Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1892)
- Date
- 1892-01-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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86 wollen, herzlich willkommen und macht ihnen der Staat viele Concessionen; thatsächlich dagegen hat manJtaliencr, Spanier und auch Deutsche nicht besonders gerne, weil diese Nationen angeblich nur in's Land kommen, um sich dort zu bereichern, dort möglichst wenig Geld ausgeben und möglichst viel erraffen, und sobald sie genug haben, in ihr Heimr.thsland als Rentiers zurückkehren, sehr hoch spricht man dagegen von den Basken und Schweizern, welche tüchtig schaffen, es bald zu Grundbesitz bringen und dann im Lande bleiben. Daß man dagegen kein principielles Vornnheil gegen irgend welche Raren hat, geht schon daraus hervor, daß srüher ein Projert exiffirte, große Massen von Chinesen nach Formosa kommen zu lassen, um dort Reispflanzungen anzulegen, ein Projert, welches aus mir unbekannten Gründen nicht zu Stande kam. Die herrschende Umgangssprache ist die Spanische und ist von den Colonisteu im Allgemeinen viel leichter zu erlernen als portugiesisch; auch die Zeitungen, welche bei der regen Antheilnahme an der Politik bis in den entferntesten Städtchen erscheinen, bedienen sich meist der spanischen Sprache. und sind ifft von einem Umfange, der gar nicht ihrem Inhalte augepaßt ist. Die auch bis in die Provinzen vordringenden seriösen Blätter Prensa, Nacion und das Diario (?) sind meist recht gut orientirt, bringen oft spaltenlange Telegramme aus allen Welttheilen und stehen der jüdischen Einwanderung durchaus günstig zur Seite; auch der Censor und Südamerika gehen noch an, während die oppositionellen Blätter, wie es scheint, in neuerer Zeit etwas mehr antisemitische Artikel bringen, um der Regierung noch mehr Schwierigkeiten zu machen. Außerdem erscheinen in der Hauptstadt für jede Nation noch eigene Zeitungen; so eristiren dort vielleicht tt italienische, englische und U deutsche Journale, welche alle einen großen Leserkreis besitzen und deren Format oft nicht hinter dem ihrer spanischen College» zurücksteht. Was die Regierungsform anlaugt, so haben wir dort eine republikanische Verfassung nach dem Vorbilde der nordamerikanischen Union, nur, wie es scheint, mir größerer Initiative des Präsidenten. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Mainz, 14. Januar. Die Ursachen der Revolution in Brasilien, welch mit dem Sturz der letzten Monarchie in Amerika endete, lagen für gewöhnliche Sterbliche seit langem klar zu Tage. Nicht so für die „Kreuz-Ztg.", welche in ihrem Verfolgungswahn den dunkeln Drang in sich spürte, die Juden für den Sturz Dom Pedros verantwortlich zu machen. Nach den Anschaungen der „Kreuz- Ztg." muß an allem, was Herrn v. Hammerstein mißfällt, ein Jude die Schuld tragen. So hat denn das Blatt jetzt entdeckt, daß niemand anders als die „Alliance Israelite Universelle“ den Sturz der letzten Monarchie Amerikas veranlaßt habe; sie erhoffte davon eine Rückwirkung auf Portugal! und Spanien und somit auf die gesammte romanische Welt; sie hoffte, nach dein Sturz der' Monarchie in Brasilien vortheilhafte Geldgeschäfte machen zu können, uud in dieser Hoffnung hat sie sich nicht getäuscht, denn jetzt ist der Londoner Rothschild auch schon im Begriff, eine große brasilianische Anleihe zu vermitteln. Mau muß, sagt dazu das „Berl. Tagebl.", der „Kreuz-Ztg" für diese phänomenale Entdeckung aufrichtig dankbar sein. Sie hat die Darstellung der brasilianischen Revolution um ein werthvolles Bild bereichert und darin eine für Herrn von Hammerstetn fühlbare Lücke ausgefüllt. So gefällt uns der Schalk nicht übel. Bornhcim (Rheins Dem Goßler'schen Entwurf eines Volksschulgesetzes ist nunmehr ein zweiter, nur in wenigen Punkten von jenem abweichender, gefolgt. Dieser neue Entwurf ist dem Hause der Abgeordneten am Donnerstag voriger Woche vorgelegt und am Freitag vom Cultusminister v. Zedlitz erörtert worden. Da der Entwurf von einem großen Theile des Hauses „abwartend" anfgenommen worden ist, so wollen auch wir nicht vorgreifen und heute schon über Dinge diskutiren, die noch keine Form Juiib Gestalt haben. Nur so viel wollen wir schon dokumentiren, daß mit dem neuen Gesetze event. auch für die „jüdische Volksschule" eine neue Aera anbricht; hoffen wir zu ihrem Besten. War uns in dem Entwurf zusagt, ist die Betonung des confessionellen Charakters der Schulen-, ist doch der Enthusiasmus, den man den „Simultanschulen" in den siebziger Jahren entgegenjubelte, schon längst als schwaches Echo verklungen, hat sich doch längst die Erkenntniß bahngebrochen, daß ohne die Wahrung des confessionellen Charakters einer Schule, von einer gedeihlichen Entwickelung des Unterrichtes keine Rede sein kann. Und diese Erkenntniß bleibt solange die richtige, bis der große Tag kommt, von dem es heißt: „-ins* iCE'i "ihn "i rrrv xinn cvu" und ebensolange begnügen wir uns nicht nur vollständig mit der „confessionellen Schule" , nein, wir begrüßen es mit Freuden, daß der neue Entwurf sich diese Erkenntniß zu Nutzen gezogen hat. Nur Eines hätten wir gewünscht: daß der Entwurf auch ein klares Wort über die „jüdische Religionsgesellschaft" hätte verlauten lassen. In den 184 Paragraphen ist ihrer auch mit keinem Sterbenswörtchen gedacht. Wir nehmen aber an, daß darin keine böse Absicht liegt, erblicken vielmehr in den §§. 14—19 eine Gewährleistung für die jüd. Jnteresien. Nach denselben soll „grundsätzlich kein Kind einer anerkannten Religionsgesellschaft ohne den Religionsunterricht durch einen Lehrer seines Bekenntnisses bleiben." „Bei der Einrichtung der Volksschule sind die confessionellen Verhältnisse möglichst zu berücksichtigen." „Wo die Zahl der Schulkinder einer vom Staate anerkannten RrligionSgesellschaft in einer Schule anderer Confession über 30 steigt, kann die Bezirksregierung rc. rc. die Einrichtung einer Volksschule für dieselben anordnen." Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die jüdische Religionsgesellschaft eine verfassungsmäßig anerkannte ist. Demgemäß wird sie bei einer Verwirklichung des Entwurfes aus dem Angeführten einigen Nutzen haben. Sie kann bei der vorgesehenen Schülerzahl — wenn solches genehmigt wird, öffentliche jüdische Volksschulen gründen. Leider aber sind da Schwierigkeiten zu überwinden, die uns alle Hoffnung rauben können. Denn auf dem Lande fehlt es an der genügenden Anzahl und in großen Städten werden die