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Der Israelit · 1892-02-01 · Heft 9 (1.2.1892) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 9 (1.2.1892)
Date
1892-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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162 deren Bewohnern, unter denen selbstverständlich auch die Israeliten nicht fehlten, mit wahrer Begeisterung ^nd frenetischem Jubel empfangen. Gestern Morgens landete er, mit einem Lloyddampfer aus Triest kommend, bei seinem nur eine kurze Wegstrecke von Alexandrien entfernten Lustschlosse Ras El-Tin (Feigen-Vorgebirge ci’jxnn bwi), wo sich zu seiner Begrüßung sämmtliche Behörden und Notabilitäten der genannten Stadt eingefunden hatten. Auch sämmtliche Vorsteher der jüdischen Gemeinde Alexandriens mit dem Oberrabbiner Hasan '"2 waren zur Begrüßung des neuen Landesherrn dort erschienen und wurde ihnen ein Platz neben den übrigen religiösen Gemeindevertretungen, unter denen man auch die verschiedenen christlichen Patriarchen oder Erzbischöfe bemerkte, angewiesen. Der Khedive hielt sich nur eine kurze Zeit aus, worauf er nach dem Bahnhofe in Alexandrien fuhr und dort den Separatzug bestieg, der ihn nach unserer Stadt bringen sollte. Im hiesigen Bahnhofe harrten nun verschiedene Deputationen, darunter auch die unserer Eulusgemeinde, des neuen Landesherrn, dessen Ankunft hier einen wahren Jubelrnf hervorrief. Nächster Tage wird nun unsere Cultusgemeinde eine besondere Deputation in den Palast entsenden, die dem Khedive dort abermals huldigen wird. Bei dieser Gelegenheit will ich zugleich bemerken, daß unsere Cultusgemeinde auch bei dem Begräbnisse des verstorbenen Khedive Tewfik Pascha, das am 8. d. stattfand, gehörig vertreten war. Feuilleton. Z>er Günstling des Gzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jo«. Lehman«, vr. phil. (13. Fortsetzung.) Ohne auch nur einen einzigen Laut entgegnet zu haben, verließ Iwan Stube und Haus. Wie erstarrt, kaum im Stande ein Wort von sich zu geben oder auch nur eine Bewegung auszuführen, blieben die übrigen Theilnehmer dieser erregten Scene zurück. Es war, als ob sie Alle fühlten, daß etwas Schreckliches, Entsetzliches geschehen sei, aber die ganze Schwere und Tragweite dieses Unglücks noch nicht zu ermessen oder zu erfassen vermöchten; wie eine dumpfe, drückende Gewitterschwüle lag es auf ihnen und benahm ihnen schier den Athem. Die erste, die das peinvolle Schweigen unterbrach, war Frau Horwitz, die, in einem Verstecke! geborgen, den ganzen Vorgang mitangehört hatte. I In einem überlauten Klagegeschrei, das weithin zu hören war. machte ihr geängstigtes Gemüth sich Luft, als sie nun mit fliegendem Haar hervorstürzte und die Arme, wie schützend, über Afka ausbreitete. „Mein Kind!" schrie sie. „mein einziges, gutes, geliebtes, berühmtes*) Kind! Was wird er Dir thun, was wird er mit Dir machen? Er wird Dich gefangen nehmen, er wird Dich peinigen, er wird Dich uns fortführen. Oh, oh, oh, mein Gott, mein Goit! „Der Allmächtige, der Allgütige, der Allbarmherzige, der Allerbarmer, der Allvater soll uns helfen, was werden sie uns jetzt wieder anthun, was werden wir zu leiden haben?" Mit einer Fluth von Thränen übergoß sie ihren Sohn, der, auf's Innigste von ihrem Leid gerührt, mit Küssen die Thränen hinwegzuwischen suchte. Fest umklammerte die Mutter ihr Kind, als ob cs jetzt schon von ihrer Seite gerissen würde und sie es nicht lassen wollte. „Mein armes, gutes Mütterchen," sprach Afka sanft, „Gott wird uns schon helfen, hat Er uns doch bis heute niemals verlassen." Dem gemeinsamen Bemühen Alexei's und Jakow's gelang es allmählich, die Arme ein wenig zu beruhigen. Nun endlich trat auch Fürst Michail wieder hervor, herbeigelockt durch die herzzerreißenden Jammertöne der Frau Horwitz. Sein Gesicht war bleich, sein Kopf gebeugt; erstaunt betrachteten ihn die Familienmitglieder, die sich nicht entsinnen konnten, wohin er vordem gekommen, und wieso er jetzt wieder erschienen war. „Afka," sprach der Fürst, und seine Stimme bebte, „ich stehe vor Dir, wie ein Schuldbeladener! Ich, ich ganz allein bin die Ursache dieses unglücklichen Ereignisses und mir ist es zuzuschretben, wenn Euch fernerhin Kummer hieraus erwächst." „Du konntest nicht dafür, meine Heftigkeit —" brachte Jakow stotternd hervor. „Suche mich nicht reinzuwaschen, mein Freund; ich erkenne jetzt sehr wohl, daß ich feige gehandelt habe. Ich hatte nicht den Muth, ihm entgegenzutreten und habe hierdurch vielleicht Euch Alle in's Verderben gebracht." „Du hast es gewiß nicht schlimm gemeint", erwiederte Jakow mit matter Stimme. „Mit Absicht oder ohne Absicht, ich bin schuldig und muß, so weit es bei mir steht, mein Vergehen wieder gutzumachen suchen. Du hast mich *) „Berühmt" bedeutet in der Sprache der russischen Juden soviel wie: „sehr zu rühmen".

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