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Der Israelit · 1892-01-18 · Heft 5 (18.1.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 5 (18.1.1892)
Date
1892-01-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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83 wußte man nicht, was dort draußen in Slobotka geschehen, und sie war auch noch zu schwach, als daß man sie darum hätte befragen mögen. In aller Frühe schickte Alexei Chaimowitsch einen reitenden Boten, den er sein bestes Pferd nehmen ließ, hinaus auf das Gut; doch noch ehe dieser mit Nachricht zurückgekehrt, war mit schellenlüutenden Pferden der Gutsverwalter in die Stadt hereingefahren, um das Entsetzliche zu melden, das sich zugetragen hatte. — Die Verwaltung eines russischen Bauerndorfes ist eine durch Gesetz und Herkommen durchaus geregelte und in wenigen Aemtern des großen russischen Reiches herrscht eine solche Ordnung und ein so entschieden aristokratisches System, wie hier. Mitglieder der Gemeinde sind nur Bauern, alle die Antheil an Gemeindeland haben, ferner die Gutspächtcr und Verwalter, sowie Delegirte der Arbeiter. Die Gemeindeverwaltung wählt den Aeltesten (8tarosta), so wie die niederen Polizeibeaniten, die Hundert- und Zehnt-Männer. Mehrere Dorfgemeinden bilden eine Gesammtgemeinde (Wolost,). Jede Dorfgemeinde-Versammlung (selski s’chod) wühlt Deleairte. Diese Delcgirten-Versammlung (wolostnoi s’chod) wählt den Aeltermann (wolostnoi starschina), der mit den Geineindeältesten die Wolostverwaltuug bildet. Die Aeltesten sind Vertreter der Gemeinden und handhaben zugleich die Polizei. In großen Dörfern und in den Theilen des Reichs, wo kein Gemeindebesitz ist, fallen Dorf- und Gesammtgemeinde zusammen. Von allen Arten der Selbstverwaltung ist die Bauerngemeinde am selbstständigsten gestellt, ja gegen die Vertheilung der Steuern und des Gemeindelandes gibt es keinerlei Beschwerderecht. Ein Starost ist, wenn er den Wolost auf seiner Seite hat, ein Selbstherrscher im Kleinen. Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß bei der Wahl eines so einflußreichen Mannes die Regierung, wenn nöthig, ihre Hand im Spiele hat, welche kernen zu einer Stellung zuläßt, auf dem auch nur der leiseste Verdacht ruht, daß er einen von dem Czarcn gegebenen Ukas nicht für das höchste Heiligthum in der ganzen Welt hält, für dessen Ausführung sein Leben zu opfern, er jeder Zeit bereit sein muß. Wie bereits erwähnt, hat der Aeltermann als Organ des Wolostes, Strafgewalt über alle seine llntcrtbanen und er kann sic, ohne sich irgend welche Umstände zu machen, ohne Urtheilsspruch und Rechtsverfahren, nach Sibirien verschicken. Die Dorfgemeinde wird auch „Mir“ genannt, welches Wort Welt, Kosmos, Friede, Glück, Seligkeit und als Inbegriff, alles dessen eine russische Dorfgemeinde bezeichnet. Auf diese eben geschilderten Verhältnisse hatte Kolascheff, der Polizeispion, der in den Diensten jenes mächtigen Jünglings stand, seinen plumpen und rohen Plan gegründet. Er wußte, daß Niemand im Dorfe dem Starosten einen Widerstand leisten werde, und daß der Starost selbst blindlings ihm, dem Petersburger Polizeibeamten, gehorchen würde. Den Starosten, einen kräftigen, rohen Bauern von etwa 40 Jahren, beauftragte nun Kolascheff, sich in das Mädchen zu verlieben und demselben nachzustellen, und jener Mann führte seinen Auftrag mit der ganzen Eleganz und Feinheit aus, der nur ein russischer Bauer fähig ist. Er ging in das Haus des Gutsverwalters, erklärte dem jungen Mädchen, daß er es liebe und befahl ihm, sogleich zu ihm nach Hause zu kommen, um sein. Weib zu besuchen. Dann bekreuzigte er sich Augen, Lippen und Brust und ging wieder. Als Rosa nach Verlauf eines Tages noch nicht gehorcht hatte, nahm der Starost einige feste Bauern burschen und drang in das Haus des Guts- Verwalters ein, verhaftete das junge Mädchen und ließ cs in eines der Arrestlokale des Dorfes sperren. Desselben Abends erschien Kolascheff in ihrer Zelle, erzählte ihr grauenhafte Dinge über das Vorhaben des Starosten und behauptete, daß er selbst durch die Schönheit und Unschuld des unglücklichen Kindes gerührt worden sei, und daß, wenn sie sich ihm seiner Zeit in der Provinzialstadt durch ein größeres Geldgeschenk gefällig erzeigen wolle, er ihr zur Flucht verhelfen werde. Das zitternde Mädchen, das vor Schrecken und Augst kaum mehr alhmete, versprach ihm, daß ihr Pflegevater oder ihr Bräutigam ihm gewiß mit Freuden eine große Summe Geldes geben würde, wenn er ihr ein Davoukommen ermöglichte. So ließ man denn Rosa aus dem Gefängnisse entfliehen und stieß sie hinaus auf die öde. menschenleere Straße, auf der jeder Schritt ihr Leben in Gefahr brachte, auf der die Einzigen. die ihr begegneten, betrunkene Bauern waren oder diebisches Gesindel, das sich hcimathlos umher trieb. Kolascheff hatte mit Absicht die Anordnung seines Planes so getroffen, daß Rosa gezwungen wurde, den weiten Weg bis zur Stadt zu Fuß und ohne Schutz zurückzulegen. „Denn", kalkulirte er, „geht sie zu Grunde, so ist Nichts an ihr verloren und mein Herr hört auf, mich mit Aufträgen zu quälen, die schwierig und gefährlich auszuführen sind. Diese Juden haben den Teufel im Leibe und wenn man gegen Einen von ihnen etwas unternimmt, so hetzt man sich die ganze Bande auf den Hals. Ihr Geld macht sie mächtig genug, schlau sind sie auch, die meisten Beamten sind von ihnen

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