträge der Creirung von Religionsschulen zuwenden würde. Konfessionelle Schulen hätten nur dann eine Berechtigung, wenn die Anstalten eine ernste religiöse Erziehung erstrebten. Für Bildung des jugendlichen Geistes sei in den Berliner Kommunalschulen in ausgiebigster Weise Sorge getragen. Wohl behauptet man, die Knabenschule der jüdischen Gemeinde sei um der Gemeindechöre willen eine unerläßliche Nothwendigkeit, da die Zöglinge der städt. Schulen nicht am Sabbat die Synagoge besuchen könnten, jedoch glaubt Redner, daß dieser einzige Vortheil viel zu hoch angeschlagen werde, als daß ihm solch bedeutende Summen geopfert werden dürften, zumal für sämmtliche Feiertage die Schüler der öffentlichen Anstalten verfügbar wären. Uebergehend auf die Ausgaben für den Gottesdienst, für den 1882 Mk. 10,500 und 1890 Mk. 27,500 verwendet würden, bemerkt der Referent, daß die Neue Synagoge (Orgel) den bedeutendsten Zuschuß erhalte, und daß die Miethserträge der Synagoge Lindenstraße nicht einmal die Zinsen des Betrages, welcher auf den monumentalen Bau verwendet wurden, decken könnten. Dagegen hebt Redner als dankenswerthen Fortschritt hervor, daß zur Beschaffung von Koscherfleisch im Jahre 1882 nur Mk. 2555 und im Jahre 1890 Mk. 6500 ausgegeben wurden und für das Jahr 1892 sogar Mk. 10,600 veranschlagt sind. Die Ausgaben für die Beerdigungsanstalt steigerten sich von Mk. 5900 (im Jahr 1882) auf Mk. 20,000 (im Jahre 1890), jedoch würden sonderbarer Weife die 100,000 Mk., welche für Erbbegräbnisse eingingen, aufgesammelt, damit die zukünftige Generation nach 20 Jahren das erforderliche Geld zum Erwerbe eines vierten Friedhofes vorsinde. Dieser väterlichen Fürsorge für das Begraben der künftigen Geschlechter könnte der Redner keine Anerkennung zollen. Räthlicher erschiene uns, die 100,000 Mk. zum Ankauf eines Beth-ha-Chajim zu verwenden, das ausschließlich zur Beerdigung von Israeliten dienen müßte. Denn auf dem großen Gemeindefriedhofe ruhen allerdings die Christen und Israeliten in friedlicher Gemeinschaft; doch wollen die Strengreligiösen beider Konfessionen diesem Wohlwollen (?) der Gemeindebehörden keinen Wohlgeschmack abgewinnen. Für 266 den Ankauf eines Erziehungshauses in Pankow bei Berlin habe die Gemeinde Mk. 300,000 ausgegkben. Da der rechte Zweck dieses Instituts noch nicht klar ersichtlich sei, so wollte sich Redner eine Kritisiruug dieses Unternehmens noch versagen. Dagegen warnte derselbe vor dem neuen Ankauf eines Vorderhauses in der Kaiserftraße, wofür 275,000 Mk. bestimmt seien. Referent kannte noch nicht den Zweck dieser Erwerbung, doch wurde aus der Mitte der Versammlung verrathen, daß die Gemeindebehörden die Uebernahme der „Lehranstalt für die Wissenschaften des Judenthums" planen und dieselbe dahin zu verlegen beabsichtigen. Wohl wäre für dieses Projekt diesmal noch keine Majorität zu finden gewesen, doch hoffe man, daß die nächsten Wahlen (Herbst 1892) eine diesem Projekte gefügige Mehrheit bringen werde. Als bemerkenswerte Einzelheiten wären aus dem Vortrage noch hervorzuhebeu, daß im Gemeindewaifenhause 72 Zöglinge verpflegt werden und die Ausgabe Mk. 722 pro Kopf betrage, und daß für die außerhalb des Institutes versorgten Kinder Mk. 220 pro Kopf ausgegeben werde, die Hospitanten der Alterversorgung erforderten Mk. 730 pro Kopf. Von der Armenkasse wurden 2520 Bedürftige und 138 verschämte Arme unterstützt. Redner stellte endlich für das nächste Jahr einen Ueberschuß von Mk. 300,000 in Aussicht uud gab der Hoffnung Ausdruck, daß Vorstand und Repräsentanten endlich den wiederholt ausgesprochenen Wünschen der Gemeindemitglieder den religiöse n Institutionen größere Beachtung zu schenken, Nachkommen werden. An diesem beifällig aufgenommenen Vortrag knüpfte der Vorsitzende der Ahtheilung „Centrum", Herr Jacobius, einen Bericht über die Thätigkeit des „Centralveretns", dessen hauptsächliches Wirken sich einmal gegen den alles Schöne und Gute ertötenden Jndifferentismus richte, und der ferner die Gleichberechtigung aller Parteien anstrebe. Eine Unterdrückung der religiösen Minderheit, wie dies Jahrzehnte der Fall gewesen, und noch immer nicht verschwunden sei, werde allseitig perhorrescirt. Redner rügt an der Etatsaufstellung, daß von einer kaufmännischen Buchführung an dieser Arbeit nichts zu entdecken sei. — Die Geneigtheit des Vorstandes, den Wünschen des Vereins nachzukommen, erkenne er gern an, wiewohl die Spitzen der Gemeinde nicht zugestehen wollten, daß Jugendgottesdienst, Andachtsveranstaltungen an den hohen Feiertagen und andere Fortschritte der Initiative des Vereins zu danken sei. Einen Mangel an tüchigen Beamten, welchen die herrschende Partei stets vorschütze, wenn ihr die verhältnißmäßig geringe Zahl von Bethäusern