Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1892)
- Date
- 1892-01-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXXll. Jahrgang. Zweite Sellaze;u M 8 des «Israelit/" Leitender Artikel. Zur Lage in Argentinien. Von Consul Or. meä. Albert Rosenau in München. IV. Die 14 Provinzen bilden mit Buenos Ayrcs als Hanpstadt einen Föderativstaat und, wenngleich bei der großen räumlichen Ausdehnung auch die Interessen derselben sich nicht immer decken, so ist doch die Homogenität dieser Staatengruppe durch die gleiche Sprache und durch das Vorhandensein von Seehäfen nur in der Provinz Buenos Ayres vollständig gesichert. Es ist also eine Befürchtung, welche von vielen Kennern der Verhältnisse für Brasilien gehegt wird, ziemlich vollständig ausgeschlossen. Dort nämlich haben fast alle dem Meere zuliegenden Provinzen gute Seehäfen, sind also bei ihrem Verkehre nur wenig auf die Hauptprovinz angewiesen und ist es unzweifelhaft, daß in absehbarer Zeit bei der großen Verschiedenheit der Interessen sich die einzelnen Glieder vom Stamme abbröckeln werden und Rio Grande do Sul, Rio de Janeiro, Par>r u. s. w. ebensoviele Staatengruppen für sich bilden werden nach einer Reihe blutiger Revolutionen und Bürgerkriege. In Argentinien ist gerade jetzt das Land in großer politischer Gähruug begriffen, und gibt man dieser die Hauptschuld, daß die Krise sich bis jetzt nicht wesentlich modifkzirt hat. Die neue Präsidenten-Wahl steht vor der Thüre, die 3 großen Partheien, die Union Civica National, Nadical und el Pardito Antonomista, welche alle 3 bei ihrer Politik rein selbstständige Interessen verfolgen, werden wohl bis Februar kaum sich unter einen Hut bringen lassen und, da der einzige Eandidat von großer Popularität, der große Patriot und judensreundliche General Mitze soeben seine Candidatur zurückgezogen hat, so sieht man einer Periode großer wahlpolitischer Erbitterung mit den obligaten Revolverschüssen voraus. Der fremde Gringo mischt sich meist nicht in den Kamps der Partheien, da er auch im Gegensätze zu Nordamerika nicht gezwungen ist, argentinischer Staatsbürger zu werden, schließt sich am Tage der Wahl in sein Haus ein und liest hernach behaglich in der Zeitung, wie viel Leute bei dem Wahlgange (auf der Wahlstatt) ihr mehr oder minder werthvolles Leben einbüßten und bedauert es, wenn er aus den Nekrolog eines Bekannten trifft. Sollte wirklich eine größere Gefahr für den Fremden drohen, so zieht er an seinem Hause die Nationalflagge auf und begibt sich in den Schutz seines Eonsuls, wie dies bei dem letzten Bürgerkriege in Ehile so vielfach geschehen mußte, und fühlt sich im Besitze seines Passes immerhin noch sicherer als der Argentinier, der bei activer Betheiligung für oder wider die Regierung je nach Ausfall des Kampfes für sein Gut und Blut zittern muß. Ich spreche hier von ausnahmsweisen Zuständen, die aber doch bei allen südamerikanischen Republiken sich gelegentlich geltend machen, und ist gerade bei derartigen Veranlassungen für die vertriebenen russischen Juden, welche ihrer Nationalität verlustig gegangen sind, mit Recht nach besonderen Garantien zu suchen. Dies ist entweder dadurch möglich, daß man vom Congresse und dem Präsidenten für sie beim Ausbruche solcher Eventualitäten directe Schutzmaßregeln fordert oder aber, daß man sie schon nach kurzer Zeit zu argentinischen Staatsbürgern macht, während es der sonstige Fremde erst nach einem Aufenthalte von 2 Jahren im Lande zu dieser Ehre bringen kann. Wie dem auch sei, es sind Ausnahmegesetze, die man ihnen gegenüber verlangt, und haben diese in allen Staaten etwas Mißliches; man wird deßhalb, meiner Ansicht nach, vielleicht besser daran thun, bis nach der Wahl der neuen und wahrscheinlich viel stabileren Regierung mit diesem Schritte zu warten und es vorläufig darauf ankonimen zu lassen, es mit keiner der großen Parteien zu verderben. Ja, cs wäre vielleicht direct zu empfehlen, daß man hervorragende Männer aller Parteischattirungen, welche im Lande überall ein solides Ansehen genießen, wie Benjamin Victorica, Luis Satznz Penna, den Geucralprocurator Malaver, die Generäle Mitze und Roca für die Humanitären Bestrebungen des Baron von Hirsch zu gewinnen suchte und sie veranlassen könnte, für die heimathlosen Flüchtlinge ein besonderes Garantiegesetz auszuarbeiten. Auch ließe sich (vielleicht auf einen Wink des Papstes hin) der im großen Ansehen stehende humane Erzbischof Aneiros bewegen, an einem solchen Gesetze Theil zu nehmen. Wenn dieses dann die Genehmigung der beiden Kammern und die Sanction des Präsidenten erhält, so hat man meiner Ansicht nach das Practischste und Sicherste gethan, um diese Parias der Menschheit bei allen voraussehbaren Eventualitäten wirksam zu schützen. — Sollte der neu gewählte Präsident, mit gutem, aber energischen Willen ausgestattet, die Partheien versöhnen, die in der Verwaltung und sonst bestehenden Mißbräuche ausrotten und sich auch für weite Kreise die nöthige Autorität sichern können, so ist an einer stetigen, gedeihlichen Entwickelung dieses reichen und von der Natur vielfach begünstigten Landes kein Zweifel zu hegen. Wenn ich im Nachfolgenden nochmals ein Resumö gebe, warum für die Einwanderer, speziell aber für die ausgewiesenen russischen Juden Argentinien allen anderen südamerikanischen Ländern gegenüber der Vorzug eingeräumt werden muß, so geschieht dies deßhalb, weil gerade in der letzten Zeit wieder Brasilien besonders und Paraguap als empfehlenswerthes Ziel für die Immigration vielfach genannt worden ist. Das Klima von Paraguay ist ein durchweg tropisches, das Land von allerlei endemischen Fiebern durchseucht, die Bewohner stehen, namentlich was die einheimische, niedere Bevölkerung, die sogenannten Guaranis, anlangt, auf einer durchaus geringen Entwickelungsstuse, die Communicationsmittel sind nur beschränkte, der religiöse Fanatismus bei Weitem stärker ausgeprägt als in Argentinien. Deßhalb glaube ich, sollte man bei gleichen