Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-02-08 · Heft 11 (8.2.1892) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 11 (8.2.1892)
Date
1892-02-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448230--33617-2481518
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

206 großen Saale der Aula hat Hr. Dr. V. in Gegenwart der gesammten Schuljugend und der Gemeinderepräsentanz nach Verrichtung des Jugcndgottesdienstes in wahrhaft schwungvoller und begeisterter Rede der Feier des Tages angemessen, den Gefühlen eines wahren frommen '-ptt seinem angestammten Herrscherhause gegenüber Ausdruck gegeben. Die meisterhaft ausgeführte Parallele zwischen dem Gebete Salomos und den Errungenschaften des jugendlichen Herrschers machte auf das Gemüth der Jugend und aller Anwesenden großen Eindruck. Unter Absingen patriotischer Lieder schloß die Feier nach zweistündiger Dauer mit dem Gebete für das Kaiserhaus. M. Berlin, 2. Febr. Nach einer Warschauer- Depesche des „Daily Telegr.", sollen 20,000 Juden aus allen Theilen Polens im März mit Genehmigung der Regierung nach den Kolonien des Baron Hirsch in Argentinien auswandern. Berlin, 2. Februar. Der „Berl. Börsen- Courier" erhält folgende Zuschrift, welche das Thema von der Verbrüderung des Antisemitismus mit dem Deutschenhaß behandelt: „Ihre heutige Nummer bringt einen sehr lesenswerthen Artikel über den Rückgang des Deutschthums im Auslande, besonders in Oesterreich. Es ist allerdings richtig, daß dort die Deutschen einen schweren Stand haben; jeder Kenner der Verhältnisse weiß aber, daß sie selbst viel Schuld an der jetzigen Lage tragen. Die Uneinigkeit ist betrübend; selbst in Bezirken, die auf das äußerste gefährdet sind, ist keine Einigkeit herzustellen, und diejenigen, die bis jetzt trotz aller Anfeindungen treu ausharrten, fangen an, den Muth zu verlieren und ziehen sich zurück. Natürlich hängt der Rückgang des Deutschthums mit dem Fortschreiten des Antisemitismus eng zusammen. Die an der Sprachgrenze wohnenden Juden wurden, trotzdem sie allesammt treu zum Deutschthum halten, auf das Infamste beschimpft. Als im vorigen Jahre in Mähren eine Abgeordnetenwahl stattfand, stimmten sämmtliche Anhänger des Deutschesten aller Deutschen, des Herrn Schönerer, in der Stichwahl für den Czechen, aus Haß gegen den verjudeten Liberalismus. Herr Schönerer proclamirte vor Jahren eine Allianz der deutschen Eiche mit der czechischen Linde, um die Juden auszuräuchern. — Es ist allbekannt, daß der deutsche Schulverein keine erbitterteren Feinde besitzt, als die Antisemiten. Wenn es diesen aber paßt, so schweigen sie sich aus; wenigstens habe ich noch nirgends in den antisemitischen Blättern gelesen, daß der Held des königinhofer Ueberfalles, der für das Deutschthum geblutet und vier Wochen gesessen hat, der Fabrikant Mandl, ein Jude ist. Nur einmal fand sich eine Notiz, in der bemerkt wurde, dem Jude i wäre ganz recht geschehen. Aber ich will aufhören, ich denke, die angeführten Fälle genügen. Ohne Einigkeit kein Sieg — leider ist dazu wenig Aussicht." Aus dem Hildesheimischen. Anläßlich der am 18. v. Mts. im hiesigen Wahlkreise stattgehabten Reichstagswahl waren wir Zeuge einer wüsten Agitation von Seiten der Antisemiten. Weniger diese Thatsache selbst als die sie begleitenden Umstände verdienen der besonderen Erwähnung. Daß die Prediger dieses Geistes der Zwietracht in größeren Städten unserer Provinz sich hören ließen, ist dann und wann wohl vorgekommen, daß aber von ihnen kleinere Orte besucht wurden, das ist der neueste Fortschritt, den sie zu verzeichnen haben. So suchten diese Hetzapostel mehrere Orte von kaum tausend Einwohnern auf. Wohl hat unsere Landbevölkerung einen gesunden Geist, aber das dürfen wir uns nicht verhehlen, manches was vorgebracht wurde, fand vollen Beifall. Unter den abgehaltenen Versammlungen verdient besonders die der Erwähnung, welche am hiesigen Orte stattfand. Als Redner war anfangs Liebermann v. Sonnenberg angekündigt. Als sein Vertreter kam jedoch der Redakteur der Hannoverschen Post Herr Leuß. Wie ich einer sicheren Quelle entnehme, hat genannter im Leben schon oft Schiffbruch gelitten, so daß er sich als letzte Rettung dem Antisemitismus zugewandt hat. Wie überall, so ging es auch auf dieser Versammlung her und halte ich dieses Blatt für viel zu rein, als daß auch nur eins der gefallenen Schmutzworte wiederholt werden darf. Dieser Versammlung präsidirte der königliche Seminarlehrer und Vorsteher einer Präparandenanstalt W. Heinze aus Alfeld, welcher Herr mit seinem Kollegen dem ersten königlichen Semtnarlehrer Wiebel daselbst, den deutsch - sozialen (antis.) Wahlaufruf mitunterzeichnet hatte. Die Betheiligung solcher Herren an der Bewegung erregte großes Mißfallen und Besorgniß. Darum wandte sich ein Mitglied unserer Gemeinde beschwerdeführend an das kgl. Provinzial-Schulkollegium in Hannover. Dieses gab eine Antwort, die wir bei dem bewährten Gerechtigkeitssinn des Provinzialschulrathes Herrn Wandtland nicht anders erwarten konnten. Wir halten, so etwa lautete die Antwort, die Betheiligung der Herren an dieser Agitation für unvereinbarlich mit ihren Aufgaben und haben denselben dieses zur Nachachtung mitgetheilt. Bei der Wahl machte die Gesellschaft (Pardon Partei!) glänzendes Fiasko. — Ein Gegenredner des Herrn Leuß, Herr Runge, welcher seit einigen Wochen im Aufträge des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus Deutsch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.