Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. / _M 9 Der Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 1. Februar 5652 (18S2 Leitender Artikel. Zur Mürdigung des Schulchan Aruch. Von Bezirks-Rabbiner Dr. Ehrmann in Baden (Schweiz). VIII. '1 .mra xhi manno ru'.D3 D'junn oye 3113 § 4. „B esse r wenig beten mit Andacht, als viel ohne Andacht." Wenn die Wahrheit auch für Bücher gilt, daß man von der Tugend, bie man ha, am wenigsten, am meisten aber von derjenigen spricht, die man nicht hat, so begreift es sich, warum in Wirklichkeit der Schulchan.Aruch mehr ans die Pslichtthat und ihre präcise Erfüllung sein Augenmerk richtet, dagegen über die sie begleitende Gesinnung wenig Worre verliert. Sie ist ihm so unerläßlich, so selbstverständlich, daß viele Worte darüber ihre Nothwendtgkeit lange nicht so eindringlich darzuthun vermöchten, als die prägnante Kürze in diesem alles Folgende einleitenden Satze. Wie könnte es auch anders sein? Gründet sich doch Lehre und Leben oer Verfasser des Schulchan Aruch auf die Lehre und das Leben unserer großen Weisen, welche nicht müde werden, uns zu ermahnen: „Gott verlangt das Herz!*) Wenn ihr betet, wisset, vor wem ihr steht, *) der Betende muß sich ansthen, als stünde die Herrlichkeit Gottes ihm gegenüber, denn es ist gesagt: Ich stelle mir Gott beständig vor,* I) 2 *) wer sein Gebet wie eine Formsache behandelt, dessen Gebet ist kein Flehen,a) wenn du betest, behandle dein Gebet nicht wie eine Form- *) Talmud Snuhedrin 10t'a 1) Bnacholh 28. 2) Sonhedii» 22. n) Berachotl) 28. sache, sondern wie eine Bitte um Gottes Erbarmen, 4 5 6) der Betende muß sein Herz zum Himmel lenken, der Betende muß den Blick nach unten und das Herz nach oben richten,") ein Gebet ohne Andacht ist ein Körper ohne Seele," und)wie7die Anssprüche alle lauten, welche sämmtlich bekunden: □nmn p p a^n rovo "ins, daß die wahre Gesinnung allen Worten erst ihren wahren Werth verleiht. Wahrlich, der Schulchan Aruch, der jdie Thal lcbrt und die Gesinnung als davon unzertrennlich nur andeutet, bedarf der Vertheidigung gegen den Wortschwall nicht, der von Verinnerlichung und Vergeistigung überfließt und sich so wenig durch die Thal zu legitimiren vermag! Aber selbst diejenigen, welche an die Andacht erst glauben, wenn sie dieselbe schwarz ^auf weiß vor sich haben, können das, was der Schulchan Aruch unter Andacht versteht, ans seinem 98. Eapitel ersehen. Er führt uns hier eine Höhe der Anschauung und Gesinnung vor, die sich kühn mit derjenigen seiner Verkleineret' messen kann. Eap. 98. Von d e r N o t h w e n d i g k e i t der Andacht beim Gebet. I) Der Betende muß seinen Sinn auf die Bedeutung der Worte richten, die er mit den Lippen ausspricht. Er soll denken, als ob Gottes Herrlichkeit ihm gegenüberstände und muß alle ihn ablenkenden Gedanken so von sich weisen, daß das ganze Denken und Sinnen rein beim Gebete ist. Man vergegenwärtige sich, wie, wenn man _ vor einem irdischen Könige zn reden hätte, man seine Worte setzen und wohl erwägen würde, wie vielnlehr erst vor dem Könige aller Könige, dem Heiligen, gesegnet sei Er, der alle Gedanken erforscht. So haben es die Frommen und die Männer der That gehalten. Sie zogen sich zurück, richteten ihren Sinn auf das Gebet, daß sie dazu gelangten, alles Körperliche abzustrei- 4) Abolh II., 18. 5) Berachoih Hl. 6) Jebamolh 105.