Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1892)
- Date
- 1892-02-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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162 Boten hat, welche alle dem Heute und Morgen dienen, aber das bereits Vergangene als alt, veraltet und abgestanden zu beurtheilen und veiurtheilen lehren! In einer Zeit, die nur diesem ihrem Zuge folgt, wenn sie auch für die höchsten göttlichen und menschlichen Anliegen alles der augenblicklichen Zeitströmung hinzugeben bereit ist, das ihr nicht gemäße, altmodisch, das von den Vätern überkommene altväterlich nennt; welche rettende That bedeutet es, daß in einer solchen Zeit, die von ihrem Verdienst so durch und durch erfüllt ist, die hehren Ahnengestalten vor die Seele zu führen, das Verdienst der Heimgegangenen Väter zu beleben, und jedes neue Tagewerk mit Gedanken an ma« ro, an die unverlierbaren Errungenschaften unserer großen Vorbilder zu eröffnen! Da steht der Jude, der betende Schulchan- Aruch-Jude mitten in einer Welt, welche die Lauterkeit der Gesinnung, die Redlichkeit des Wortes und die Ehrlichkeit der That, die alle Scham und Rücksicht selbst preisgeben lehrt, um den Kampf ums Dasein mit Erfolg aufzunehmen. Sie sieht überall Concurrenten und Nebenbuhler, böse Menschen, schlimme Genossen und schlechte Nachbarn lauern auf allen Wegen und Stegen dem bescheidenen Glück des Redlichen auf. „Unglücksfälle und Verbrechen" sind eine stehende Rubrik in den Berichten des Tages. Jedes Organ dieser Zeitstimmen predigt diese rücksichtslose Ausbeutung des Selbstinteresses und wird dadurch zum Verderben bringenden Verführer. Die warme, innige Menschenliebe wird zum Gelächter und die kalte Herzlosigkeit des Urtheils zur Tugend erhoben. Mitten aus diesen Erscheinungen flüchtet sich der betende Jude zu seinem Gott, der auch der Gott seiner Väter ist. Gott, der jene den Kampf mit der Leidenschaft in der eigenen Brust und mit einer feindlichen Umgebung so glorreich bestehen ließ. „Möge es dein Wille sein, o Gott, mein Gott und Gott meiner Väter, daß du mich diesen und jeden Tag rettest vor frechen Menschen und vor eigener Frechheit, vor schlechten Menschen, schlechtem Genossen, schlechtem Nachbar, schlechtem Begegntß und verderblichem Verführer, vor hartem Urtheil und vor hartem Gegner, er sei ein Sohn des Bundes oder sei es nicht." Da steht der betende Jude mitten in einer Welt, die lachend und lärmend an dem Beter und seinem Gebet vorüberrauscht. Je imponirender sie ihre Ansprüche geltend macht, je weniger Verständniß die große ihn umfluthende Masse auch von seinem Denken und Fühlen, Hoffen und Harren haben, je feindlicher sie sich ihm gegenüber stellen möge, um so inniger gelobt und mahnt er sich: „Immer sei der Mensch gottesfürchtig im Geheimen und bekenne die Wahrheit und spreche die Wahrheit im Herzen und erhebe sich früh und spreche von der Nichtigkeit alles dessen, worauf die große Menge ihr Lebensglück sicher zu gründen wähnt. Aber nun tritt der Ernst des Lebens in. seiner ganzen Wucht an den vereinsamt dastehenden Beter. Es handelt sich nicht nur darum, diese Wahrheit im Geheimen zu erkennen und anzuerkennrn, sondern öffentlich mit dem ganzen Leben dafür cinzustehen, Haus und Geschäft darauf zu gründen und seine Kinder danach zu erziehen. Wird es gelingen? Darf es der Vater wagen, sein Kind den dornenvollen Pfad der jüdischen Lebens- Pflicht zu führen, den alle anderen geflissentlich meiden, weil sie ihrem Kind nicht die einstige Carierre erschweren, oder ganz versperren wollen? Sein Kind erziehen für Zwecke und Ziele, welche die ganze „gebildete" Welt verlacht ober doch nicht begreift, seinem Kinde den Kampf ums Dasein erschweren, den andern zu erleichtern suchen, sein Kind für diesen ganzen, unbeugsamen Ernst zu ge- Winnen, den die Welt als jüdischen Trotz verfehmt, und den Gegensatz mit den landläufigen Anschauungen nicht nur nicht zu scheuen, sondern ihn erst recht zum Bewußtsein zu bringen, ist das nicht ein fortgesetztes Opfer, das Vater und Kinder täglich, stündlich zu vollziehen haben werden? Kann Gott die theueren Pfänder unserer Liebe als Opfer von uns verlangen? □man n« noj '«m .*6xrt onain itin vn. Wenn uns je solche Zweifel bestürmen, je solche Fragen in uns lebendig werden könnten, mit diesen Worten steigt der erste jüdische Vater täglich aus der fernen Vergangenheit mit unverwclklicher Frische vor unser geistiges Auge, und seine hehre, lichtumflossene Gestalt schlägt alle kleimüthige Schwäche nieder, die uns übermannen wollte. Dasselbe was uns vor wenigen Sekunden noch zu Boden ziehen wollte, zieht uns jetzt himmelhoch zu dem Ideal empor, das mit diesen Worten in seiner ganzen Verwirklichung alltäglich vor uns steht. im yitj6 nan ywb svn m »an omas idni omaeo ia \hv in y« nnnVt *6 ivx apy p ny’^N 'iai apyo pw in psi pnx’a ia in pw (J'j 'b td) Der Gottesruf an Abraham, mit der Liebe, die er athmet, mit der Nacheiferung, zu der er spornt, klingt durch alle Zeiten hindurch. Es giebt keine Zeit, die nicht einen Abraham, keine Zeit, die nicht ihren Jtzchak und Jakob, Mosche, Samuel hätte. Nicht umsonst leuchtet das Beisviel von der Moriahöhe durch alle Zeiten hindurch. Es giebt keine Zeit, keinen Vater und keinen Sohn, von welchen Gott nicht dasselbe Opfer verlangte, und erst die Weise, wie diesem Verlangen unserer-