Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1892)
- Date
- 1892-02-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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178 Barsch vom Lieutenant a. D. Thiele zum Fortsetzen deS Exerzirens ausgefordert, erwiederte Rosnovsky, daß es ihm unmöglich ist, und schon im nächsten Augenblicke wurde er auf Befehl des Vorgesetzten, Baron von Seebach, arg mit Nilpeitschen mißhandelt, unter Schimpfen und Fluchen seiner Uniform entblößt und fortgejagt. Nach zweitägigem, mühesameu Umherirren, ohne Speise und Trank wurde Rosnovsky im erbärmlichsten Zustande von einem Beduinen aufgefunden, auf dessen Kameel geladen und nach kurzem Ritt zur Friedmann'- schen Truppe gebracht. Weinend fiel Rosnovsky dem Vorgesetzten zu Füßen, bat um Erbarmen, wurde aber schimpfend bis zum nächsten Berge gepeitscht und unter Escorte fortgejagt. Die übrigen Emigranten sahen machtlos zitternd dieser haarsträubenden Scene zu, ohne Rosnovsky helfen zu können, da v. Seebach und Thiele mit geladenem Revolver die Befehle ertheilten. Eine bange Stunde war verstrichen, ohne daß die Zurückgebliebenen wußten, was mit Rosnovski geschehen. Da kam einer von der Escorte mit dem Verlangen nach einem Sacke zurück, zu welchem Bewände — das wußte man nicht — nach Verlauf einer weiteren halben Stunde kamen Friedmann, Baron v. Seebach und Thiele in fröhlichster Stimmung. Letzterer begann seinen Degen zu putzen, an welchem Blut klebte. Diese Wahrnehmung brachte die größte Bestürzung unter den Juden hervor, und in Sorge nm ihr eigenes Leben getrauten sie sich die Frage nicht, was mit Rosnovsky geschehen sein mochte. Run berief Friedmann die übrigen Inden und sagte, daß er unumschränkten Gehorsam bei strengster Disciplin von ihnen verlange, zu welche«! Zwecke er ihnen bis Morgen Bedenkzeit gebe. Nachdem sich bald die unerhörte Ermordung .des armen, 20jährigen Rosnovsky knndgab, wurde unter den Israeliten weinend Rath gehalten und beschlossen, lebend oder sterbend aus den Friedmann'schen blauen zu fliehen. Morgens, aberinals vorgernsen, fanden ne Friedmann samint dessen Suite versammelt. Letzterer eine Goldkrone ans dein Haupte, militärisch gekleidet, die Brust mit Orden behängen, die linke Hand aufdas Schwerte gestützt, in der rechten einen Revolver, sich als König und Paschah von Midjan vorstellend, gab er kund und wissen, daß er jetzt die entscheidende Antwort von den Untergebenen wissen will. Ein beherzter Mann aus dem Streife der Israeliten sagte: In Anbetracht, daß wir seit Monaten vom frühen Morgen bis späten Abend nur militärische Uebungen machen müssen bei großen Entbehrungen, schlechter Kost, zwei Galetta (dürres Matrosenbrod) per Mann täglich (gewiß unbestreitbar koscher), während unsere Weiber und Kinder in Suez schmachten, sehen wir ein, daß vom bloßen Ererziren keine Eolonie erstehen kann, und bitten wir inständigst, uns zu den Unsrigen ziehen zu lassen. Kaum war das letzte Wort verhallt, so wurde Allen von FriedmannsjEomplicen dieprirnitiveUniform heruntergerissen und dieselben fluchend und peitschend davongejagt. In halb adamitischem Costüme, hungernd und fiebernd, kamen unsere armen Brüder nach mehrtägiger, mühevoller Wanderung in Suez an. Die Lage dieser Geschöpfe spottet jeder Beschreibung und wird Ihnen, geehrter Herr Redacteur, die photographische Aufnahme, knapp nach deren Ankunft in Suez, welche ich Ihnen beischließe, ein Bild des Jammers geben. Auch aus der beigeschlossenenen Nummer des „Phare d’ Alexandrie“ werden Sie ersehen, daß Rosnovsky von einein Offizier der Friedmann'schen Expedition ermordet wurde. Bis zur Stunde weiß ich noch nicht, ob die Untersuchung in dieser Mord-Affaire eingeleitet worden ist, aber soviel steht fest, daß der Plan (vielleicht ein politischer) unter dem Deckmantel „eine Colonisation zu Gunsten der russischen Juden" eininal gründlich verdorben ist. Diese Schilderung ist genau einem Briefe aus Suez entnommen, welcher sich im Besitze eines Mitgliedes der hiesigen „B'ne Berith"-Loge befindet. I a g u e s M a r g o s ch e s , Präsident des Handwerker-Vereines (L- S.) „Iad Charuzim." > Vermischtes. <4 Berlin, 20. Jan. Eine Anklage wegen Beleidigung durch die Presse wurde gestern vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I. gegen den Redakteur der „Freist Ztg.", Emil Walter, verhandelt. Der Kommandeur des 31. Jnf.- Regts. zu Altona hatte den Strafantrag gestellt. Am 7. April vorigen Jahres erschien in der „Freis. Ztg." eine Mittheilung dahin, daß sich in Hamburger Blättern eine Anzeige des dortigen antisemitischen Vereins befunden habe, worin zum Besuche einer Versammlung eingeladen wurde, in der antisemitische Ansprachen gehalten und Musikgenüffe von der Kapelle des 31. Jns.-Reg. dargereicht werden würden. Die „Freist Ztg." knüpfte hieran die Bemerkung: „Während an andern Orten es den Militärkapellen verweigert wird, in politischen Versammlungen zu konzertiren, scheint in Hamburg die Judenhetze mit Militärmusik begleit.t zu werden." Wie sich herausgestellt hat, ist weder in jener Versammlung von der genannten Kapelle konzertirt, noch die Erlaubnitz dazu vorn Regimentskommandeur eingeholt worden. Der Angeschuldigte berief sich darauf, daß er jedenfalls im guten Glauben gehandelt habe. Der Gerichtshof verurtheilte denselben zu einer Geldstrafe von 100 Mark. Militärkapellen dürfen also bei antisemitischen Festen nicht spielen! Berlin, 2. Februar. Wetzel, der Mörder des Kaufmanns Hirschfeld in Spandau, ist heute vom Schwurgericht zum Tode verurtheilt worden. Berlin. Antisemit-Paasch und der Chefredakteur des antisemitischen Reichsboten zanken sich in dem Blatte des Letzteren in spaltenlangen Artikeln herum. Wir sagen mit Antisemit Marr: Vor diesen Leuten überkommt uns ein Ekel bis zum Erbrechen! Ulm, 2. Febr. Die israelitische Oberkirchenbebörde zu Stuttgart reichte laut „Ulmer Zeitung" einen Strafantrag gegen die antisemitische „Ulmer Schnellpost" ein. Gratz. In der letzten Versammlung des Gewerbebundes wurde Abstimmung über den Antrag, vöm Reichsraths-Candidaten für die Vorstädte antisemitische Gesinnung zu verlangen, vom Regierungsvertreter inhibiert. Oppeln, 2. Febr. Rabb. Dr. Wiener wird anläßlich seines 80. Geburtstages zum Ehrenbürger der Stadt Oppeln ernannt.