Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1892)
- Date
- 1892-02-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448229--33585-2481485- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
175 nahm". Es folgen ein paar Liebesbriefe zwischen Lucko und Fritsch. Luckos letzter Brief an Fritsch schließt mit den Worten: „So, Herr Fritsch, hier haben Sie mein Glaubensbekenntnitz. Es ist traurig, aber es hat den Vorzug wahr zu fein, und wenn ich auch jetzt in der Corona der „Unbeschnittenen" als verkappter Judengenosse ausgerufen werde, was ja selbstverständlich geschehen wird, ich werde wie bisher so auch ferner mit offenem Visir und ehrlichen deutschen Waffen, aber von nun an rücksichtslos kämpfen gegen Schwindel und Gemeinheit." Der Prozeß beginnt. Er ist noch nicht beendet. Er interessirt auch unsere Leser nicht. Interessant wäre höchstens noch das Bekenntniß: „Fritsch bezahlt seine Leute noch schlechter als die Juden". Lucko erzählt noch, wie noch ein anderer Antisemit mit unterschlagenen Geldern aus gerückt sei, er fragt, ob Fritsch nicht „in der Praxis den Juden noch um einige Nasenlängen vorkomme?" Er nennt mit Marr seinen ehemaligen Chef Fritsch einen antisemitischen Cirkusdir ekt or" und rechnet seine Genossen mit Marr zu den Trödel kram- Antisemiten, die in der Praxis den Juden noch 10 Double's vorgeben könnten". Herr Lucko schließt seine Broschüre mit der Erklärung, daß er es absichtlich verschmäht habe, „das Privatleben einzelner antisemitischer „Größen" in den Rahmen seiner „Indiskretionen" zu ziehen, er schließt mit den Worten: „Ich habe längere Zeit unter Chinesen gelebt, denen man nachsagt, daß einer von ihnen so schlau sei wie drei Juden. Ich bekenne offen, ich habe unter den chinesischen Kauf- und Handelsleuten mehr „Treu und Redlichkeit" gefunden, wie bei manchen modernen Antisemiten." Einer dieser Ehrenmänner wird vom Andern abgethan. So mußte es kommen. Wir hoffen, das Volk, das deutsche Volk, wird bald recht weit die Augen öffnen und sich staunend fragen, wie es möglich war, daß Gaukler und Komödianten es jahrelang zum Religionshaß und zur Racenhetze aufreizen konnten. Er hat Recht, der Antisemitenhäuptling Marr mit seinem Wort: „Der mode r e n e Fabrikgeschäftsschwindel-Antisemitismus bläht sich auf wie der Frosch in der Fabel und wirdwie di eser platzen". Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 2. Februar.. In der jüngsten Nummer unseres Blattes richtete unser Frankfurter R. Correspondent an Seine Ehrwürden Herrn Dr. Breuer'") die Aufforderung, die Vollendung der Hirsch'schen Tefillah zu übernehmen. Wie uns nun von zuständiger Seite mitgetheilt wird, ist der Commentar von Rabb. Hirsch selbst, vollständig bis zu Ende geführt worden. Das Manuscript befindet sich unter der Presse und wäre schon im Druck erschienen, wenn nicht der Setzer-Ausstand den Fortgang behindert hätte. Alzey. Der frühere Rabbiner von Alzey, Herr Dr. David Rothschild, ist in Burtscheid-Aachen im 76. Lebensjahre gestorben. Berlin, 28. Januar. Ein jüdisch-russischer Auswanderer wurde heute von einem Vorortszug bei Spandau zermalmt. Berlin. Die Strafsache Paasch, bei welcher es sich um Beleidigungen der verschiedensten Persönlichkeiten durch eine antisemitische Broschüre handelt, ist so weit vorbereitet, daß Termin zur Hauptverhandlung in drei bis vier Wochen zu erwarten ist. Rechtsanwalt Dr. Joers führt die Vertheidtgung. Wreschen, 30. Januar. Daß auch unter Nichtisraeliten die Qualen und Leiden unserer hartbedrängten Glaubensgenossen in Rußland gerechtes Mitleid erwecken, beweist nachstehender Wohlthätigkeitsakt. Herr Gutsbesitzer August Hempel auf Kornaty bet Stralkowo, übersandte dem hiesigen Comitö für die ausgewiesenen Juden einen Geldbetrag. Herr Erzbischof Dr. von Stablewskt, welcher längere Zeit hier als Probst amtirte, zeigte stets eine große Toleranz gegen die Juden. Bei Beginn der antisemitischen Bewegung warnte er von der Kanzel herab, seine Etngepfarrten vor Aufruhr gegen die Juden. Im vergangenen Jahre äußerte er sich einem jüdischen Gemeindevertreter gegenüber, als es sich um den vorgelegten Volks- Schulgesetzentwurf handelte, daß er als Landtagsabgeordneter zu jeder Zeit für die Freiheit der Religions-Satzungen jeder Confession eintreten werde. Am Geburtstage Sr. Majestät unseres Kaisers, wählte Herr Lehrer Wolff Hierselbst zu seinem Vortrage in der Schule den Text: „Wie hat sich der Israelit nach der Lehre des Judenthums gegen den König zu verhalten?" Dessau. Es ist bekannt, daß die jüdischen Bürger des deutschen Reichs zu fast allen politischen Parteien und Richtungen ihr Contingent stellen, und damit bekunden, daß ihr Judenthum sie in keiner Weise verpflichtet oder hindert dieser oder jener politischen Anschauung zu huldigen. Daß ein großer Procentsatz der deutschen Juden den fortschrittlichen und freisinnigen Bestrebungen mehr als den konservativen zugethan ist, beruht auf Gegenseitigkeit und hat mit der religiösen Ueberzeugung wenig gemein. Daß das Wesen des Conservatismus es nicht ist, das den Juden unsympathisch ist, zeigt ein Blick auf England, woselbst der größte Theil der jüd. Wähler konservativ gestimmt und wählt. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, ist es sogar erfreulich, wenn politische Zeitungen, die sich in Händen