Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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fen und eine Erstarkung ihrer Geistes- Kraft erlangten, welche sie nahezu die Stufe der Prophetie erreichen ließ. Kommt einem ein anderer Gedanke mitten im Gebete. so schweige man stille, bis dieser Gedanke beseitigt ist. Man denke an Dinge, die das Herz demüthig machen und es auf den Vater im Himmel richten, aber nicht an Gegenstände, die zur Leichtfertigkeit führen. — Anmerkung. — Man vergegenwärtige sich vor dem Gebet die Erhabenheit Gottes, sowie die menschliche Hinfälligkeit und banne alle weltlichen Zerstreuungen aus seinem Sinne. — Man küsse in der Synagoge seine kleinen Kinder nicht, um sich einznprägen, daß neben der Liebe zu Gott keine andere existirt. 2) Man bete weder an einer Stelle, noch zu einer Zeit, welche die Andacht beeinträchtigen könne; gegenwärtig achter man jedoch hierauf nicht, weil unsere Andacht beim Gebet ohnedies nicht die vollkommene ist. 3) Man bete in flehender Weise, wie ein Armer vor der Thüre fordert und mit Gemüthsruhe, damit das Gebet nicht wie eine Last erscheine, der man sich entledigen möchte. 4) Das Gebet vertritt die Stelle des Opfers und muß deßhalb ganz nach der für das Opfer giltigen Vorschrift beachtet werden. Zunächst was die rechte Absicht betrifft, daß sich kein anderer Gedanke eindrängt, wie ein solcher Gedanke ja auch die Altar-Heiligthümer untauglich machen würde. Es ist, wie der Opferdienst, im Stehen zu verrichten, ferner an einem dazu bestimmten Ort, wie auch für jedes einzelne Opfer ein bestimmter Ort für die Schlachtung und Bluihingebung angeordnet ist. Nichts soll den Betenden von der Wand, vor welcher er steht, scheiden. Auch würde sich für das Gebet eine besondere, angemessene Kleidung, entsprechend den Priestergewändern empfehlen. wenn sich Jeder diese Ausgabe gestatten könnte. 5) Niemand darf denken, Gott müsse nun sein Gebet erhören, weil er es mit Andacht gebetet habe. Eine solche Denkweise ruft im Gegentheil Ahndung begangener Sünden wach (denn sie erweckt den Schein, als vertraue man selbst Angesichts einer prüfenden Untersuchung des ganzen Lebenswandels auf seine verdienstlichen Handlungen), sondern man denke, daß Gott alles unverdient, aus Gnade gewährt, und sage sich selber: Wie könnte ich Armer, Geringer, eine Bitte an den Heiligen, gesegnet sei Er, wagen, wenn nicht im Vertrauen auf Seine Gnadenfülle, welche Er über Seine Geschöpfe walten läßt. Man erwäge wohl, daß diese Andacht, welcher der Schulchan Aruch hier das Wort redet, als der Stufe der Prophetie nahe bezeichnet wird. Es ist dies keine Hyperbel. Eine aufmerksame Beachtung der hier gegebenen Anleitung zeigt, daß dieselben Vorstufen, die zur Prophetie führen, auch für die hier gezeichnete Andacht gefordert werden, inra» mwa Nin “p"n tpnpn 1'X pnv '2-, -MX oaro wyi noj by t*bx Rabbi Jochanan lehrt, der Heilige, gesegnet sei er, läßt seine Schechtna nur auf einem solchen ruhen, der st ark, reich, w eise und bescheiden ist. (Nedarim 38.) Stark ist derjenige, der sich selber beherrschen kann, mit dieser Pflicht der Selbstbeherrschung — "Qjrp — beginnt deßhalb der Schulchan Aruch. Reich ist derjenige, der sich mit dem ihm von Gott beschiedenen Theil so vollkommen begnügt, daß er nichts, nicht einmal von Gott verlangt. Es giebt keinen größeren Reichthum, als das Bewußtsein arm Gott gegenüber zu stehen und aus seiner unerschöpflichen Gnadenfülle versorgt zu werden, das sich dann in die Worte kleidet: '2^v nxs w\>2b man 'd .vnDn 2nc uh dx rvapn noten Diese Anschauung, die in jedem gewährten Athemzug ein so reiches Gnadengeschenk Gottes erblickt, daß sie nichts ferner zu bitten hat, weil sie weiß, \n?2 a\T 'ti a\-n ]xd, daß der Gott, der das Leben gegeben auch für dcffen Unterhalt sorgt, diese Anschauung macht bescheiden, läßt denjenigen, der von ihr erfüllt, doch noch um etwas zu bitten wagt, wie einen Arnren an die Thüre pochen. Und wie die Prophetie, hat die ihr verwandte Erhebung zu Gott im Gebet, so wenig mit unklarer, religiöser Schwärmerei und Verzuckung gemein, daß sie nicht geistig beschränkten Gefühlsmenschen, sondern nur den klar denkenden Weisen aufsucht. Weise ist derjenige, dessen Gesichtskreis weiter reicht als das ihn umgebende, alltägliche Leben, nx nxnn, dem keine noch so trübe, schale Gegenwart den Blick für die bessere Zukunft trübt. Deßhalb schickt wohl auch der Schulchan Aruch dem täglichen Gebet für die Bedürfnisse des Tages in seinen §. §. 2, und 3, das der Zukunft Israels und der Menschheit gewidmete nächtliche Gebet by) p-iinn by voraus. — Es sind somit klare, nüchterne Gedanken, die nichts mit Ekstase gemein baben, deren Aneignung für die Gewinnung der jüdischen Andacht — nma — erforderlich find. Aus allem dem ergiebt sich, daß die deutsche Bezeichnung „Andacht" den Begriff ruvo nur unvollständig wieder giebt. Während Andacht die Folge, die Blüthe des Gebets ist, hat rinw dem Gebet vorauszugehen, ist das wahre Gebet die Folge und Blüthe der wahren rura, der rechten