Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1892)
- Date
- 1892-01-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448226--33521-2481418- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
114 ihn heim, heim zu seinen Lieben, heim zu seinen Brüdern, seinen Büchern, seinen Bet- und Lehrhäusern, zum Verkehr mit seinem Gott, seinen Geist¬ und Gesinnungsgenossen der Gegenwart und meist, in Gemeinschaft mit ihnen, mit den großen Geistern seiner nationalen Vergangenheit, aus deren Schriften ihm Verständniß und Erkenntniß, Trost und Muth, Begeisterung und Kraft für seine gottgewiesene Lebensbahn quoll, und in deren Geiste er in gemeinsamem Wirken für werkthätige Bruderliebe und eines von Recht und Ordnung zu tragenden Gemeindelebens thätig war. Mit dem Quersack legte der wandernde Hausirer auch die Bürde des geplagten Lebens ab, athmete als Mensch, als freier Mensch vor seinem „freimachenden" Gott auf, und genoß ein Geistes- und Gemüthsleben und eine erfrischende Gemeinsamkeit, für welche dem ihn am Tage hetzenden Pöbel jedes Verständniß abging, von dem er keine Ahnung hatte, das er zu wenig kannte und glücklicherweise noch mehr verachtete, um irgendwie störend oder maßregelnd darin einzugreifen. Von Zeit zu Zeit brannte man dem Juden seine Wohn-, Bet- und Lehrhäuser nieder. Allein so lang sie verschont waren, durfte der jüdische Geist frei in ihnen seine Segnungen entfalten, und es war vor allem die Nacht, welche die jüdischen Genossen unter seine Segensfittige versammelte. Und es ward dies immer mehr, je mehr im Laufe der Jahrhunderte das jüdische Schriftthum zum Gemeingut des ganzen Volkes wurde, je mehr der eigentliche Am Haarez der früheren Zeit zur Seltenheit in unserer Mitte ward, je mehr das schon von den Weisen angebahnte (Berachoth 4 b.) n^b mp mttm yv xd din rwLP mjt&'V bvn dxi xmp nnp!? bvn dn nojun ttrp xmpi zu einer allgemeinen Verwirklichung gelangte. "ptf »npyx or, diese wenigen Worte sind der inhaltreichste Ausdruck für all' das Herbe und all' das Große der jüdischen Galuthjahrhunderte. *) Dieser Aufschrei gegen die brutale Behandlung von Judenheit und Judentbum, den jeder Tag unserer Zeit aufs Neue uns abringt, hat leider seine Berechtigung auch heute noch nicht verloren. Aber die Nacht sammelt uns nicht mehr um Gott und Sein Gesetz, um neue Lebenskraft für die Kämpfe des folgenden Tages zu gewinnen, seitdem eben der Geist des Schulchan Aruch aus unseren Reihen gewichen ist. Die Nächte werden von den Meisten, die sich von diesem Geiste emancipirt haben, vertändelt und angeblich der Erholung gewidmet. Diese Mußestunden der Belehrung, der Fortbildung ^und der Veredlung unseres ganzen Wesens zu widmen, wie es allezeit in Israel geschah, so lange der Geist des Schulchan Aruch sich geltend machte, und wie es G. s. D. heute noch geschieht, wo dieser Geist lebendig ist, das würden die Kinder unserer Zeit als eine unberechtigte Zumuthung weit von sich weisen. Während die alte Weisung sagt not^ x*?n rb'b xrn'x xi>, „die Nacht ist nur zum Lernen geschaffen", lautet die Parole unserer Lebemänner, daß die Nacht dem Vergnügen, dem Spiele und der Zerstreuung jeder Art gehört. Soll man sich noch wundern, daß die große Masse dem Kampf des Tages sich nicht gewachsen zeigt, wenn sie die geistige Regeneration verschmäht, die sonst jede Nacht den gehetzten Geächteten in reicher Fülle brachte? bw um vby "Mv n"Dpn nWo miro poiyn b ovn non. „Wer sich des Nachts mit der Thora beschäftigt, um den schlingt Gott das Band seiner Liebe bei Tage." Und wir dürften noch klagend fragen, warum der Judenhaß mit solchem Erfolg in unserer Zeit seine listigen Fäden spinnt? — Wohl hat es Zeiten gegeben, in den trüben Jahrhunderten unseres Exils, die uns noch ungünstiger waren, als es die heutigen sind. Aber niemals hat es vielleicht eine Zeit gegeben, in der wir der Unbill des Tages so machtlos preisgegeben schienen, als heute, wo die Entfremdung von unserem Lebensquell die jüdische Widerstandskraft, unsere geistige Ueberlegenheit, so erschüttert und reducirt hat, daß wir mit Recht für uns in unserer Zeit zittern mögen. Wenn in jenen trüben Zeiten das Lebensglück der Einzelnen und das der Gesammtheit von Feinden bedroht war und die Bedrängten wandten sich um Rarh an ihre Führer, wie lautete dann ihr Rath? Riethen sie zur Bekämpfung durch Wort und Schrift, oder gar durch die That, erblickten sie die Rettung in der Bildung von Vereinen zur Abwehr ihrer Gegner? Nichts von alledem. yV:> um annon rva? in^y anym oDam „Suche spät am Abend und früh am Morgen das Beth-Hamidrasch auf, dann werden die Feinde von selbst schwinden." — Das war der Rath unserer großen Altvordern in bedrängter Zeit. Und wie hat dieser Rath und seine gewissenhafte Beherzigung Wunder gewirkt in unserer ganzen Lcidenszeit und wie hat sich die verächtliche Abweisung dieses Raths in unserer Zeit bitter gerächt. Leicht war es sicher nie dieser Anforderung gerecht zu werden. Welche Löwenmacht dazu gehört, früh mit jedem Morgen sich aus dem Arme des Schlafs zu reißen und sich diesem Dienste des Schöpfers zu stellen, darüber hat uns bereits der Schulchan-Aruch in seinen ersten Worten belehrt. 1) Hirsch's Psalmen z. St.