Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1892)
- Date
- 1892-01-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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103 zu verwalten haben und daher wohl in der Lage sind das bei Vielen noch vorhandene religiöse Empfinden in gottgefälliger Weise oft anzuregen — und in die richtige Bahn zu lenken. Wie wenig in dieser Beziehung geschieht, wie häufig diese staatlich zur Erhaltung der Religion bestimmten Organe es in der gleichgültigsten Weise mit ansehen, wie der Abfall vom Religionsgesetze immer mehr um sich greift, und oft sogar durch ihr eigenes Beispiel dem religiösen Verfall Vorschub leisten : Das muß Jeder sofort begreifen, der die Zustände näher in's Auge gefaßt. Gewahrt man doch überall eine Mißachtung unserer hl. Gesetze, die wahrhaft erschreckend ist. — Die Heiligkeit des p'p wird öffentlich in empörendster Weise verletzt, selbst von denjenigen, die des höchsten Vertrauens in religiöser Beziehung würdig sein sollten. — Die Jugend wächst in wahrhaft schrecklicher Unwissenheit in der Religion heran. In den Synagogen werden unjüdische Reformen eingeführt und unsere traditionellen Gebräuche abgeschafft. Der tägliche Gottesdienst hört in vielen Gemeinden ganz auf. — Der Mangel an Kenntniß religiöser Dinge von Seiten der D'Dnnp und Cantoren grenzt ans Fabelhafte, Hand in Hand geht damit oft deren religiöse und moralische Führung. Diese ist zuweilen bekanntermaßen sehr angsterregend, und dennoch bleiben diese Herren in Amt und Stelle, bis die weltliche Behörde, wie es ja in jüngster Zeit häufig vorkam, einschreitet, damit sie hinter Schloß und Riegel Zeit finden, über ihren Leichtsinn nachzudenken. — Mit Recht werden in dem angeführten Berichte unsere sogenannten Religionsbehörden die, Eonsistorien, für diese betrübenden Erscheinungen verantwortlich gemacht, denn in ihren Händen liegt der Schwerpunkt unserer religiösen Angelegenheiten. — An ihnen liegt es, daß in jeder der ihnen unterstellten Gemeinden Anstalten vorhanden seien, die jedem Einzelnen ermöglichen seinen religiösen Pflichten in richtiger Weise zu genügen, daß Männer vorhanden seien, die die Jugend mit dem heil. Gottesworte bekannt machen, und die den Erwachsenen voranleuchten in Wort und That mit dem Lichte der gottl. Lehre. In welcher Weise aber unsere Cultusbehörden diesen ihren unerläßlichen Verpflichtungen Nachkommen, haben wir bereits gesehen. — Und wie könnte dies auch anders sein!!? Haben ja viele hohe Würdenträger der Elsässischen Synagogen von den Grundsätzen des Judenthums kaum eine Ahnung, so daß sie in ihrem Privatleben das jüdische Gesetz ungescheut übertreten. Wer kann von Männern, die sich über die wichtigsten religiösen Vorschriften leichtsinnig hinwegsetzen, verlangen, daß sie die ihnen unterstellten Beamten anhalten, streng nach der Anforderungen des Judenthums zu leben? — Wieso ist es überhaupt möglich, daß Jemand zur Ueberwachung einer Sache bestellt wird, der von dem eigentlichen Wesen derselben nicht die geringste Kenntniß besitzt und von dem alle Welt überzeugt ist, daß das zu Ueberwachende ihm durchaus Werth-und bedeutungslos dünkt. Wir wollen durchaus nicht behaupten, daß unter den Führern der elsässischen Judenheit nicht auch Männer sich befinden, denen die Erhaltung des heiligen Vätererbe als eine hochernste Sache erscheint, und die ihrer Aufgabe vollkommen würdig sind, aber zum allergrößten Theile ist leider die Wahrung unserer heiligsten Angelegenheiten schon seit vielen Jahren solchen Männern anvertraut, denen alles Andere mehr am Herzen liegt als die Erhaltung des wahren und echten Judenthums, ja, deren unreligiöses Leben viele zum Abfall vom Gesetze verleitet. Es ist darum höchste Zeit diesen verderblichen Verhältnissen in unserer Mitte ein Ende zu machen und die Bergung unseres heiligsten Gutes nur solchen Männern anzuvertrauen, die von der Erhabenheit der ihnen übertragenen Mission begeistert und durchdrungen sind. — Sollten wir aber noch länger müßig zuschauen, ohne dem von unseren sogenannten Religionsbehörden beobachteten Gebühren in wirksamer Weise entgegenzutreten, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn in einigen Dezennien kaum mehr eine Spur von jüdischem Wandel anzutreffen sein wird und unsere Rachkommeu dürften uns mit Recht anklagen unser theurstes Gut, für dessen Erhaltung unsere Vorfahren freudig in den Tod gingen, aus falscher Friedensliebe und unwürdigem Servilismus preisgegeben zu haben. Raffen wir uns daher auf, unser heiliges Gesetz vor der Gefahr, die ihm von unseren inneren Feinden droht, zu retten, ehe es zu spät ist und warten wir nicht, bis der Allmächtige uns seine strafende Hand fühlen läßt, um uns an unsere Pflicht zu erinnern, wie es ja zu allen Zeiten der Fall war, so oft Israel seiner erhabenen Aufgabe untreu zu werden begann. Ein Elsässer. ' England. London, 17. Januar. Der unerwartete schwere Schicksalsfchlag, den der Allmächtige über das Großbrittamsche Reich durch die Abberufung des königlichen Erbprinzen Duke of Clarence and Avondale verhängte, hat auch die jüdische Gemeinde in tiefste Trauer versetzt. Als am Mittwoch Nachmittags die Kunde von der hohen Lebensgefahr des Prinzen Albert Victor von Sandrinsham aus nach London gelangte und alle Herzen tief bewegte, wurde sofort ein Gottesdienst in der Hauptsynagoge zu vukes Place abgehalten. Der Chief- Rabbi öffnete die heilige Lade und verrichtete