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Der Israelit · 1892-01-28 · Heft 8 (28.1.1892) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 8 (28.1.1892)
Date
1892-01-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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des jüdischen Stammes. Wohl hat sich eine ganze Welt verbunden, um den Lebensmuth dieses Volkes zu brechen, wohl haben fast alle Staaten und Völker, mit denen es in seinem Exile in Berührung kam, bittere Wehrmuthstropfen in seinen Lebenskelch geträufelt, aber es ist dennoch keiner Tyrannei gelungen, den unverwüstlichen Frohmuth zu vernichten, den der Vater der Menschheit gerade diesem schwergeprüftem Menschenstamm als unverlierbares Angebinde auf seinen schmerzensreichen Gang durch die Jahrtausende mitgegeben. Die Lebensfreude, die ihm die Menschheit verkümmerte, schöpfte es aus seinem Gottesbewußtsein, aus Gottes Offenbarung in Natur und Geschichte. Mochte sich die letztere auch noch so düster gestalten, in dem Stern, der am Himmel leuchtet, in dem Blitze, der aus der Wolke zuckt, in dem Donner, der aus den Höhen grollt, aus dem Weltmeer, das zu seinen Füßen rauscht, sprach und spricht Gott zu ihm, der die ganze Schöpfung ins Dasein gerufen, dessen Kraft und Macht die Welt erfüllt, dessen allliebende Nähe ihm daher jede Regung der Natur bekundet, und dieses Bewußtsein erhielt ihn heiter in den trübsten Zeiten. Ob die Zeiten heiter, ob sie trübe sich gestalteten, jede neue Frucht, welche der Wechsel der Jahreszeiten in Gottes Natur reifen läßt, ist ihm eine willkommene Veranlassung, freudig zu demjenigen aufzublickcn, der ihn diese Zeit erleben ließ und ihn aufrecht erhielt, trotz allem, was ihn zu Boden ziehen wollte. Diesen herzerhebenden Trost, den die Natur ihm zur neuen Lebensfreude bietet, versagt sich in diesen Wochen der Jude. In ihnen pflückt er keine neue Frucht, in ihnen meidet er jede Veranlassung, die ihn zu der segnenden Anerkennung Gottes führte, daß er ihn diese Zeit habe erleben lassen.5 *) lieber dieser Zeit, welche der fünfte Monat einleitet, waltet ein unheilvoller Stern für Israel. Wo und wenn es in diesen Tagen mit der es umgebenden außerjüdischen Welt in Contact gerieth, waren die Folgen jeder Berührung so nachhaltig schmerzlich, daß es, eingedenk dieser mit Thränen und Blut auf seinen Geschichtsblättern verzeichnten Erfahrung, sich seitdem scheu aus dem öffentlichen Leben für diese Tage zurückzieht und den Verkehr auf das Nöthtgfte beschränkt. °) Der wehmüthigen Erinnerung um den zertrümmerten Gottesaltar giebt die Vätersitte noch durch die Entsagung von denjenigen Speisen und Getränken positiven Ausdruck, die einst dem Altarfeuer, als Ausdruck 5) ibid. IN H2?]) EnSEH ]’3 13'TinE* "irii’S 3113 L713>v Sy. t>) ibid. Tjotr -o-po Nimaa i’üj7D0 rnynn “y mo rvro l3'2N2"7 'di n:h ,ts rwi. menschlicher Hingebung unter Gottes liebende Vorsehung übergeben wurden, und versagt daher während dieser Tage den Genuß von Fleisch und Wein.7) So ist diese große jüdische Nationaltrauer nicht bloßen Trauergefühlen und düstern Stimmungen überantwortet. Sie greift vielmehr ins Familienleben, ins Geschäft, in den öffentlichen Verkehr, in unsere Nahrunqsverhältniffe, kurz überall da ein, wo sie von den Einzelnen wie von der Gesammtheit am tiefsten empfunden wird. Sie vollzieht sich ohne staatliche Aufsicht, ohne polizeiliche Eontrolle, ja cs hat ihr nicht an Verdächtigungen und Anfeindungen gefehlt, als ob sie mit dem Bürgersinn und der Staatstreue des jüdischen Volkes colltdire. Es bedarf kaum eines Hinweises, um die Grundlosigkeit dieser Verdächtigung darzuthun. Das Gesetz Gottes an den Menschen, das in Zion seine einzige, concrete Stätte auf Erden hatte, deren Verfall die treuen Zionssöhne beweinen, steht ja überall nicht nur nicht im Widerspruch, steht vielmehr im vollen Einklang mit allen Gefühlen, Empfindungen und Gesinnungen, aus denen die Treue und Anhänglichkeit für den Staat erblüht, der die Güter unseres bürgerlichen Glücks wahrt und sichert. Mit demselben Worte, mit dem derselbe Prophet die ersten Exulanten zur Anhänglichkeit an das neue Heim verpflichtete, legte er ihnen daher das Gedächtniß Zions ans Herz. 8) Nicht ihrem Exil galt und gilt diese Thräne in ihrem Auge, dem Exil der Thora, dem „Goluth Schechina", dem Verlangen, daß dem Gottesgesetz, das mit der Zertrümmerung Zions keinen Raum mehr auf Erden hatte, wieder sein Heiligthum errichtet werden möge, gilt die Sehnsucht ihres Herzens, die durch keine noch so glänzende sociale Stellung befriedigt, ja nicht einmal davon berührt werden kann. Ist Israels ganzer Beruf, ein heiliges Volk und ein Reich von Priestern zu sein, die der Menschheit das getrübte Bewußtsein von Gott und Seinem Gesetze in voller Klarheit als unverlierbares geistiges Eigenthum erhalten und wiederbringen sollen, ist die Erfüllung dieser Aufgabe der Beitrag, den Israel für die Entwickelung der Menschheit nach dem Plane ihres himmlischen Vaters beizusteuern hat, ließ zur Verwirklichung und Lösung dieser Aufgabe Gott sich inmitten seines Volkes sichtbar in einem nviyn ppo, an einer Stätte nieder, die lautes Zeugniß dafür ablegte, daß Gottes Schechina in Israel weile, dann kann es 7) ibid. § 9. 8) ram - - "Htm 73" — ,~s jv «in ps ■ryn dpk* nx.

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