Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1892)
- Date
- 1892-02-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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218 gleichkömmt: nicht allein, daß die Eparchien oder bischöfliche Diöcesen nebst der ganzen schwarzen und weißen Geistlichkeit *) ihr unterstehen, sondern sie ist auch politisch von höchstem Einfluß; ihr Chef ist der Kaiser und sein Stellvertreter, der Oberprokurator, hat den Rang eines Staatsministers**); die Behörden der Kirche sind wichtige Faktoren im Staate, ein Metropolit ist auch eine weltliche Größe. Zu einem solchen nun war Iwan gefahren, und hatte ihm durch seinen Besuch anfgewartet, denn er hatte erfahren, daß die Synode große Dinge gegen die Juden in's Werk zu setzen bemüht war und er wollte sich diese vortreffliche Gelegenheit zur Ausführung seiner Rachepläne nicht entgehen lassen; den glühenden Glaubenseifer wollte er zur Flamme aufschüren durch den Sturm seines Hasses. Durch fromme Mienen, durch vieles Bücken und häufiges Bekreuzigen hatte er vollständig die Gunst des mächtigen Mannes gewonnen und als dieser nun sogar aus der Rede Iwans bemerkte, daß derselbe ein religiöser Schwärmer sei und nichts Höheres kenne, als sein Leben in den Dienst der griechisch-orthodoxen Kirche zu stellen, da gewann der Metropolit den jungen Mann so lieb, daß er ihm sein ganzes Vertrauen schenkte. Iwan wollte sich schier ausschütten vor Lachen, wenn er nun daran dachte, wie er mit dem Geistlichen zusammen über das Wohl der Kirche berathen und was er Alles angegeben hatte, dasselbe zu fördern. „Ich bin ein Mann," rief er frohlockend aus, „wie unser Jahrhundert keinen zweiten kennt. Die Herzen der Menschen sind in meiner Hand wie Wachs, ich kann sie drehen und formen, wie ich nur will. Ich glaube, wenn man es auf ihre Wahl ankommen ließ, sie würden mich zum Czaren haben wollen, und Väterchen könnte die Segel streichen. „Was mache ich nur mit dem dummen Pop, der mich heute zu besuchen kömmt? Es ist der Auserwählte der heiligen Synode und soll solche Leute, die nicht orthodox sind, bekehren oder todtschlagen; ein köstlicher Gedanke! Die Juden, die Römer, die Evangelischen, sie Alle miteinander werden entweder in griechischer Sauce gesotten oder man läßt sie gar verbrennen. Und zu mir schickt der Metropolit jenen würdigen Abgesandten, damit ich ihm gute Rathschläge ertheile und mit ihm zusammen das große Werk der Bekehrung in Gang setze." Iwan lachte wiederum hell auf. „An mir soll es gewiß nicht fehlen," rief er, „soweit der Tollkopf für meine Pläne nützlich ist, *) Weiße Geistlichkeit heißt die weltliche, schwarze die klösterliche. **) Etwa Kultusminister. und hat er mir die Kastanien aus dem Feuer geholt, so mag er sich zum Teufel scheeren." Ein Diener meldete dem jungen Manne, daß ein höherer Geistlicher im Empfangszimmer harre, um ihn zu besuchen. „Sage ihm, er soll in seiner Güte und bewogen durch die Liebe seiner Religion einem armen Sünder verzeihen, der noch nicht zu ihm eilen könnte, weil er erst würdige Kleider anthun müsse, um einen solch' hohen Herrn zu empfangen," sprach Iwan lachend zum Diener und schleuderte in einem weiten Bogen seine jammernde Katze auf das Sopha. Dann warf er sich mit Hülfe des Kammerdieners schnell in eine dunkle Tracht, wie er sie für einen religiösen Mann passend hielt und begab sich zu dem Popen. Pop oder Pope, verwandt mit dem deutschen Pfaffen, ist in der griechischen Kirche der Name für die Geistlichen. Protopopen heißen die höheren Priester, die in der alten Kirche Archipreßbyter genannt wurden. Da der Name Pope mit der Zeit eine etwas verächtliche Bedeutung erhalten hat, so werden in Rußland die Weltpriester jetzt in der offiziellen Sprache Jere'i beziehungsweise Protoierer genannt, doch ist die frühere Benennung im Volke noch die allgemein gebräuchliche. Die Popen erhalten ihre Bildung in den Priesterseminarien und ist ihr Wissen sehr häufig ein überaus geringes. Sie genießen auch in Folge dessen keine besondere Beachtung. Indessen zu Protopopen werden meist nur Männer ernannt, die sich in irgend welcher Weise, sei es durch besonderen Glaubenseifer, oder durch ausgezeichnetes Wissen hervorgethan haben. Der Mann nun, den die Synode abgesandt hatte, um sowohl für äußere als auch für innere Mission thätig zu sein, zeichnete sich nach beiden Hinsichten aus, und obgleich er ein so wüthender Fanatiker war, wie man solche heute wohl nur noch in Rußland findet, so hatte er sich doch eine reichliche Menschenkenntniß und Weltanschauung angeeignet. Der Protopope war eine imposante Erscheinung, namentlich wenn er, wie bei seinem heutigen Besuche, in vollem Ornate sich darstellte. Der Kopf war bedeckt von einer hohen runden Mütze, die vorne das Abzeichen seiner Kirche trug, während hinten ein langes, weißes Tuch von derselben Herniedersiel, das über den Rücken herunterwallte und zu beiden Seiten des Gesichtes sich in Falten schlug. Den Hals umgab ein kostbarer Pelzkragen, dessen beide Enden längst der Brust frei herniederhingen. Die ganze hohe Gestalt war in einen bis zur Erde herniederwallenden schwarzen Talar gehüllt,