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Der Israelit · 1892-02-15 · Heft 13 (15.2.1892) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 13 (15.2.1892)
Date
1892-02-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Wurzel und Nahrung findet. Alles Innere soll sich zur That gestalten und alle That aus dem Inneren quellen, das ist der Hauch, der über den Grundzügen des göttlichen Gesetzes schwebt, und beide Tafeln die „religiöse" und „sociale" zu einer untrennbaren Einheit belebt.*) Das ist der Hauch des Geistes, der den ganzen Schulchan Aruch durchdringt, und dem er bewußten Ausdruck giebt, wenn er die Vergegenwärtigung der nna-n rm^ für jeden Tag aufs neue fordert. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Hamburg, 6. Febr. Das Hauptorgan der russichen Juden, der „Voschod", hat die Lage der Juden, welche während der Verfolgung der letzten 18 Monate aus Rußland ausgewandert sind, untersucht. Das Ergebniß ist nicht sehr tröstlich. Die Kolonie in Palästina befindet sich in schlechtem Zustande und die Kolonisten wünschen nur nach Rußland zurückzukehren. In den Vereinigten Staaten finden die Einwanderer, daß sie mit ihrer Handarbeit nicht gegen die Maschinen ankommen können. Niemand will sie anstellen, um sie etwas zu lehren. Der Verfasser der Aufsätze ist überzeugt, daß mindestens zwei Drittel der nach Amerika ausgewanderten Juden gern nach Rußland zurückkehren würden, wenn sie nur das Reisegeld hätten. Trier, 6. Febr. Am 15. Scpt. v. I. zog eine Prozession, die soeben dem „heiligen" Rock im Dome ihre Verehrung bezeugt hatte, auf der Landstraße von Trier nach Ruwer ihrer Heimat zu. Singend und betend wandelten die frommen Wallfahrer ihres Weges fürbaß, als ihnen zwei jüdische Fleischer begegneten, die auswärts angekauftes Vieh nach Trier brachten. Diese befürchteten, das Vieh würde durch die große Menschenmenge, deren Singen und Beten scheu werden, so daß sie es ftster faßten und durch Vorhalten ihrer Stöcke an zu ungestümem Laufen hinderten. So war der erste der Beiden, Lazarus Samuel, bereits an der Spitze der Prozession vorüber, als er hinter sich einen wüsten Lärm hörte und beim Umsehen bemerkte, wie die Wallfahrer seinen Kameraden Israel Aach umzingelten und mit Stöcken und Schirmen auf ihn losschlugen. In demselben Augenblick fielen die Pilger auch schon über ihn her und mißhandelten ihn, so daß er querfeldein die Flucht ergriff. Bei dem ungleichen Kampfe hatte er außer ungezählten Steck- und Schirmschlägen einen Stich mit einer Fahnenspitze davongetragen, der ihm Kittel, Rock, *) Hirsch's Pent. Bd. II S. 244 Weste und Hemd durchdringend, die Brust verletzte. Noch schlimmer war es dem Israel Aach ergangen, dem aus vier Messerstichen im Kopfe das Blut über Gesicht und Kleider strömte. Veranlaßt wurde der Ueberfall durch den Ausruf eines nicht festgestellten Pilgers „Der Jude nimmt die Mütze nicht ab!", was das Signal zum allgemeinen Angriff gab. Ihren Abschluß fand die Geschichte in der gestrigen Schöffengerichtssitzung, in welcher der Fahnenträger der Prozession, der den Samuel mit der Fahnenspitze verwundet hatte, zu einem Monat Gefängniß verurtheilt wurde. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft, der bedauerte, daß die übrigen Uebelthäter nicht zu ermitteln waren, hatte 8 Monate beantragt. Die „Trier'sche Landeszeitung" des Herrn Kaplan Dasbach läßt in ihrem Schöffengerichtsbericht dieses Vorkommniß gänzlich fehlen. England. London, im Februar. Vor einigen Wochen feierte die hiesige Reformgemeinde das 50jährige Jubiläum ihrer Existenz.*) Einige Betrachtungen über das Judenthum in England resp. London, dürste daher Ihren Lesern nicht unwillkommen sein. Ich brauche mich über den Ursprung der Reformbeweguug in England nicht zu verbreiten. Es ist eben die alte Leier und nicht einmal mit einer neuen Saite bespannt: Verschiedene Gemeindemitglicder, denen Fortuna gelächelt, machen die Erfindung, daß, nachdem Israel einige Tausend Jahre an die Offenbarung am Sinai geglaubt, wir im 19. Jahrhundert zu aufgeklärt sind, anzunehmen, daß unsere Religionsgesetze göttlichen Ursprungs seien. Man wirft alles, was an Gebeten und religiösen Gebräuchen als unbequem in den Weg kömmt, auf die Seite und — um mit dem Hamburger Kugellied zu sprechen — macht alles mit der Orgel gut. Man muß cs den Londoner Religions-Verbesserern übrigens lassen, daß sie vernünftig genug waren, nicht so weit zu gehen, als manche ihrer deutschen und amerikanischen Gesinnungsgenossen. Doch ich will diesen Gegenstand nicht weiter verfolgen, da ich Ihren Lesern keine Geschichte des Rcformwesens zu geben beabsichtige, vielmehr über die Frage: „Wie sieht es mit dem orthodoxen Judenthum in England resp. London aus?" einige Bemerkungen zu machen wünsche. Das orthodoxe Lager hier zerfällt in zwei Gruppen. Die eine Gruppe besteht hauptsächlich aus „Grünen" wie man sie hier nennt, i. e. solcher, die noch nicht lauge aus Rußland oder Polen gekommen sind. *) Amnerk. der Red.: Der vom Vorstande dieser Gemeinde ergangenen Einladung zur Jubelseier in der Reformsynagoge haben die Herren Rabbiner Dr. Adler, Dr. Gaster und Dr. Lerner nicht Folge geleistet, wohl aber viele Vorsteher der „United Synagogne.“

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