Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1892)
- Date
- 1892-01-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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150 Bedingungen ohne weiteres dem letzteren Lande den Vorrang lassen. Im Verhältnisse zu Brasilien haben die Laplatastaaten zunächst ihr großeutheils gemüßigtes, dem Europäer zuträgliches Klima, die relatis größere Freiheit in ihrer religiösen Duldung, d'e Homogenität des ganzen Staatswesens, welche particularistische Tendenzen in diesem großen Reiche practisch nicht anskommen läßt, als Vorzüge auszuweisen; ferner ist der Arbeiterstand meist dort aus derselben Stufe der Entwickelung als in Europa, während es durchaus nicht sicher ist, in welcher Weise der freigewordene, aber cnlturell noch vollständig zurückgebliebene schwarze sclave aus leine Masseneinwanderung fremder, ihm eventuell Eoneurrenz machender Elemente reagiert. Es ist ja sicher, daß auch Brasilien über großartige Länderstrecken verfügt, welche sich vorzüglich für die Anlegung von Eolonien eignen dürften und find die blühenden deutschen Ansiedlnngen in Blnmenan und Petropolis sprechende Beweise dafür, aber es ist bei der Schwierigkeit der Landgnarantäne durchaus nicht ausgeschlossen, daß auch ^sonst gesunde Länderstriche von der gelben Seuche ergriffen werden und daß dann die sogenannte »tledre amarilla“ dort ebenso endemisch wird, wie dies in Rio, Santo und Parä schon heute der Fall. So lese ich z. B. neuerdings in den bis znm 15. Dez. 1891 zurückreichenden argentinischen Zeitungen, daß durch den in Santos anlausenden französischen Dampfer Eharente ein Fall von gelbem Fieber nach Buenos Apres verpflanzt wurde. Da das betreuende Individuum (Eanaletti) starb und die Dbdnetion nach allen Regeln der .Vüutft gemacht wurde, so ist an der Sicherheit der Diagnose trotz ihrer Schwierigkeit bei einem einzigen Falle kein Zweifel zu hegen. Es wurden sofort die allerstrengfteu Quarantäne-Maßregeln vom dortigen Hygienerath verfügt, der Dampfer mußte überhaupt, ohne seine Fracht entladen zu können, die argentinischen Gewässer verlassen, das Haus, in dem der kranke starb, wurde verbrannt, die strengste Jsolirung aller im Eontaete stehenden Personen dnrchgeführt und Dank dieser Maßregeln konnte die Seuche nicht Umsichgreifen. Zeh glaube nicht, daß in Brasilien bei den nahen Beziehungen der Staaten unter sich und bei der leichten Verpflanzung der Epidemie auf dem Landwege derartige Maßnahmen denselben Erfolg hätten haben können. Zieht man ferner noch in Betracht die augenblicklich relatif sehr billigen Bodenpreise und dessen directe, sichere Rentabilität in Argentinien, so wird man jedenfalls den Laplatastaaten für die jüdische Einlvanderung den Vorzug geben. — Ich will zum Schlüsse dieser Betrachtungen nun noch ein Bild zu geben versuchen, in welcher Weise nach den bis jetzt mir gemachten Mittheilnngen das Schema der großen Idee des Baron von Hirsch gedacht ist und im Großen und Ganzen practisch zur Durchführung kommen soll. Für das erste Jahr ist überhaupt nur eine Einwanderung vorausgesetzt, die bei normalen Verhältnissen 5000 Personen womöglich nicht überschreiten soll, da man erst die mit diesen Eolonisten gemachten Erfahrungen abwartcit und verwerthen will und dieselben den Grundstock zu dem erst später zu führenden Weiterbau sein sollen; dieses Element soll bei richtiger Schulung der Lehrmeister sein für den späteren Zuwachs und sind für eine solche Zahl, die bis jetzt gemachten Landankäufe in Santa Fe und Nueve de Indio mehr als ausreichend. Die Einwanderer sollen, wie oben erwähnt, in Buenos Ayres nur die strikt nothwendige Zeit zubringen und sofort nach den Eolonien abgehen, wo eine ausreichende Beschäftigung schon ihrer harrt. Ans ihre religiösen Bedürfnisse soll Pie genügende Sorgfalt verwendet werden, und während der unermüdliche und philantropische Herr Simmel einen Theil der bis jetzt möglichen diesbezüglichen Maßregeln während ihrer Uebcrfahrt in Bezug auf die Verpflegung u. f. w. übernommen hat, sollte man ihren rituellen Ansprüchen, so weit es nur irgend angehend, auch beim ersten Betreten ihrer neuen Heimath nach Möglichkeit entgegeukommcn. Es ist selbstverständlich, daß bei so heterogen zusammengesetzten Elementen im AnfangeZ'elbst bei bestem Willen Mißbräuche und eine Reihe von Unzuträglichkeiten und Klagen geradezu unvermeidlich sind, und wer daraus dem ideal angelegten Leiter des ganzen Unternehmens Herrn Dr. Löwenthal einen Vorwurf machen will, sollte doch erst bedenken, was es z. B. heißt die Verproviantirung und Unterbringung von disciplinirten Truppen während der Manöver zu erwirken, während man es hier mit einem verwahrlosten, oft körperlich herabgekommenen, ungeschulten Elemente zu thnn hat, das oft weitgehende Ansprüche macht, in einem Laude, wo erst das Röthige zur Lebenserhaltung und Bekleidung oft ans weiter Ferne herbeigeschafft werden muß, wo die Wege oft in mißerablen Zustande sich befinden und wo die Baumaterialien fehlen. Das angekaufte Land wird dann an die Neuansiedler parzellirt, diejenigen, welche das nothige Kapital mitbringen, .können sofort größere Strecken von der Gesellschaft znm Ankaufspreise erwerben; an die Anderen wird je nach der Kopfzahl der Arbeiter Land abgegeben, werden die nöthigen Sämereien, Ackergeräthschaften und das nothwendige Bich unentgeltlich geliefert unter der Bedingung. daß sie nach etwa zwei Jahren beginnen, ihre Schuld bei mäßiger Zinszahlung amortisirend abzntragcn, so daß sie nach einer Anzahl von Jahren Herren von Grund und Boden werden. Wahrscheinlich wird man sogar ein eontraetliches Verhältnis; mit den Auswanderern cingehen können und m ü s s c n , wonach dieselben an die Scholle gebunden bleiben und nicht das Proletariat in den größeren Städten vermehren können. Auf der anderen Seite war von jeher der Ackerbau treibende Eolouist in Argentinien viel weniger Verlusten ansgesetzt als die Kan'fleute und ist es daher wahrscheinlich, daß die Immigranten diesen Vortheil selbst bald einsehen lernen. Es hängt also hauptsächlich vom Fleiße des Ansiedlers ab, schon nach relatif kurzer Zeit eine Strecke Landes mit einem Wohnhanse sein eigen nennen zu können und wirkt das Beispiel der fleißigen Arbeiter, die es rasch zu etwas bringen und auch sonst wohl den Anderen gegenüber Vergünstigung erhalten, auf die Lässigen ermnnternd ein, die eben gar keinen anderen Answeg zu ihrer Erhaltung haben, als eben zu arbeiten. Jede Eolonie hat ihre eigenen Pflugnnd Dresch-Mnschincn, ihren Rabbiner, eigene Schule,