Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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163 früher einmal gefragt, mein Afka, was der Zweck meines Daseins wäre, und ich mußte Dir damals bekennen, daß ich ein zielloses, unausgefülltes Leben führte. Später zeigte sich mir eine liebe, süße Hoffnung, doch, ach, auch sie ist für immer dahin. Nun, theuerster Freund, schwöre ich Dir bei Allem, was mir noch heilig ist, daß künftighin der Zweck meines Daseins sein soll, Dich vor dem Unglück zu bewahren, das Dir durch die Beleidigung des Czarengünstlings vielleicht widerfahren wird und alle meine Kräfte einzusetzen, um Dich zu retten. Dir und Deiner Liebe sei mein Leben geweiht!" Gerührt, mit thränenden Augen drückte Jakow dem edlen Freunde die Hand. „Ihr seid besser, als ich, mein Fürst", mischte sich nun Alexei in das Gespräch. „Ich selbst hätte Iwan Alexandrowitsch empfangen sollen und daß ich damit zögerte und Euch in das Vordertreffen schickte, war weder recht noch klug. Ja, ja," fuhr er seufzend fort, „wir wissen zwar manchmal, was wir thun sollen, selten aber, was wir wirklich thun. Unsre menschliche Schwäche macht unsre bessere Erkenntniß zu Schanden." „Ihr beschämt mich, Alexei Chaimowitsch", klang es traurig von den Lippen des Fürsten. „Eure Worte treffen mich mehr als Euch. Ihr hattet weit mehr Ursache, Euch vor dem Ezarengünstling zu fürchten, als ich." „Laßt es gut sein, wackrer, junger Mann!" entgegnete Alexei herzlich. „Was geschehen ist, wird nicht durch Reden gebessert, denn Thatsachen sind leider halsstarrig. Uebrigens hätten wir uns weit vernünftiger anstellen können und ein Unglück wäre doch geschehen. Jene Heimsuchung durch Iwan Alexandrowitsch konnte für dieses Haus nicht ohne Unheil vorübergehen. Laßt uns nun darauf sinnen, wie wir der drohenden Gefahr Vorbeugen können, meiner Meinung nach, muß Jakow noch heute aus der Stadt fliehen." „Das Weideland des Czaren ist groß, man kann es nicht überschreiten; wer nicht todt ist, wird von der russischen Polizei ausgefunden", wandte Michail ein, eine Redewendung benutzend, die von einem Etappen-Offizier zu einem fliehenden Verbrecher gesprochen, und seitdem zum geflügelten Wort geworden war. „Es ist wahr," erwiederte Alexei, „wer nicht Verbindungen hat, wie etwa die Nihilisten, oder von wem die Regierung nichts weiß, weil er heimathslos ist, wie manche unserer Glaubensgenossen, für den ist es kaum möglich, sich in Rußland längere Zeit zu verbergen, und über die Grenze wird Niemand ohne revidirten Paß gelassen. Indessen wüßte ich kaum, auf welche Art sonst eine Rettung möglich wäre. Als unser Erzvater Jakob von dem bösen Esau überfallen wurde, da schickte er sich und die Seinen auf zwei Arten zur Rettung an. Auf der einen Seite suchte er durch Bitten und Geschenke den Feind sich günstig zu stimmen, ferner aber bereitete er Alles zur Flucht vor. Seinem Beispiel will ich folgen. Sofort begebe ich mich zum Gouverneur, um zu erfahren, in wie weit er mächtig und gewillt ist, uns zu beschützen; während dessen mögen die Frauen das Nöthigste einpacken für meinen armen Sohn, und erfahre ich, daß die Verhältnisse ungünstig liegen, so mag er zur Nacht davonfahren. Gott wird ihn behüten." Hiergegen vermochte der Fürst Nichts einzuwenden, er fügte nur noch hinzu, daß auch er sich sofort auf eine Rundfahrt begeben werde, um alle Behörden der Stadt zum Schutze für den Bedrohten aufzufordern. „Es war doch besser," sagte er mit müdem Lächeln, „daß ich nicht, wie ich einen Augenblick gewollt, in jenes unheilvolle Gespräch mit dem Günstling eingegriffen habe, denn ich hätte nur mich selbst vernichtet, während ich jetzt vielleicht Euch noch nützlich werden kann." Man trennte sich, damit jeder Theil die ihm zufallende Aufgabe ausführen möchte. Die beiden Frauen begaben sich in das untere Stockwerk, ließen von einer vertrauten Magd einen kleinen Koffer herbeibringen und bargen in demselben, was immer für eine längere Reise das Nothwendigste war. Jedes Kleidungsstück, das sie hineinlegten, benetzten sie mit ihren Thränen und Frau Horwitz schien im Schmerz um ihren Sohn ganz an sich selbst zu vergessen, während doch sonst ein stark egoistischer Zug ihrem Charakter eigen war. Das Unglück hatte sie veredelt und jeden Unwillen getilgt, den sie gegen ihre zukünftige Schwiegertochter früher wohl haben mochte. Unter vielen gegenseitigen Umarmungen und Küssen beendeten die beiden Frauen ihre traurige Arbeit und ihre Thränen flössen ineinander. Während dieser Zeit war Alexei, Angst und Hoffnung im Herzen, zum Gouverneur gefahren. Er fürchtete, daß er den Günstling des Czaren vielleicht dort schon vorfinden würde, indessen war noch Niemand da und Alexei, der einen tiefen Griff in seine Kaffe gethan hatte, wurde von dem Beherrscher der Provinz empfangen. Iwan Alexandrowitsch aber, der schwerbeleidigte und so sehr gefürchtete Mann irrte um diese Stunde, noch vor Wuth schier einem Wahnsinnigen gleich, in den Straßen der Stadt umher. Er war, als er aus dem Hause des Juden hervorstürzte, nicht in seinen Wagen gestiegen, der vor dem Thore hielt; wie von einem Dämon be-