Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1892)
- Date
- 1892-02-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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219 dessen einförmige Dunkelheit nur durch eine glänzende Reihe von Orden unterbrochen wurde, die der Mann um den Hals und zu den beiden Seiten der Brust trug. Um das Gelenk der schönen, fleischigen Hand hing ein Rosenkranz, an dem die Finger der anderen Hand auf und nieder zu gleiten pflegten. Das ganze Gesicht war von einem überaus üppigen langen weißen Barte eingeschlossen, der schon unter den Ohren beginnend in eine Fülle wohlgepflegter Strähne bis zur Brust herniedcrfiel und mit seinem reichlichen Wüchse die untere Hälfte des Gesichtes fast ganz verdeckte, so daß nur die wulstige, nach außen gekehrte Unterlippe sichtbar blieb, deren hellschimmerndes Roth von dem mattweißen Barte sich glänzend abhub. Das von zahlreichen Falten durchzogene Gesicht fiel sofort durch die großen, glänzenden Augen auf, die sprühend von schwärmerischem Feuer unter den dichten, flockigen Augenbrauen hervor in die Welt blickten. Die dicke, flache, aufgeschwellte Nase deutete auf wilde Leidenschaftlichkeit und Rohheit, während die übermäßig hohe Stirne dem ganzen Antlitz den Ausdruck eines Mannes verlieh, der viel und tief zu denken pflegt. Iwan schien im ersten Augenblick verblüfft zu sein von dieser Erscheinung, denn das war ihm sofort klar, daß dieser Mensch nicht so leicht mit sich spielen ließ. Doch in seiner schlauen Weise benutzte Oststone sein augenblickliches Erschrecken, um sich bei dem Abgesandten einzuschmeichcln. „Heiliger Vater", begann er, „Euer Anblick wirkt mächtig auf mich ein und verwirrt mir die Sinne. Nie habe ich einen Würdenträger unserer hohen Kirche gesehen, der mich so sehr an die gottseligen Heiligen erinnerte, die der Welt das Glück brachten." Iwan fiel auf die Knie, nieder und küßte die fleischige Hand des Protopopen. „Gebt mir Euren Segen, mein Vater", sprach er, indem er sich dreimal bekreuzigte. Der Geistliche legte liebevoll die Hand in die flachsblonde Lockenfülle des Jünglings und mit einer Segensformel der russischen Priester seinen Spruch beginnend, schloß er denselben mit seinen eigenen Worten; mit sanfter Stimme sprach er: „Gelobt seist Du, jetzt, fürderhin und in alle Ewigkeit. Ewiger Gott, der Du das Band der Liebe unauflöslich gestiftet, schaue auf Deinen Knecht Iwan, segne ihn im Glauben, in der Wahrheit, in der Liebe und stärke und heilige ihn zu der großen Aufgabe der Liebe, die ihm der Himmel bestimmte." „Amen," sprach Iwan, „Amen von ganzem Herzen." Ehrfurchtsvoll geleitete er den Abgesandten der Synode zu dem Divan und sich selbst einen Fußschemel erwählend, setzte er sich zu den Füßen des Geistlichen nieder, indem er mit lernbegierigen, aufmerksamen Blicken zu ihm emporsah. „Belehret mich, verehrungswürdiger Vater," sprach er bittend, „was Ihr wünscht, soll mir Befehl sein, denn ich weiß, daß nur Ihr zu erkennen im Stande seid, was für das Wohl und die Ausbreitung unserer heiligen Kirche nothwendig ist. Befehlt mir nur und ich will gehorchen, betrachtet mich als Euren Leibeigenen, als Euren Sklaven, denn Ihr muthet mich an, wie ein vom Himmel herniedergcschwebtes Bild und ich fühle mich ganz gefangen von Eurer wunderbaren Erscheinung." Dies Alles brachte Iwan mit so treuem Blick und so überzeugten Mienen vor, daß Niemand daran hätte zu zweifeln vermögen, daß er tief empfundene Gefühle seines Herzens aussprach. Befriedigt und geschmeichelt zugleich lächelte der Pope ein wenig, doch genug um den ihn aufmerksam beobachtenden Iwan zu überzeugen, daß sein geschicktes Spiel verfangen hatte. „Ich kann Euch vertrauen, mein Kind", sagte der Großpope, „und ich will Euch den ganzen Plan rückhaltlos mittheilen, den die heilige Synode entworfen, und zu dessen Ausführung ich hier bin, mit Vollmachten ausgestattet, die mich befähigen, selbst dem Gouverneur der Stadt ohne jede Einschränkung zu befehlen." Freudig zuckte es im Innern Iwans auf, doch sein Gesicht verrieth nichts anderes als Erwartung und Bereitwilligket. „Sprecht ohne Rücksicht, mein Vater", sagte er in bescheidenem Tone und lehnte sein Haupt auf die Kniee des Popen. „Ihr hattet nie einen treueren Diener als mich." „Nicht mir, Eurem Glauben sollt ihr dienen!" rief der Alte. „Ich kann das Eine nicht besser vollbringen, als indem ich das Andere thue", sprach Iwan treuherzig, „doch mein Vater, ich habe eine große, große Bitte au Euch: Sagt Du zu mir. Es verletzt mich, wenn ein Mann, der mir wie eine himmlische Erscheinung entgegentritt, mich mit dem kalten, gesellschaftlichen Ihr anredet." „Es sei," sprach der Pope „und nun, mein Kind, höre mir genau mit zu, es ist von höchster Wichtigkeit für das ganze russische Reich, was ich Dir jetzt mittheilen werde; nur wenige Männer wissen davon und unter diesen Wenigen bin ich, weil ich ein Werkzeug der Vorsehung bin; auch Du sollst dies mit des allmächtigen Gottes Hülfe werden, und deßhalb mache ich auch Dich zum Mitwisser." Mit hochklopfendem Herzen horchte Iwan auf. Der Geistliche athmete tief, schloß die Augen und begann: