Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 11 (8.2.1892)
- Date
- 1892-02-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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200 gesichts der neuesten Vorgänge, seiner Regierung ein ähnliches Memorandum zugesendet hat? Berlin, 29. Jan. Der bekannte Straßenschleicher, welcher seit Jahren namentlich die Friedrichstraße unsicher macht und mit einem höhnischen Grinsen allen jüdischen resp. jüdisch aussehenden Vorübergehenden antisemitische Sudelblüttchen entgegenstreckt, ist am Dienstag Nachmittag an der Ecke der Dorotheenftraße verhaftet worden. Er hielt sich gerade die Ahlwardt'sche Broschüre „Der Gipfel jüdischer Frechheit" unter die Nase, als er von einem Schutzmann siftirt wurde, nachdem einige Herren, welche dem Beamten auch ihre Karten einhändigten, erklärt hatten, daß sie Aei gerniß andern Gebühren des Kolporteurs nähmen. Der antisemitische Schmähschrift-Handlanger wurde nach der nächsten Polizeiwache gebracht und später wieder entlassen. Berlin, 29. Jan. Eine tüchtige Kraft haben die Antisemiten sich zur Judenhetze in Berlirr ans Oesterreich verschrieben. Nach der „Staatsbürger- Zeitung" soll der österreichische Reichstagsabgeordnete Schneider Mitte nächsten Monats in Berlin antisemitische Vorträge halten. Herr Schneider wird auch an den Verhandlungen des deutschen Handwerkertages in Berlin theilnchmen. — Herr Schneider führt in der Wiener nichtantisemitischen Presse den ehrenvollen Beinamen eines „Stamwpiglien- Fälschers". In seiner Eigenschaft als Abgeordneter hat Herr Schneider vor Kurzem im österreichischen Abgeordnetenhause auch Stimmzettel gefälscht. Die Berliner Antisemiten können demnach auf diese Acquisilion stolz sein. Berlin, 1. Febr. (Prozeß gegen Ahlwardt.) Die Klage des Staatsministerinms wider den Rektor Ahlwardt als Verfasser der Flugschrift „Jüdische Taktik" wird auch auf den Verleger und Drucker ausgedehnt werden. Das Gericht hat die Beschlagnahme der Schrift bestätigt. — Wie nach der Volksztg. ferner verlautet, hatte der Staatsanwalt die Verhaftung Ahlwardts beantragt; dieselbe wurde indeß vom Gericht abgelehnt. Königsberg, 22. Jan. Das hiesige Komite zur Unterstützung der aus Rußland ausgewicsenen Juden entfaltet fortgesetzt eine rege Thäligkeit. So ist in der Georgstraße ein besonderes Bureau, in der Feuergasse ein Asyl (wo die ankommenden und nicht gleich weiterreisenden Auswanderer einstweilen Unterkunft finden) sowie in der Freistraße ein Speiselokal eingerichtet. In den letzten sechs Monaten sind gegen 5000 Auswanderer durch Vermittelung des hiesigen Komites exp.dirt. Da die Mittel etwas knapp werden, der Zuzug aber anhält, so sucht das Komite auf dem nicht ungewöhnlichen Wege der Wohlthätigkeits-Vorstellungen Ersatz zu schaffen. Nachdem das Stadttheater bereits eine Abendeinnahme gespendet, hat am Sonntage im Börsensaale ein Promenadenkonzert für den gleichen Zweck stattgefunden. Jena, 14. Jan. (Man che fterthum, Antisemitismus oder Bodenbesttzreform). lieber dieses Thema hielt der Schriftführer des deutschen Bundes für Bodenbesitzreform, Herr Adolf Damaschke, am 30. November v. I. in öffentlicher Versammlung des Bundes in Berlin einen Vortrag, der jetzt als Broschüre im Verlag des Bundes für Bodenbesitzreform erschienen ist. Ueber den Antisemitismus äußert er sich: Der Antisemitismus antwortet auf die soziale Frage, daß deren Lösung angebahnt werden müsse durch die Vernichtung des jüdischen Einflusses. Dieser Weg ist ein falscher, denn wenn die Juden wirklich an der sozialen Noth schuld hätten, so müßte doch mit der steigenden Anzahl jüdischer Einwohner eines Landes die Noth steigen und mit derselben entsprechend sinken. Das ist aber nicht der Fall, denn in Australien, Spanien und Portugal haben wir genau dieselben sozialen Verhältnisse. Der Antisemitismus ist der Sozialismus des unaufgeklärten Mannes. Der redliche Handwerker, der fleißige Geschäftsmann, sie fühlen, daß sie im Kampfe um's Dasein dem Großkapital gegenüber unterliegen, ihr bitterer Haß wendet sich gegen die Sieger im Kampfe, und da sie sehen, daß ein großer Theil der Kapitalisten schwarze Haare hat, so kommen sie auf den Gedanken, daß überhaupt das Kapital schwarze Haare habe; sie machen aus der Prinzipienfrage eine Personenfrage, sie werden Antisemiten! Nicht der Jude, sondern das Kapital ist der Attentäter. Rotenburg a. d. Fulda. Mittwoch, den 27. v. M. wurde hier der Rentier H. Heß, Kreisvorsteher und Stadtrathsmitglied zu Grabe getragen. Durch seine große Wohlthätigkeit und sein gewinnendes menschenfreundliches Wesen gegen Jedermann, wie nicht minder durch die Hingebung und Tüchtigkeit, mit welchen er seine mehrfachen öffentlichen Stellungen auszufüllen verstanden, hatte er sich in seltener Weise die allgemeine Gunst und Achtung erworben. Sein Leichenbegängniß, zu welchem viele Freunde des Dahingeschüdenen aus der Ferne herbeigeeilt waren und an welchem sich sozusagen die ganze Stadtbevölkerung betheiligte, gestaltete sich zu einem so imposanten, wie es hier noch selten gesehen worden ist. B«k, 28. Jan. (Sammlung für russische Juden.) Am gestrigen Tage wurde von dem stellvertretenden Synagogen-Vorsteher Buch und dem Repräsentanten-Vorfteher Marcus bei den Mitgliedern der hiesigen jüdischen Gemeinde eine Sammlung zu Gunsten der aus Rußland ausgewiesenen Juden