Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 11 (8.2.1892)
- Date
- 1892-02-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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202 M a r o c c o. Tanger, im Januar. Die drohende Wolke, die vor einigen Tagen über unserem Haupte schwebte, ist wieder verschwunden, denn der Sultan hat unserem Statthalter, dessentwegen ein Rebellenheer unsere Stadt belagert und umzingelt hatte, von hier abberufen und diesen wichtigen Posten seinem Hofceremontenmeister Kaid Meschuar verliehen. Derselbe wird schon in den nächsten Tagen seinen Einzug in unserer Stadt halten. Der neue Statthalter, der nicht ohne Bildung sein soll, er wurde schon einige Male von seinem erhabenen Gebieter mit wichtigen Missionen an Vre europäischen Hose betraut, wird als ein recht- und friedliebender Beamter geschildert und dürfen daher auch wir Israeliten hoffen, daß cs uns unter seinem Regime nicht schlechter ergehen wird, als unter seinen Vorgängern hier, was in Marokko auch schon ein Gewinn ist. Feuilleton. Aer Hünstting des Kzare». Eine Erzählung aus Rußland. Von Jo«. Lehman«, vr. phil. (15. Fortsetzung.) VII. Wieder und wieder wurde die Lage der Sache während des Mittagsmahls besprochen, und Alexei war der Meinung, daß durchaus keine Gefahr vorhanden wäre, denn er war überzeugt, daß sein Brief an den Polizeimeister eine hervorragende Wirkung gehabt, und daß dieser es jedenfalls Unterlasten würde, den jungen Mann zu verhaften. Während sie nun so traulich beisammensaßen, erschien ein Herr in Civil, der sich alsbald als ein Polizist vorftellte und den Auftrag zeigte, den Jakow Alexandrowitsch Horwitz zu verhaften; sofort ließ er auch eine Haussuchung vornehmen und die meisten Bücher und Schriften Jakow's in Beschlag legen; hierbei mußte sich unbedingt mancherlei finden lassen, was ein strenger Richter als „in Rußland verboten" bezeichnen konnte, denn namentlich philosophische Werke sind in Rußland fast durchweg verboten; russische Unterthanen dürfen ja nicht philosophiren. Das war ein Jammern und Wehgeschrei bei den Armen, die sich vorher so gern in sicheren Hoffnungen gewiegt hatten, die das unzweifelhaft Kommende nicht hatten voraussehen wollen, weil diese Voraussicht ihnen schrecklich war. Wenn nun auch jetzt noch Alexei versichern konnte, daß die Gefangenhallung gewiß nicht von langer Dauer sein würde, so trug er damit nichts zur Beruhigung seiner Familie bei, denn Alle wußten wohl, daß ein russisches Gefängniß jener Löwenhöhle vergleichbar ist, in die viele Fußspuren hinein, aber nur sehr wenige herausführen. Es kommt ja oft genug vor, daß ein aus persönlichen oder politischen Gründen Gefangener zu seiner Familie zurückkehrt, doch in der Mehrzahl der Fälle tritt dies nicht ein, und die ganze russische Rechtspflege ist für die Außenstehenden in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt; zwar sollen gesetzmäßig manche Verhandlungen öffentlich sein, doch geschieht dies selbstverständlich nur dann, '»iw?* to&vS nwächfl. Oft werden Leute gefangen genommen und sie wissen nicht warum, werden zur Verschickung oder zu schwerer Kerkerstrafe verdammt und man sagt ihnen nicht weßhalb, werden endlich vielleicht nach Jahrzehnten wieder freigelassen und können auch dafür keine Ursache in Erfahrung bringen. Und dies geschieht mit Leuten von Macht und Einfluß, an deren Schicksal die vornehme Welt des ganzen Landes Antheil nimmt. Was hatte da ein unbedeutender Judenjunge zu erwarten, der einen Czarengünstling beleidigt hatte? Ganz haltlos gebärdete sich Frau Horwitz bei dem traurigen Ereignisse, bald fiel sie mitthränenüberfluthetem Gesichte über ihren Sohn her und bedeckte ihn mit Küssen, bald warf sie sich schluchzend an die Brust des Gatten oder der Schwiegertochter, dann wieder stürzte sie zu den Füßen des Polizisten, der doch an seinem Aufträge nichts zu ändern vermochte, und endlich suchte sie gar den Männern Widerstand zu leisten und die Andern zur Widersetzlichkeit zu bewegen; es kam schließlich so weit, daß der Führer der Polizeisoldaten die Mutter als „Tanas Abrahamowna Horwitz" in sein Buch einschrieb und ärgerlich versicherte, daß ein solches Benehmen noch schlimme Folgen für die Frau haben würde. Alexei zog sie an seine Brust und es gelang ihm, sie zum Schweigen zu bringen. „Verzeiht ihr," sagte Afka sanft zu dem Beamten, „sie ist außer sich vor Schmerz und Ihr könnt es doch gewiß einer Mutter nicht verübten, wenn sie die Besinnung verliert, da man ihren einzigen Sohn von ihr hinwegnimmt. Seht, wir sind elend genug, wollt Ihr uns noch unglücklicher machen Der Beamte wurde weich. „Gut denn," sagte er, „ich will sie nicht zur Anzeige bringen, nun kommt aber endlich und folgt mir. Eure Mutter hat mir meinen Auftrag schon genugsam erschwert." „Ihr seid besser, als man es bei Eurem Amte, das Euch soviel Elend sehen läßt, erwarten könnte.