Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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167 und die 5 Töchter nahmen rührenden Abschied von der theuren Hülle des Heißgeliebten und das kleine Hans entleerte sich von einer solchen Menge Leidtragender, daß man gar nicht begreifen konnte, wie dieselben allesammt hatten Platz finden können. Die Behörden hatten, da nur der Sonntag zwischen dem Tode und der Beerdigung lag, nicht eingeladen werden können, trotzdem soll der Stadtschulrath Wagner unter den Zuhörern gewesen sein. In der geräumigen Leichenhalle stand, wiederum Kopf an Kopf gedrängt, das Publikum, die Gemeindevorsteher um die Rednerbühne geschaart, und nun bestieg der Rabbinatsassessor Munk die kleine Kanzel, um in seinem und seines Collegen, des 84jährigen Rabbi Jekev Cohn, Namen, den Av Bes-din zu feiern. Herr Munk Hob hervor, daß wohl Wenige wüßten, welcher p'ny und Ton der Oberrabbiner gewesen, wie er die Nächte nicht zum Schlaf, sondern zum Lernen benutzt, weil die Tage seiner Wirksamkeit in der Gemeinde, den ihn aufsuchcnden Hülfsbedürstigen und dem Unterrichte gehörten. Er sei ein würdiger Nachfolger der großen Männer gewesen, welche den Altonaer Rabbinersitz seit zwei Jahrhunderten geziert, eines Elbenschütz, Raphael Cohn, Jacob Ettlinger u. A., und er habe auch der Nachwelt in dem jüngst erschienenen Buche tw D’Tin ein herrliches Monument seines seltenen Wissens hinterlassen. Die Gemeinde Altona würde gewiß auf den erledigten Posten nur einen solchen Mann berufen, der solch großen Männern an Wissen und ganz besonders an unbezweifelter Frömmigkeit sich würdig anschließen könne. Der nächstfolgende Redner, der Schwiegersohn des Verewigten, Rabbiner Dr. Löb aus Rawitsch, rief dem Heimgegangenen die Worte des Propheten Elischa nach: „Vater, Vater (vtcns* oon ’ow ’on) Wagen Israels und seine Reiter." Ihm sei er im vollsten Sinne ein Vater gewesen. Er habe ihn, den früh verwaisten Knaben, zu sich genommen, ihn unterrichtet in der Gotteslehre, ihn, selbst, vorbereitet bis zum Eintritt in die Secunda des Gymnasiums, ihn später zu seinem Schwiegersohn gemacht und die beiden kleinen Söhne des Redners, wie eigene Söhne betrachtet und gesegnet. Intolerant sei der Verewigte gewesen — gegen sich selbst, aber voll unbegrenzter Liebe und Rücksicht gegen Andere, streng und unerbittlich in den Anforderungen, welche er an sich stellte, aber von rührender Milde gegen seine ganze Umgebung. Er erfreute sich deshalb auch bei religiösen Gegnern der höchsten Achtung, und vielfache Theilnahme ob des langen Leidens habe sich selbst bei Rabbinern anderer Richtung kundgegeben. Wie ein solcher Mann in der Familie gewesen sei, das könne man sich leicht denken, oder vielmehr man könne es sich nicht denken. Doch so wie Gott dem klagenden Josua beim Tode Mosche's gesagt habe na o: na -pn1? '01 „ist er denn nur Dir gestorben, habe ich nicht auch den treuesten Diener an ihm auf Erden verloren?" so müffe auch er, Redner, und die Seinigen Trost darin finden, daß die Familie der Leidtragenden nicht auf Weib und Kinder sich beschränke, sondern weitumfaffend sei und die Gottheit selbst mit einschließe. Indem nun Redner die Größe des Heimgegangenen Edlen zu schildern sich anschickte, gab er einzelne interessante Daten über dessen Lebensgang. Der Verstorbene hatte noch nicht das erste Lebensjahr erreicht, als er den frommen, in der n*nn gelehrten Vater verlor. Der trauernden Wittwe blieben nur sehr beschränkte Mittel zu ihrer Existenz noch, und doch schlug sie den ehrenhaften Antrag eines bedeutenden Rabbinen, welcher sie zur Frau nehmen wollte, aus. Nicht Gattin eines Rabbiners wollte sie werden, sondern Mutter eines solchen, ihres theuren Kindes. Mit einer wunderbaren Hingebung erzog sie dann, eine zweite Hanna, dieses vielversprechende Kind zur mm und rwv, und 7 Jahre alt, vermochte der Knabe schon ein schweres Stück aus dem Talmud (die Streitfrage zwischen mox und n’p:n in crnos) spielend, aus den Knieen des Rabbi Koppel Bamberger b"' zu wiederholen. Er saß dann später zu den Füßen des sel. Rabbiner Auerbach b"\ in Darmstadt und war, als er zur Universität nach Gießen entlassen ward, trotz seines jugendlichen Alters bereits so erstarkt in der Gottesfurcht, daß er sich dort 3 volle Jahre der Fleischnahrung enthielt, weil er der namtr mißtraute, und nur an Sabbaten in der nahen Heimath sich diesen Genuß verschaffen konnte. Trotz' solcher Entbehrung lag er nicht nur mit ungemindertem Fleiße den Studien ob, und fuhr im Lernen fort, sondern erblühte auch in körperlicher Jugendkraft, ein Ebenbild seines verstorbenen Vaters (der, einer der schönsten Männer im Hessenland, einem Maler sitzen mußte zu einem Bilde der großherzoglichen Gemäldesammlung). Nach Absolvirung der Studien, durch R. K. Bamberger und B. H. Auerbach mit nmm ninn ausgestattet, gründete er das Institut in Pfungstadt, von dessen Leitung er nur zurücktrat, um den Herzenswunsch seiner Mutter, ihn als Rabbiner zu sehen, zu erfüllen. Und sie hat diesen Wunsch noch übertroffen gesehen und konnte sich noch Jahre lang erfreuen an der allgemeinen Achtung und Liebe, welche ihm und seinem Wirken in Jchenhausen gezollt wurden. Was er seit seiner Berufung nach Altona geleistet, deß sei die ganze Gemeinde Zeuge, und die Spuren seiner Wirksamkeit würden auch den Folgegeschlechtern noch zu Gute kommen. So möge er denn in Frieden sich ausruhen von seinen rastlosen Be-