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Der Israelit · 1892-02-01 · Heft 9 (1.2.1892) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 9 (1.2.1892)
Date
1892-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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159 Richtung, die wir unserem Denken und Fühlen, unserem Geiste und Gemüth geben müssen. Vor dem Gebet sammelten sich daher die D'awwin o'-ron die früheren Fommen, um die nöthige Sammlung und „Richtung" für ihr Gebet zu finden. In dem Psalmwort (Psalm 10. 17) pK mh pan „Giebst Du ihrem Herzen erst die rechte Richtung, dann wird Dein Ohr hinhören", findet Abba Schaül die Pflicht angedeutet, vor dem Gebet den Sinn auf Gott zu richten. 7) Daß erst diese rechte Richtung vorhanden sein müsse, wenn ihr das rechte Wort des Gebets folgen solle, spricht auch die wörtliche Auffassung des Satzes aus. .onann p p aVn navo TIK Diese Auffassung sichert dem Gebet seinen Werth, auch wenn es nicht die von uns gewünschte Erhörung gefunden hätte. Diese „Richtung" zu Gott und die dadurch bewirkte Verbindung mit ihm, sind der eigentliche Zweck des Gebets, dessen Erreichung lediglich in unserer Hand liegt. Aus dieser Anschauung heraus lehrt daher der Schulchan Aruch, daß wenn dieser Sinn vorhanden ist, das Gebet selbst nichts an seinen Werth verliert, wenn es auch nur klein ist, und daß ohne denselben, das Gebet werthlos ist, auch wenn es noch so lang wäre. Daß aber die Bedeutung des Gebets andererseits nicht durch dieses Betonen der Andacht unterschätzt werden soll, ergiebt sich aus der talmudischen Quelle, aus welcher dieser Satz entnommen und auf das Gebet angewandt wurde. — Dieselbe befindet sich in der Mischna Ende Menachoth und lautet: „Es wird das aus Thieren bestehende Emvor- Opfer eine Feuerhingebung, ein Ausdruck der Willfahrung genannt, und dieselbe Bezeichnung findet sich bei dem Vogel-Opfer und dem Mehlopfer, um dich zu lehren, mag der eine viel und der andere wenig leisten, wenn er nur seinen Sinn auf Gott richtet." Es wird uns hier die fundamentale jüdische Wahrheit vermittelt, welche bei allen Opfern, nicht die Leistung an und für sich, sondern das Verhältniß zur Leistungsfähigkeit der Leistenden in Anschlag bringt. Hekatomben, die der Reiche opfert, können in winzigerem Verhältniß zu seiner Leistungsfähigkeit stehen, als die Taube, oder die Hand voll Mehl, mit welcher der Arme sich Gott naht. Gottes Gesetz rangirt daher die Opfer nach der Leistungsfähigkeit der Opfernden, und nimmt von dem Armen ein an materiellem Werth geringeres Opfer ebenso entgegen, als von dem Reichen, und in beiden vollzieht sich in gleicher Weise die Hingebung an Gott. — Wenn aber nun der Reiche sagen wollte: da Gott sich mit der geringen Gabe ebenso begnügt, wie mit der großen, will auch ich nur das geringere Opfer bringen, so würde dies der ganzen Intention dieser göttlichen Satzung geradezu Hohn sprechen. Genau so ist es mit der aus dieser Wahrheit abgeleiteten Abstraktion für das Gebet. Daraus, daß derjenige, welcher durch die Sorgen und Mühen des Lebens gehindert ist, sein Herz im^Gebete voll und ganz auszuschütten, mit der rechten und wenigen sie begleitenden Worten, dennoch auf die Gnade Gottes rechnen darf, soll gewiß kein Dispens für denjenigen ausgesprochen sein, der ohne äußeren Zwang, dasselbe Privilegium beanspruchen wollte. Das Gegentheil ist der Fall. Die Leiden, Sorgen und Mühseligkeiten des Lebens, die den von ihnen Betroffenen am G e b e t hindern, sind oft gerade die besten Wecker und Förderer der wahren naro, also des entscheidenden Kriteriums für den ganzen Werth des Gebets. Wer aber ohne äußere Hindernisse sich dennoch vom Gebet emanciptren möchte, bekundet eben damit, daß ihm die mw fehlt, die sonst unablässig zum Worte drängen würde. — Diese Innerlichkeit, Geistigkeit und Erbauung, die sich viele vtndiciren, um sich mit Anstand vom Gebet dispensiren zu können, ist im günstigsten Falle eine Selbsttäuschung, hat aber in allen Fällen nichts mit dem gemein, was uns als navo gilt. So gewiß dieses wenig Beten, aber mit navo, mit der Richtung unseres ganzen Sinnens und Denkens auf Gott, besser ist, als viel beten ohne nana, so gewiß und noch viel gewisser ist vieles Beten mit nana besser als wenig Beten mit navo, weil nicht nur das richtige Gebet einen Maßstab für die Innigkeit der na'.o, für die Tiefe dieser Quelle bietet, aus der es entströmt, sondern weil jedes innige, wahrer nana entströmende Wort des Gebets, dieser selbst die Festigkeit und Dauer verleiht, welche über die Gebetszeit hinaus ins tägliche Leben und Verkehren hineinreicht, und allmählich dazu führt, unser alltägliches menschliches Thun und Lassen göttlich zu verklären und zu veredeln. Bevor nun im Schulchan Aruch die täglichen Pflichtgebete behandelt werden, folgen in den nächsten Paragraphen zunächst eine Reihe solcher, die dem freiem Ermessen jedes Einzelnen anheim gegeben sind. — Dieselben repräsentiren nicht einmal eigentliche Gebete, sondern Abschnitte aus der Thora zur Beherzigung der darin niedergelegten, besonders bedeutsamen Wahrheiten. Gerade diesem fakultativen Theil unserer Gebete gegenüber hätte sich leicht das Mißverständ- 7) Berachoth 31. a.

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