Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1892)
- Date
- 1892-02-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXX11I. Jahrgang. Erste Keilage M JSs 14 des „3stndit“. Leitender Artikel. Der Gemeindeetat vor dem Forum der Volksversammlung. Die Berliner Versammlungen, die sich ausschließlich mit jüdischen Gemeindeangelegenheiten beschäftigen, verdienen eine geziemende Würdigung in den öffentlichen Organen. Sie bedeuten einen Fortschritt, von dem wir etwas Heilsames erwarten dürfen. Wenn unsere Brüder in den kleineren Städten des Reichs zu Berathungen zusammentreten, um ernste Kultusfragen zu erörtern, so geschieht dies ohne erhebliche Schwierigkeiten, ohne Störung der ewig gleichmäßigen Hausordnungen und ohne jegliche Opfer. Anders gestaltet sich ein solcher Versammlungsabend innerhalb des großstädtischen Lebens. Die Berathungen können nicht vor 9 Uhr Abends beginnen und gelangen erst gegen Mitternacht zum Abschlüsse. Die weiten Wege' erfordern ein vorzeitiges Einstellen der geschäftlichen Thätigkett, die Versammlungslokale und der Aufenthalt daselbst verursachen Kosten, und endlich müssen die Referenten ihre kostbare Tageszeit den umfangreichen und gründlichen Vorarbeiten hingeben. So bringt nur die Opferfreudtgkeit und die wiedererwachte Anhänglichkeit, die man der Mutter Religion bewahrt, die Gemeindegenoffen zu einem Redeturniere zusammen. Und reden wollen allerdings recht Viele. Die Einen sind die geborenen Kritiker, welche die Schwächen des bestformulirten Vortrages entdecken und schonungslos bloslegen, die Anderen bringen ihre Wünsche und Beschwerden vor, welche ein volles Jahr im Schoße des belasteten Herzens ruhen müssen, und eine dritte Klaffe tritt mit gutgemeinten Vorschlägen auf den Plan, wie die Schäden des Gemeindekörpers zu verbessern, wie die alten Wunden zu heilen sind. Schließlich finden wir es nur recht und billig, daß die Steuerzahler endlich auch den Beruf und die Neigung empfinden, den heiligsten Angelegenheiten des Lebens das Wort zu reden, und der Verstand des schlichten Handwerkers sich auch mit seiner Meinung hervorwagt und nicht den 28 Tribunen der Achtzigtausend Seelen zählenden Gemeinde allein die Fürsorge für das Gemeindewohl überläßt. Lange Zeit schlummerte allerdings jegliches Interesse an den Gemeindeangelegenheiten. Die Strengfrommen erlangten ihr separates Korporationsrecht und stellten ihre Institutionen allen Glaubensbrüdern in „l i b e r a l e r" Weise zur Verfügung, die! Großgemeinde beeilte sich, den Gipfel der Reform zu erreichen, damit schien alles unnütze Parlament Liren abgethan. Wie haben sich aber die Zeiten geändert?! Welch anderer Geist ist in das israelitische Volk Berlins eingekehrt?! Nachdem die Führer der Gemeinde drei Jahrzehnte mit aller Leibes kraft daran gearbeitet, das gesammte Gemeindewesen auf die rein bürgerlichen Pflichten zu beschränken und sich den Forderungen des speziell Religiösen hartnäckig zu verschließen gesucht, wird jetzt die Kräftigung der religiösen Institutionen nicht mehr ganz außer Acht gelassen, denn das Volk hat sich aus dem langjährigen Stillschweigen emporgerafft. Das ist ein bemerkenswerther Erfolg, den wir mit aufrichtiger Freude begrüßen. Diesem glücklichen Umschwünge wollen sich auch die Leiter der Gemeinde nicht ganz verschließen. Vorangeht, — was hier rühmend anerkannt werden muß —, der Präses der Gemeinde, Herr Justizrath S. Meyer. Derselbe erklärte es unumwunden als seine Lebensaufgabe die berechtigten Forderungen aller religiösen Richtungen — auch der strengorthodoxen — erfüllen zu wollen. Der erste Beamte der Großgemeinde Berlin betrachtet es, — wie er gelegentlich geäußert, — als Lebensziel die bestehende Kluft zu überbrücken, d. h. die getrennten Gemeinden wieder zu vereinigen. Das sind Symptome einer besseren Zeit, die man vor Jahren nicht einmal zu ahnen wagte. Von derselben Idee war auch der Afferent Herr I. Weinberg durchdrungen, der gestern in einer Versammlung des „Centralvereins für jüdische Interessen" den Etat der jüdischen Gemeinde einer eingehenden Kritik unterzog. Redner verglich den Etat von 1882, in welchem die Gemeindesteuern in runder Summe 461,000 Mk. betrugen, mit dem Gemeindebericht pro 1890, in welchem sich die Steuerbeträge auf 727,000 Mk. belaufen. Da auch die anderen Einnahmen ein Mehr von 15,000 Mk. aufweisen, so fühlt sich der Vortragende veranlaßt, der Frage nach dem Verbleib des Plus von 360,000 Mk. näher zu treten und giebt seinem Bedauern Ausdruck, daß der Bau der Synagoge Lindenstraße, der 1!/2 Millionen verschlungen, diesen hohen Betrag ganz absorbirte. Die Ausgaben hätten sich in diesen 8 Jahren um 662/s vermehrt, gegen diese Steigerung wäre nichts zu erinnern, jedoch wären die Zuschüsse für Schulzwecke nur von 84,000 auf 96,000 Mk. erhöht worden. Aehnlich verhielte es sich mit den Ausgaben für die Kultuszwecke, dieselben hätten nicht die ihnen gebührende progressive Vermehrung