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Der Israelit · 1892-02-15 · Heft 13 (15.2.1892) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 13 (15.2.1892)
Date
1892-02-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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245 Diese Partei,, obgleich an Zahl die überlegene, ist als Partei noch im Embryo und hat noch kein wirklich unabhängiges religiöses Oberhaupt. Aber entwickeln wird sie sich, und es wird blos von dem Umstande, ob die gemäßigte Partei gesetzestreu bleibt oder sich der Resorm zuneigt, abhängen. wie bald sie unabhängig handeln wird. Die andere Gruppe, deren religiöses Oberhaupt Herr Dr. Adler ist, könnte man wohl die Mittel- oder gemäßigte Partei nennen. Sie besitzt ungefähr 15 große Synagogen, welche die „Ilniteä Synagogue“ (den Synagogenbund) bilden. In diesem Lager regt sich's seit einigen Jahren gar mächtig. Man hat einen Dvs nach dem andern abgeschafft, um den Gottesdienst „interessanter" zu machen. Umsonst, die Synagogen bleiben an gewöhnlichen Sabbaten leer, fast so leer als die Reformsynagoge selbst. Die Scheere muß mithin geschäftiger sein. Man bombardirt zu diesem Behufe Herrn Dr. Adler von allen Seiten. Dieser möchte gerne alle befriedigen, blos eine Heerde haben und um jeden Preis einen Bruch vermeiden. Wenn ein „Herr Zimmer" an ihn schreibt und ihm ans Herz legt, daß es himmelschreiend sei, daß man für den Gottesdienst ein musikalisches Instrument in die altehrwürdige Dukes Place-Synagoge bringen wolle, so beruhigt er den guten Mann, giebt ihm auch wahrscheinlich vollkommen recht und streichelt ihm über seine Gesttzestreue die Wangen; aber den Inhalt seiner Briefe oder die mündlichen Erklärungen zu veröffentlichen, verbietet er ihm auf's strengste, und einige Wochen nachher hält er selbst Gottesdienst in dieser altehrwürdigen Synagoge, wobei das Harmonium seine Rolle spielt Ein Lehrer des hiesigen Rabbinerseminars stellte sich vor etwa zwei oder drei Jahren an die Spitze einer entschiedenen Reformbewegung in einem westlichen Diftikte Londons. Die Bewegung existirt heute noch, und der betreffende Lehrer ist ebenfalls heute noch Lehrer an dem orthodoxen „Jews College.“ Wenn nun Jemand zu Herrn Dr. Adler, der als Oberrabbiner Präsident dieser Hochschule ist, sagen würde: Aber Herr Dr., das ist doch ungereimt. Entweder ist die Reformbewegung kein Unrecht, oder der Herr R. sollte nicht am Jews College unterrichten, so bin ich überzeugt, er würde dem Fragesteller recht geben; ihm aber strenge anheimstellen, die Antwort als „im Vertrauen" gegeben zu betrachten. Aber wird er Schritte thun, den fraglichen Herrn vom Lehrerpersonal zu entfernen? I bewahre; Und in diesem Widerspruch werden Englands künftige Prediger .ausgestellt. Glaubt man vielleicht, diese jungen Leute seien mit Blindheit geschlagen? Oder will man den Zöglingen praktisch beibringen, daß Heuchelet heutzutage zum Handwerk gehöre? Die Zukunft wird zeigen, ob mit dieser zweideutigen Stellung der Zukunft des Judenthums gedient ist, und.ob es möglich, mit dem Jäger zu jagen und zu gleicher Zeit mit den Hasen davonzulaufen. Der zu allen Zeiten arg verschriene Pharisäer wird schließlich auch im jetzigen London den Beruf haben, das echte Judenthum späteren Generationen aufzubewahren. Ist kein „Hirsch" oder „Lehmann" da, der uns aus unserem Zwitterthum befreit? Rußland. Moskau, 4. Februar. (Judenaustreibungen aus Moskau.) Mit welcher Brutalität die Vertreibung der Juden vollzogen und mit welcher thierischen Herzlosigkeit bei diesem menschenunwürdigen Vorgehen auf Anordnung des Bruders des Zaren, des Großfürsten Sergius vorgegangen wurde, schildert ein Bericht im B. T., den wir im Auszuge hier wtedergeben: Der 26. Januar, so heißt cs in der Zuschrift, wird in der Geschichte der Juden in Rußland einer jener Gedenktage sein, die durch ihre schrecklichen Ereignisse einerseits herzliches Mitleid mit dem traurigen Geschick tausender unschuldiger, arbeitsamer, ihres Glaubens wegen verfolgter Familien erregen, andererseits die Abscheu Hervorrufen über die Art und Weise, mit welcher die Verfolgungen durch die russische Polizei von den höchstgestellten Beamten bis zum Gorodowoj, zur Ausführung gebracht werden. Bekanntlich wurden s. Z. drei Termine festgesetzt, an welchen die Juden ohne jeglichen weiteren Aufschub Moskau verlassen sollten, und zwar für den größeren meist ärmeren Theil der 26. Januar, für den kleineren, bevorzugten Theil der Juden, d. h. für die, welche im Stande gewesen sind, rechtzeitig die Beamten mit größeren Geldsummen weich zu machen, der 26. April oder der 26. Juli rc., je nach der Höhe der Bestechung. Am 26. Januar gegen Abend war nun der Brefter Bahnhof in Moskau überfüllt von Juden, welche von der Polizei, unter direkter Leitung des Großfürsten Sergius, dessen Gattin bekanntlich eine deutsche Prinzessin ist, drangsalirt wurden. Es war herzzerreißend, das Weinen der Kinder und Mütter zu vernehmen, die mit Gewalt aus den Wohnungen herausgeschleppt und gezwungen wurden, eine Reise in's Ungewisse zu unternehmen und diese Reise anzutreten bei einer Kälte von siebenundzwanzig Grad Reaumur, wie sie an diesem Abend in Moskau herrschte! Mich schaudert es, schreibt der Korrespondent, daran zu denken, daß diese unglücklichen Familien vorige Nacht in den Waggons 3. Klasse der Brester Bahn gereist, wo wir Nachts in der Stadt eine Kälte von 35" R., in der Umgegend Moskaus von 38°R. zu konstatiren hatten. Dazu kommt,

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