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Der Israelit · 1892-02-04 · Heft 10 (4.2.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 10 (4.2.1892)
Date
1892-02-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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174 . „Herr Fritsch theilte mir gelegentlich mit, man habe sich ha Borstande beschwert, daß ich imbetrunkenenZu stände im Restaurant deS Thüringer Bahnhofs mit den Gasten Streit angefangen habe und durch einen Schutzmann aus dem Lokale entfernt worden sei. Ich war seit Jahren nicht auf dem Thüringer Bahnhofe gewesen, es Konnte also nur ein Unverschämter meinen Namen und meine Stellung mißbraucht haben. Durch einen glücklichen Zufall gelang es mir, den Namen dieses Gemüthsmenschen sestzustellen. Es war ein Mitglied des Vorstandes Namens M .... Die ganze Sache wäre, als in der Bierlaune geschehen, ja an sich harmlos gewesen. Den moralischen Defekt finde aber darin, daß der Betreffende in der Borstandssitzung, in welcher die Beschwerde über mich verhandelt wurde, anwesend war, wie ich aus dem Protokoll konstatirte, und in das „Kreuziget ihn" mit einstimmte. Ich ersuchte den Vorsitzenden, die Entfernung dieses Herrn aus dem Vorstande zu veranlassen, der Biedermann paßte aber zu gut in den Rahmen der übrigen Gesellschaft, er blieb und ist jetzt wieder neu gewählt worden." Noch interessanter ist der folgende Fall, der unS so ungeheuerlich erscheint, daß wir ihn nicht wiedergeben würden, wenn Lucko sich nicht für die Wahrheit verbürgte. Also: «Ich kenne ein Vorstandsmitglied, welches mir gelegentlich der Aussprache über einen Prozeß erklärte: ich sei nicht schlau genug. Er habe vor Kurzem einen Jungen geschlagen, und als dessen Vater ihn verklagte, habe er den einzigen Zeugen beschuldigt, ihn wieder geschlagen zu haben, damit der Mann nicht zum Zeugeneide zug elassen wurde. Der Mann habe ihn keineswegs geschlagen, aber er habe so seinen Zweck, die Niederschlagung des Prozesses erreicht. Das alles erzählte mir der Mann, ein hiesiger Buchhändler, mit vielem Stolze und er scheint mit seinen Ansichten Propaganda gemacht zu haben, denn diese Gegenklagentaktik wird jetzt auch gegen mich angewandt. Was hat ein Jude wohl an Verschlagenheit vor diesem deutschsozialen Reformator voraus?" Das sind die Retter des Vaterlandes! Diese Commis, Lehrer und kleinen Buchhändler wollen Deutschland von den Juden befreien! Diese Menschen konnten wette Kreise anständiger Menschen in Unruhe und Bewegung versetzen! Und mit solchen Leutennicht wahr, so ungefähr sagte Friedrich der Große —muß man sich herumschlagen! Doch es kommt noch besser. Lucko enthüllt gar liebliche Dinge. Lucko schildert, wie die Judenhetzer „bei Nacht und Nebel rücken", er erzählt von der „v erlog e nen Reklame" der Hetzbolde, er erzählt, wie der Vorstand 100 Mark für 3 Schwälmer Bauern bewilligte, die aus dem Wahlkreise Liebermanns in Nationaltracht angeblich freiwillig zur Huldigung auf dem Parteitage in Leipzig erscheinen sollten, er erzählt, daß zum Parteitage eine ganze Menge Leute Delegirtenkarten erhalten hätten, die absolut nicht von irgend Jemand delegirt w o r d e n w ä r e n. So z. B. hätte ein bekanntes Leipziger kleines Parteiltcht, das zufällig in Wanzleben geboren sei, als „Delegirter" für Wanzleben gestimmt u. s. w. Der Antisemit Lucko schließt das Kapitel mit den Worten: „Ich bin weit davon entfernt, mit dieser Schrift eine Lanze für das Judenthum brechen zu wollen, aber man muß mit den Thatsachen rechnen, und wollte Jemand behaupten, daß Wucher und Betrug, Hinterlist und Treubruch auch jetzt noch ausschließlich das Privilegium des Judenthums wären, so ist das einfach Unsinn und zeigt von wenig Scharfblick". Das 3. Kapitel ist überschrieben „ein politischer Komödiant". Es behandelt unter dem Motto „man soll den Bock nicht zum Gärtner machen" nochmals Herrn Theodor Fritsch. Herr Lucko schreibt: „Ich selbst habe noch vor 6 Monaten erklärt, daß ich Fritsch für den einzigen anftändi gen Menschen imCentrum d er Partei hielt. Heute muß ich meine Aeußerung zurückziehen". Lucko will es beweisen. Fritsch selbst zahlt alle Strafen aus der Parteikass e —was bekanntlich gesetzlich verboten ist — Fritsch versprach Lucko, alle Gerichtskosten zu zahlen, und „als ich ihn später um Gerichtskosten ersuchte, da meine Mittel völlig erschöpft seien und ich befürchten müßte, gepfändet zu werden, da schrieb er mir höhnisch, ob ich nicht wüßte, daß eine Zahlung von Geldstrafen durch Dritte „gesetzwidrig" sei. „Blos um lumpige hundert Mark zu retten, beging der deutsch-soziale Parteiführer Fritsch einen eclatanten Vertrauensbruch" — schreibt der Antisemit Lucko. „Du hast auf Dank gerechnet? Mein Bester sei kein Thor! Die Münze ist verrufen und kommt nur selten vor." Lucko berichtet dann eingehend, wie ein Malermeister Mauer das Blatt für 3000 Mark kaufte unter der Bedingung, daß sein Verwandter Dr. Bauer Redakteur würde. Das Geschäftchen wurde gemacht, da aber Lucko weder dem Bauer noch dem Wauer weichen wollte (letzterer ist, nach Lucko, ein junger Wann von etwa 25 Jahren mit wallendem Künftlerhaar, welches den Kragen seines Rockes befettete), und da er noch die Dreistigkeit besaß, sein Gehalt für 3 Monate wünschen zu wollen, wurde er einfach hinausgeworfen. „Der Schutzmann wurde geholt, Wauer warf mir noch in aller Eile ein paar beleidigende Redensarten an den Kopf, der Schutzmann notirte sich dieselben auf meinen Wunsch, und ich ging mit dem Schutzmann durch das spalierbildende Drucker- und Setzerpersonal aus dem Raume, in dem ich ein Jahr lang nicht zum Schaden des Blattes als erster Redakteur meine Kräfte der Partei geopfert hatte. Ich frage hiermit alle Redakteure Deutschlands, ob sich jemals ein Verleger, gleichviel ob Christ, Jude oder Fretgetst ihnen gegenüber so schofel be-

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