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Der Israelit · 1892-01-25 · Heft 7 (25.1.1892) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 7 (25.1.1892)
Date
1892-01-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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123 unmittelbare Folge des sinnlichen Eindrucks. Es war Sache der Neflerion. Ätan schloß rückwärts ans dem Bilde auf die Person, die es darstellen sollte. Aber man erkannte sogleich, daß hier der Maler nicht die objektive Wirklichkeit gemalt, nur den subjektiven Eindruck wiedergcgcbcn, den die Erscheinung der Persönlichkeit ans ihn gemacht. Ein Palettknndiger, mit dem ich einmal über diese Eigenthümlichkeit unseres jungen Freundes sprach, war der Ansicht, daß die sinnliche Auffassung der Dimensionen nicht bei allen Menschen gleich wäre. Unser freund malte so colossal, weil ihm die Dinge in solchen kolossalen Dimensionen erschienen. Jeder Zeichenlehrer werde es bestätigen, daß er Schüler habe, die Alles größer als die Vorlage nachzeichneteri und wiederum Schüler, die Alles in verkleinertem Maßstabc wiedergäben. Das thue übrigens der Treue der Zeichnung keinen Eintrag. Wenn nur die Proportion der Theile untereinander richtig gefaßt und wiedergegeben werde, so werde die Zeichnung in jeder Dimension doch ein treues Abbild der Vorlage enthalten. Diese Eigenthümlichkcit unseres Freundes würde daher die Aehnlichkeit seiner Bilder noch nicht sehr beeinträchtigen. Allein es sei mit dem Porträtiren eine eigene Sache. Bei allen übrigen Gegenständen male vorzugsweise das sinnliche Auge und die Bilder erhalten eine mehr und minder vollendete Objektivität. Allein den Menschen schaue der Mensch nicht nur mit dem Auge. Es ist das Gemüth, das jeden Blick begleitet. Unwillkürlich gestalte sich bei jedem Anblick eines Menschen zugleich die Vorstellung einer geistigen Persönlichkeit, die wir vor uns haben in unserem Gemüthe und dieses, größtentheils von Ab-und Zuneigung begleitete Gemüthsbild influire unwillkürlich ans den Pinsel der Hand. Ist nun ein solches Gemüthsbild oft sehr unrichtig, jedenfalls nur subjektiv, nicht selten von einem nur zufällig und vorübergehend in Miene und Haltung des zu Porträtirenden hervortretenden Zuge, ja häufig auch noch durch das eben so zufällige Wohl- oder Unbefinden, durch die eben so zufällige Stimmung oder Mißstimmung des Malenden bedingt, so begreife sich'« leicht, warum wir so manches Porträt finden, das man im allgemeinen nicht gerade mißlungen nennen kann, das aber dennoch etwas Fremdartiges, Unwahres enthält, das namentlich den mit der Persönlichkeit des (bemalten näher vertranten, seinen nächsten Freunden und Verwandten so widersteht, daß sie das Portrait entschieden verwerfen, weil eben der Maler einen zufä-lligcn, vorübergehenden und noch dazu nach subjektivem Eindruck wiedergegebencn Zug nun als stehenden Typus der Persönlichkeit hingemalt hat, der aber zu dem ans näherer Bekanntschaft wahreren Gemiithsbilde im Herzen der Freunde und Verwandten im schreienden Widerspritch steht. Was nun nnsern tanbstnmnten Freund betrifft, so wäre es wohl einer psychologischen Untersuchung wcrth, ob der Eindruck eines Menschen ans das Gemüth eines Taubstummen, nicht von dem Gemüthsbilde in dem Innern eines Vollsinnigen wesentlich verschieden und dadurch folgerichtig den von Tanbstiinlmcn gemalten Portraits immer etwas Fremdartiges inwohnen werde. — So weit mein palettknndiger Freund. Denken wir uns nun einen Maler, dessen Sehwinkel die entgegengesetzte Eigenthümlichkeit, die der Verkleinerung, von der Natur erhalten, dem also ohnehin schon Alles mit diesem subjektiven verkleinernden Sinne erfassen würde, — denken wir uns ferner, daß dieser Maler nun eine ganze Reihe von Jahren hindurch Portraits scizzirt hätte, zu denen ihm aber nicht die Urbilder ordentlich gesessen, sondern zu deren Entwurf ihm irgend ein vereinzelter, zufällig zu seiner Anschauung gekommener und dazu noch vielleicht gar flüchtig und unrichtig ausgesaßter Zug irgend einer Persönlichkeit genügte, um mit schöpferischer Phantasie 6X ungne leouem, ans diesem vereinzelten Zug den ganzen Alaun zu eonstrniren, ja, der in diesen Phantasicportraits seine Urbilder sirirte, wie er sie gerade ein einziges Mal in einem unbewachten Momente des Affektes, der Stellung, der Beschäftigung erblickte, den Einen im Schlasrock, den Andern in Galla, den Einen spielend, den Andern denkend, lachend den Einen, weinend den Andern, zürnend Diesen, scherzend Jenen, entrüstet, hochmüthig, keck die Einen, niedergeschlagen, ängstlich, demüthig, verlegen die Andern, und somit das, was vielleicht nur einmal in ihrem Leben angeschlagener Ton aus der Gemüthsklaviatnr seiner Urbilder gewesen, gleichsam als Grundton, als bleibender Eharakter seinen Phantasieportraits ausdrückte, - denken wir uns dann, daß nun nach Jahren dieser Maler seine vermeintlichen Portraitskizzen ans seiner Mappe vor uns hinbreitet, und sie uns nicht nur als wirkliche Portraits vorstellt, sich nicht mir dem Einen Frrthum begnügt, uns den momentan abgelanschten Zug als Eharakter darznftellcn, uns zu sagen: seht: der war ein Lacher, Jener ein Jähzorniger, Dieser spielte immer, Jener war immer voll tiefsinniger Gedanken, Dieser ging immer im Schlafrock, Feuer war pntzsüchtig n. s. w., n. s. w., sondern der zn diesem ungeheuren Frrthum noch den tranrigern hinznsügre, seine Phantasiebilder nicht nur als Portraits von Fndividncn, sondern gar als Eharakrerbilder ihrer Zeiten darzustellen und zn uns spricht: in dieser Zeit lachten die Menschen, in Feuer waren sie betrübt, diese Zeit war hochmüthig, jene ängstlich bescheiden u. s. w., u. s. w. und wenn nur etwas ungläubig den Mopf schütteln, uns ans alten Ehroniken beweist, daß dies gar nicht anders sein konnte: Anno so und so waren die Zirschen sauer, darum verzogen alle Menschen trübselig den Mund; Anno so und so hing der Himmel voll Geigen, darum waren die Menschen alle so freundlich n. s. w., n. s. w., ja, der sich in diese Phantasien so tief hincingelebt und sie für volle Wahrheit hielte, daß er um der lieben Verständigkeit willen, wo ihm zu einem Portrait die Notiz einer Ehronik, oder zu einer Notiz ein Portrait, oder hie und da auch beides fehlte, die Lücke phantasiereich zu überbrücken verstand — denken wir das Alles zusammen, so haben wir die Geschichte der Inden von Dr. H. Gräp. Die obigen Zeilen wurden bald nach Erscheinen dieser (beschichte einem Freunde geschrieben, der um meine Ansicht über den Werth dieses Buches gebeten hatte. Es war dies der Eindruck, den diese Schrift nach einem einmaligen Dnrchlesen machte, ohne daß bereits die darin niedergelegten Ansichten und Schilderungen mit den zu Grunde gelegten Daten und den Quellen

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