Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1892)
- Date
- 1892-01-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXDI. Jahrgang. Beilage;u M 5 des „Israelit“. Leitender Artikel. Zur Lage in Argentinien. Von Consul Dr. med. Albert Rosenau in München. III. Was die klimatischen Verhältnisse von Argentinien betrifft, so sind dieselben in den südlichen Provinzen Buenos Ayres, Santa F«J Entre Rios und Cordoba, ferner auch noch in einem Theile von Patagonien recht günstige und von endemischen Fiebern fast vollständig frei, während im Norden Salta, Jujuy, Santiago del Estero und ein großer Theil des Chaco für europäische und speziell die russische Einwanderung untauglich erscheinen, da die .Hitze dort bedeutend ist und Malarien mit bösartigem Charakter vorherrschen, welche durch perniciöse Anämie oft zum Tode führen. Von gelbem Fieber und Cholera asiatica ist das ganze Land mit Ausnahme von je einem vor ca. Jahren stattgehabten heftigen Ausbruche dieser Epidemien vollständig verschont geblieben und ist dieses als wesentliches Verdienst der Action des Departements National de Hygiene zuzuschrcibcn und seinen schon oben erwähnten, namentlich gegen Brasilien gerichteten energischen Onarantainemaßregeln. Wäre andererseits das Silinta wirklich so ungesund, so würden diese beiden Geißeln des Menschengeschlechtes schon bei ihrem einmaligen Besuche sich auf Jahre hinaus eingenistet haben. Influenza und sonstige Respirationskrankheiten finden bei der naßkalten Witterung des Winters eine günstige Brutstätte, da diese Jahreszeit unangenehm und ungesund wird wegen des raschen Umschlags der Temperatur und der Winde, wegen eines die Haut durchdringenden, seinen, nebelhaften Regens und wegen des fast vollständigen Mangels an Oefen, welche auch für die meiste Zeit bei normaler Witterung nicht nöthig sind, deren Mangel aber bei etwas strengerem Winter desto fühlbarer empfunden wird. Schnee und Eis sind in den cnltnrcll zunächst verwandten Strichen bis zum Feuerlande hinunter gänzlich unbekannt und können die Südländer, die diese uns geläufigen Dinge in Europa zum ersten Riale gesehen haben, darüber stundenlang sprechen und ellenlange Berichte in den Zeitungen veröffentlichen; die kalte Jahreszeit bringt oft kühles, unangenehmes Regenwetter, da die Straßen aus dem platten Lande in mehr als fußhohen Schlamm verwandelt und selbst die Straßen der Stadt unpassirbar macht durch die bei dem schlechten Pflaster rasch sich bildenden Pfützen. Oft weht noch der von Süden kommende, eisig kalte Sturmwind Pampero über das weithin ebene Land, die sogenannte Pampa widerstandslos dahin und sein tropischer Regen, der meist drei Tage andauert, hat eine Reihe von Lungenentzündungen im Gefolge. Die heiße Jahreszeit, wo die Temperaturen manchmal sehr drückend werden, bringen eine Reihe von Darmstörungen der Xiinder, unter denen namentlich der Brechdurchfall der Säuglinge, der sogenannte Embachado, viele Opfer fordert; ferner gehören Typhen mit allerlei unregelmäßigen Verläufen, namentlich auf dem Lande, und manchmal' recht heftige Pockenepidemien im Innern zur Tagesordnung, während durch die zwangsweise durchgeführte Impfung und durch die Canalisation beide Krankheiten in der Stadt europäische Proportionen bewahren; Ruhr ist häufig, Diphterie und Crup nehmen bösartige, rasch verlaufende Formen an und Nichts kann eine Familie in mehr Entsetzen bringen als eine derartige Gefahr für ihre Kinder. Der Sommer bringt gegen den Januar und Februar herum drückend heiße, lange Tage, oft ohne daß „du Lüftchen sich regt"; es fehlt eine erquickende Seebrise, der Staub in den Straßen haftet auf den schweißklebendcn Poren, und wenn es auch Nachts fast immer wetterleuchtet, so werden doch viele Nächte mehr als ungemüthlich durch eine erdrückende.Hitze und durch eine eigenthümlich laue, respirationslose Luft; erst ein frischer Gewitterregen oder eine der schnell entstehenden Tormentas bringt Erleichterung. Dcßhalb wallfahrt im Sommer Jeder, der es nur einigermaßen machen kann, am Abende auf's platte Land, wo die Nächte meist erquickender und kühler sind; die bessere Gesellschaft bringt die heiße Jahreszeit in den Seebädern, namentlich in denfashionablen Mar del Plata und in dem durch tägliche Dampferverbindungen leicht erreichbaren Montevideo oder aber auf den schönen villenbesetzten Landsitzen von San Jsidro, San Fernando und Tigre zu. So heiß jedoch wie in Brasilien und Paraguay werden die Temperaturen nie und können die Arbeiter in Argentinien trotz der manchmal drückenden Schwüle überall auch während der Mittagspausen Weiterarbeiten, während in den beiden anderen Ländern Jeder, mag er wollen oder nicht, von 11—2 eine Siesta zn halten gezwungen ist, in der höchstens der Neger, z. B. beim Ausladen der Schiffe, Verwendung findet. In Paraguay laufen z. B. während der heißen Mittagstundei. gar keine Tramways und ist die lebhafte .Hauptstadt Asumcion während dieser Zeit wie ansgestorben. Auch wird die Hitze in den südlichen Provinzen niemals so groß, daß man etwa einen Sonnenschirm nöthig hätte; im Gegentheil fällt der Träger eines derartigen Instruments sofort als Gringo auf. Der .Himmel ist meist bis in den tiefen Winter hinein von einem uniformen blauen Azur, die Nächte meist vollständig ausgestirnt und klar, und fühlt der Italiener dort sich bald fast ebenso heimisch wie in seinem schönen Klima. Im Sommer machen auf dem platten Lande namentlich die Mosquitos, eine Art von Schnacken, die den Schläfer umsummen und ihn oft jämmerlich zerstechen, ferner das sogenannte Cicho colorado, ein milbcnartigeS Jnsect, welches die Haut durchbohrt und Beulen setzt, das Leben recht unangenehm für die Neuankömmlinge, und bedarf es erst einer gewissen Gewöhnung an daS Klima, bis dieselben nicht mehr unter diesen Jnsectenplagen zu leiden haben. Was die Einwanderung betrifft, so sind in Argentinien theoretisch wenigstens alle diejenigen, die arbeiten