Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1892)
- Date
- 1892-01-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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143 alterne Rolle zu schicken, welche ihnen die Natur auf ihre Gesichter geschrieben hat, kommt man nicht richtig vorwärts." Berlin, 24. Januar. (Antisemitische Ehrenmänner.) Aus Wien wird berichtet: Der Hauptkassirer der Budapester ersten vaterländischen Sparkasse, Herr Piufsich, hak mehr als eine Million Gulden gestohlen, sich sodann angesichts einer Kassenrevision erschossen und wurde gestern bei großer Betheiligung in einem mit Kränzen reich geschmückten Sarge und mit dem Pompe eines Leichenbegängnisses erster Klasse begraben. Ein Millionendieb und Selbstmörder wurde mit einer Feierlichkeit in die Erde versenkt, als wäre er ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Des Räthsels Lösung liegt in der Thatsache, daß der Budapester Defraudant nicht b!os seit je ein wüthender Antisemit war, sondern zu den Hauptakteuren beim Drama Tisza-Eßlar gehörte. Berlin, 26, Januar. Gegen den bekannten antisemitischen Agitator, Rektor Ählwart hat das Staatsministerium Anklage erhoben. Berlin, 22. Januar. Aus Warschau meldet ein Drahtbericht: Bernard Lauber, der Hauptagent des Baron Hirsch bereist das ganze Königreich Polen in Betreff der Uebersicdelung der Juden nach Argentinien. Ueber 2000 Familien haben sich bis jetzt gemeldet. Die Noth unter den Juden in den einzelnen Gouvernements ist herzzerreißend. Im Frühjahr wird eine Maffenauswanderung der Juden über den Ocean erwartet. Hamburg, 26. Januar. Am vergangenen Sabbat verbreitete sich das Gerücht, daß das Befinden des schon seit Jahren kranken Oberrabbiners von Altona sich derart verschlimmerte, daß man das Schlimmste zu befürchten habe. Dieses Gerücht war leider zu wahr, denn schon Sonntag früh erfuhr man, daß dieser edle Mann in der Nacht heimgegangen sei. Die hiesige Gemeinde nicht minder, wie die zunächst bethciligte Altonaische waren tief ergriffen von diesem schweren Verlust, wenngleich wohl der Tod dem edlen Dahingeschiedenen, alsein Erlöser von langem Leiden erschienen war. Von Seiten des Altonaischen Gemeindesecretariats wurden zur Vorbereitung auf die heute bereits stattgcfundene Beerdigung, schon gestern Sonntag Vormittag Eilbriefe an die holsteinischen Gemeinden, sowie nach Berlin, Halberftadt und Lübeck gesandt, um allen Betheiligten Gelegenheit zu geben, rechtzeitig zur map in Altona eintreffen zu können. Nach der mn& begann Herr Dr. Auerbach, p"pn ain Halberstadt, Schwager des Entschlafenen, in lauten Klagetönen seinen, sowie der Angehörigen tiefem Schmerze Ausdruck zu verleihen, er schilderte der zahlreich erschienenen Trauerversammlung die hohen Tugenden des Dahingeschiedenen, die er mit den Eigenschaften der vier Metalle rwirui bnD *]DD am Reinheit, Volkstümlichkeit, Kampfbereitschaft und Zähigkeit verglich. Mit Tröstungen an die Familie und Gemeinde, schloß der Redner seinen tiefempfundenen darauf begann der hiesige Oberrabbiner seine Trauerrede anlehnend an den Ausspruch unserer Weisen zu Beginn des Wochenabschnitts jnw pnaniwa pajn by ^an sc., Redner erklärte in meisterhafter Weise die sich anscheinend wiedersprechenden Stellen in der Gemora, wo das Ableben eines Zadik einmal 'pörra in Paralelle gestellt wird, ein anderes Mal dieses sogar überlreffen soll und kam zu dem Resultat, daß letzteres der Fall sei, wenn ein pn» in der Mitte seines Alters abgerufen werde. Aber, so fuhr der Redner tröstend fort, der Talmud erzähle uns von einem Könige der edlen Wein von seinen Arbeitern keltern und behandeln ließ und daß unter diesen Arbeitern einer gewesen, der durch hohes Verständniß und praktischen Sinn sehr gute Anleitung zur Veredlung des Weines gab, diesen beschied der König zu sich, unterhielt sich lange Zeit mit ihm und als die Arbeiter sich Abends zum Empfang ihres Lohnes einftellten, empfing auch der nur zwei Stunden in Anspruch gewesene Arbeiter den gleichen Lohn wie die übrigen, die viel gearbeitet hatten. Der dahingegangene Freund und liebe College hat in der kürzeren Lebenszeit mehr geleistet und vollbracht mit Geist und Verständniß, als mancher, der bis zum Lebensabend arbeitet. Nach Anführung weiterer schöner Citate aus Gemora und Midrasch, bezugnehmend auf mV tp nn schloß der zweite Redner seinen trostreichen Nachruf. Mittlerweile war es 11 Uhr geworden, der Zug setzte sich vom Trauerhause in Bewegung. Ein riesiges FußundWagengesolge, welches dem verklärten di dieser altehrwürdigen Gemeinde das letzte Geleite bis zum rva nnapn gab, legte Zeugniß ab, wie schwer der Verlust des Dahinziehendeu von seiner Gemeinde empfunden wurde. Als der Zug sein Jiel erreicht und man den ins in das Vro« getragen hatte, begann Herr Rabbinatsaffesor Munk in Vertretung des zu sehr ergriffen gewesenen ersten Rabbinatsverwesers seine Trauerrede und sprach dem verklärten Gemeinderabbiner den Dank für sein segensreiches Wirken aus, anerkannte ihn als einen würdigen Nachfolger voraufgegangener n^ru, gelobte, daß die Gemeinde Altona auf ihn einen würdigen Nachfolger wählen werde, der keinen Finger breit vom traditionellen Judenthum abweichen werde. Ihm folgten Herr Dr. Löb Rawitsch, Schwiegersohn des Verklärten, Din Dr. Hildesheimer, Berlin für das Euratorium des Rabbinerseminars, Rabbiner Dr. Bähr, Prenzlau