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Der Israelit · 1892-02-08 · Heft 11 (8.2.1892) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 11 (8.2.1892)
Date
1892-02-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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204 mit mir, ich kenne einen Herrn, der in Liebe Eurer harrt", sagte er, süß lächelnd. Wie von Furien gejagt, eilte das junge Mädchen davon, und es gelang ihr, glücklich das väterliche Haus zu erreichen. Was konnte sie thun, sie, die Ohnmächtige, die Verfolgte, die fliehen mußte, wie ein scheues Reh vor dem Jäger, wenn sie sich nur außerhalb des Hauses sehen ließ. Verzweiflung erfaßte sie, der so lang zurückgehaltene Schmerz trat machtvoll hervor. Was würde sie erst empfunden haben, wenn sie erfahren hätte, daß zu mitternächtiger Stunde, im Dunkel der Nacht, der Geliebte aus dem Untersuchungsgefängniß nach der Festung überführt und dort in eine jener feuchten, engen, dunklen Zellen geworfen wurde, wie sie die russische Regierung für ihre politischen Verbrecher liebevoll bereitet hat? Der Günstling des Czaren konnte triumphiren. Der rechtmäßige Besitzer war unschädlich gemacht, war ohnmächtig wie ein Todter im Grabe und Nichts mehr stand zwischen dem Verfolger und dem von ihm begehrten Mädchen. Die Frage war nur noch, wie Iwan sich in ihren Besitz setzen sollte, denn der Schein des Rechtes mußte immerhin gewahrt bleiben und ein offener Raub oder eine unbemäntelte Vergewaltigung hätte sogar dem Günstling des Czaren verderblich werden können. Ist doch die russische Regierung stets bemüht, sich mit dem Hellen Strahlenglanz der Unschuld und des heiligen Rechts zu umgeben, und sehr hart wird es oft bestraft, wenn Jemand die Gesetze verletzt, statt sie zu umgehen. Zwei Dinge wollte Iwan erreichen, ohne daß er dadurch sich selbst schädigte oder komprommitirte. Den Einen, der sich in seiner Macht befand, hatte er zu besonderer Qual aufbewahrt, doch das genügte ihm nicht. Viele Juden sollten es büßen, daß der Eine ihn beleidigt und ferner mußte das Mädchen, ohne daß irgend Jemand bemerkte, daß die Hand des Günstlings dabet im Spiele war. in seine Gewalt gebracht werden. Der mit reicher Phantasie und guter Erfindungsgabe ausgerüstete Jüngling ersann einen geradezu teuflichen Plan, zu dessen Ausführung er nun schritt. Alexei Chaimowitsch aber begab sich am nächsten Tage wieder zum Gouverneur, der ihn nochmals auf das Nachdrücklichste seiner Hilfeleistung versicherte. Auch vom Polizetmeister wurde nun Alexei empfangen und freundschaftlich begrüßt; auch der Polizeimeister versprach, Alles aufzubieten zur Befreiung des Gefangenen; in den nächsten Tagen schon werde derselbe vor Gericht gestellt und das Urtheil würde sicherlich nicht streng ausfallen. Und es war dem Manne ernst mit seiner Versicherung. Fürst Michail hatte wiederum eine geheime Unterredung mit Lydia und diesmal nahm sie seine Erzählung nicht so gleichgültig auf; sie überzeugte sich, daß Iwan jenem Mädchen eifrig uachstellte, das doch nicht ihn, sondern einen Anderen liebte. Sie kamen überein, daß es am besten wäre, wenn das Mädchen aus der Stadt in einer Weise entfernt würde, daß dasselbe seinem Verfolger, trotz dessen großer Macht, unerreichbar sein würde. Nur waren sie sich noch nicht klar, wie sie dies bewerkstelligen sollten. Auch sonst entfaltete Fürst Michail eine bei ihm ganz außergewöhnliche Thätigkeit. Das hochmütige und eingebildete Benehmen des Günstlings hatte diesem unter den jungen Leuten der Gouvernementshauptftadt in kurzer Zeit viele Feinde erworben, die förmlich darnach lechzten, ihm eine Niederlage beizubringen, ohne daß sie jedoch sich selbst schädigten. Sie Alle sammelte Fürst Michail um sich, um sie bei gelegener Zeit zu seinen Zwecken zu benützen. So zogen überall kleine Wölkchen gegen den Günstling herauf. „Werden sie im Stande sein, die blendende Sonne seiner Macht zu verdunkeln?" frug sich Michail und mit Bedauern mußte er sich gestehen, daß sie alle bis jetzt hierzu noch viel zu schwach seien. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abcmnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel tu beziehen bei E. $. Bleinacker, Leipzig, Doßplah 16. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 sl. österr., sür's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt <Ha«ptblatt): leitender Artikel: Professor Earl Bogt über das Schächten. — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen : Deutschland: Berlin. Königsberg. Jena. Rotenburg a. d. Fulda. Buk.—Oesterr.-Ung. Mon.: Budapest. Preßburg. Nagy-Szöllesch. Bistritz. — Rußland: Petersburg. — Marocco: Tanger. — Feuilleton: Der Günstling des Ezaren. Eine Erzählung aus Rußland. Bon Jon. Lehmann, I)r. phil. (Fortsetzung). Inhalt der Beilage: Literarische Umschau. — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Deutschland: Berlin. Aus dem Hildesheimischen. Allenstein. Randegg. — Oesterr.-Ung. Mon.: Wien. Prag. Aussig. — Vermischtes. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Rr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.

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