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Der Israelit · 1892-02-08 · Heft 11 (8.2.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 11 (8.2.1892)
Date
1892-02-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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203 Noch einmal erzeugt mir Eure Güte. Ich folge, doch vergönnt mir noch einen Augenblick. — „Gott mit Dir, mein Mütterchen! Leb' wohl, Vater!" Er faßte die Hände der Eltern und küßte sie; hinter Jenen stand Rosa stumm und regungslos, keine Miene des marmorbleichen Gesichtes bewegte sich. Jakow wollte sich zum Gehen wenden, er wollte ohne Abschied von ihr scheiden, um ihr und sich selbst die Qual der Trennungsstunde nicht noch mehr zu verschärfen. Er. wa.v.dt.e seinen Angehörigen den Rücken zu und ging einige Schritte mit den Polizisten, plötzlich aber verließ ihn seine Selbstbeherrschung, in jähem, namenlosem Schmerze hob er die Hände gen Himmel und stürzte zurück an den Hals des Mädchens. „Rosa!" schrie er auf und seine Stimme klang wie die eines Verzweifelten, „mein Glück, mein Kleinod, muß ich Dich denn wirklich verlassen?" „Mein Afka!" entgegnete sie und kämpfte ihre Thränen zurück. „Werden wir uns jemals Wiedersehen?" frug Jakow, bebend vor Schmerz. „Das weiß nur Gott!" kam es tonlos von Alexei's Lippen und er verhüllte sein Gesicht mit den Händen. „Ich kann, ich kann nicht von Dir lassen!" schrie Afka wieder. „Ihr müßt und zwar sogleich!" sprach der Polizeibeamte rauh und legte seine Hand schwer auf die Schulter des Gefangenen. „Mein Lieb, mein Leben!" schrie Afka wiederum auf, „ich weiß es, wir sind verloren für einander, ich werde Dich nicht mehr Wiedersehen, er wird mich fassen und vernichten, Dich aber als Beute mit sich schleppen, Dich quälen. Dich höhnen, Dich erniedrigen und seine gräßlichen Gelüste befriedigen an dem armen, ungeschützten Lamm!" „Nein, nein!" keuchte sie mit erstickender Stimme, „das wird er nicht! Lieber den Tod, mein Afka, als daß ich Dir die Treue breche; mehr als über das Leben hinaus, reicht seine Macht nicht, und sollten wir uns hier verloren sein, dort droben werden wir uns Wiedersehen!" „Sterben!" stöhnte der junge Mann, „Du sterben, Du mein Lieb'!" Der Polizeibeamte löste mit roher Gewalt die umschlungenen Arme des sich so innig liebenden Paares und gab seinen Untergebenen einen Wink, den Gefangenen mit sich fortzuführen. Langsam setzte sich der Transport in Bewegung, Schritt für Schritt folgte ihnen Rosa, sie biß sich die Zähne in die Lippen und bohrte die Nägel in ihr Fleisch, um ihren ungeheuren Schmerz zu bezwingen, dem Geliebten den Abschied nicht noch qualvoller zu machen. Noch einmal, gerade am Thore des Hauses, gelang es dem jungen Manne sich loszureißen, noch einmal stürzte er mit einem markerschütternden Schrei in die Arme des Mädchens, aber sofort wurde er von den Soldaten brutal hinweggerissen und fortgeschleppt. Welcher Zukunft mochte er entgegensetzen? Rosa folgte ihnen, ungeschützt gegen die Kälte, in dem Kleide, in dem sie sich gerade befand; sie weinte nicht, sie klagte nicht, doch kein Auge verwandte sie von ihm, der für sie mehr gcM, Äs alles Glück der Erde. Sie mußte wissen, welche schlechte Hülle man auserlesen hatte für ihre Kostbarkeiten, welches Gefängniß ihn ausnehmen würde, den Heißgeliebten. In ihrem herben Leid fand sie einigen Trost, als sie sah, daß es das Haftgebäude für Untersuchungsgefangene war, dessen Thore sich hinter ihm schlossen. Wie eine Glückseligkeit empfand sie den Gedanken, daß man ihn nicht als politischen Gefangenen behandelte, daß er nicht in die schrecklichen Kasematten der Festung geworfen wurde. Leise zog durch ihr Gemüth die Melodie eines deutschen Liedes, das sie vor langer Zeit einmal gehört hatte, und sie seufzte es vor sich hin, wie es ihr gerade in's Gedächtniß kam: „Nie Hab' ich Einen, wie diesen geliebt. Er ist's, dem man den Tod jetzt gibt." „Nein!" schrie es auf in ihrem Innern, „er soll, er darf nicht sterben; ich will ihn retten, ich muß ihn retten, aber wie nur, wie?" Viele Pläne durchfuhren mit Blitzesschnelle ihren Geist. Sie wollte zu dem Günstling des Czaren gehen, sich ihm zu Füßen werfen und um die Rettung des Geliebten flehen. Doch nein, das wäre eine Untreue gegen den Geliebten gewesen. — Aber Fürst Michail?! Doch, was konnte er thun? Der Gouverneur? Die Fürstin Lydia? Der Polizeimeister? Gewaltsame Befreiung? Vielleicht eine Hilfe durch einen ihr bekannten Mann, der der mächtigen Vereinigung der Nihilisten angehörte? Nein, nein, nein, cs war Alles zwecklos. Die schnell sich herzudrängenden Gedanken verwirrten sich in ihrem Kopfe, es flimmerte ihr vor den Augen und die Kniee versagten ihr den Dienst. Da plötzlich trat ein Mann auf sie zu; es war derselbe, der sie damals im Dorfe von dem Staroften befreit. „Wo wollt Ihr hin, schöne Dame? Kommt

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