Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1892)
- Date
- 1892-01-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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82 zu den bedeutendsten von Süddeutschland gehört, brachte diesmal gar kein Geschäft, weil sich sämmtliche Juden ferngehalten hatten. Unter den Bauern herrschte darob große Unzufriedenheit. England. London, 14. Januar. Mit dem heute Früh von der Influenza hinweggerafften Primas der katholischen Kirche in England, Cardinal Henry Edward Manning, Erzbischof von Westminster, verschwindet eine der großen Gestalten des Jahrhunderts von der Weltbühne. Der Verstorbene war nicht allein das anerkannte Haupt des Katholicismus in England, sondern auch ein wahrer Menschenfreund. So ist in den letzten Jahren sein Name insbesondere beider lebhaften Bewegung genannt worden, welche sich in England gegen die barbarische Behandlung und Austreibung der Juden in Rußland erhoben hatte. Als am 10. Dezember 1890 in der Londoner Guildhall in Sachen der russischen Juden das große Proteftmeeting zusammentrat, an welchem sich unter Vorsitz des Lord Mayors die Blüthe der englischen Intelligenz betheiligte, war Cardinal Mauning leider durch eine heftige Erkältung verhindert, sich persönlich an den Verhandlungen zu betheiligen. Sein großer, humaner Sinn sprach jedoch aus den beredten Worten jenes an den seither verstorbenen Ober- Rabbiner Adler gerichteten Schreibens, womit er sein Ausbleiben durch seinen leidenden Zustand entschuldigte. Er hatte beabsichtigt, die Resolution in Betreff der au den Czar zu richtenden Bittschrift für die bedrängten russischen Juden selbst in der Versammlung einzubringen; seine Gesundheit gestattete es nicht, die Resolution aber, von seinem Geiste erfüllt, gelangte zur einstimmigen Annahme. In jenem Schreiben an Dr. Adler legte der Kirchensürst alle jene Gründe dar, welche die Intervention Englands zu Gunsten der russischen Juden rechtfertigen und eine Intervention aller Staaten in dieser Sache der Menschlichkeit rechtfertigen würde. Wenn auch die ebenso beredten als ehrerbietigen Worte, in welchen jene Bittschrift abgesaßt war, beim Ezar in taube Ohren sielen, so bildet diese selbst doch einen Ruhmestitel auf dem Gebiete humanen Wirkens, an welchem dem Heimgegangenen Kirchensürsien ein schöner Antheil für alle Zeiten gesichert bleiben wird. Das Portrait des edlen Mannes haben wir bereits im vorigen Winter unfern geehrten Lesern vorgeführt. Vermischtes. *5- Nottingham. Au§ Anlaß der Vermählung seiner Tochter Villa mil Herrn Abraham Bing ans Paris, welche am 20ZTezember stattgesunden hat, gab Herr Weinberg von hier seinen sämmtlichen Angestellten ein Fest, und konnte man dabei so recht wieder das herzliche Einverständniß zwischen Arbeitgeber und Arbeiter beobachten, was in diesen Zeiten der Inden- Hetze und des Hasses eine doppelte Freude bereitet. Jerusalem. Herr Rissim Be har erhielt von den Herren von Rothschild in Paris 3000 Frank zu Bertheilung an jüdische und tiirkiswe Armen der Stadt Jerusalem. Feuilleton. Der Günstling des Hzaren. Sine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, Or. phil. (9. Fortsetzung.) V. Eine ungeheure Aufregung herrschte in dem Hause Alexei Chaimowilsch's; bleich und verstört liefen die Diener umher und wo sich zwei trafen, da blieben sie stehen und flüsterten miteinander. Auch in dem großen Comptoir des reichen Fabrikherrn schien keine rechte Arbeitslust zu herrschen; cs mußte etwas vorgefallen sein, was das Interesse des ganzen Hauses in hervorragender Weise in Anspruch nahm. In einem kleinen Zimmer des zweiten Stockwerkes lag ein bleiches Mädchen auf dem Krankenbette und der Arzt, der vor ihr stand, war bemüht, ihren entzündeten und angMwollenen Füßen etwas Linderung zu verschaffen. Mit vcrzwciflungsvoll gerungenen Händen stand Frau Horwitz am Kopfende des Lagers. „Sie wird uns noch Alle unglücklich machen", schrie sie ein über das andere Mal auf. „Erst der Poriz *), dann der Jakow und nun sogar die Bauern, Alles ist in sie vernarrt. Wenn ich als Mädchen ein so schreckliches Gesicht gehabt hätte, daß alle Leute im Kopfe verrückt macht, mit meinen eigenen Fingernägeln hätte ich es mir zerkratzt. Sollst sehen, eS geschieht noch ein Unglück!" Stumm und bleich, nicht fähig und nicht gewillt, eine Antwort zu geben, lag das Mädchen da, und auch Afka, der sonst so leicht aufzubrausen pflegte, wenn ein hartes Wort ihn traf, schwieg, da seine Seele zu sehr von Leid erfüllt war. In der Nacht war sie angekommen und hatte an das verschlossene Haus gepocht, den alten, schlaftrunkenen Thorwächter aus seinen Träumen weckend. Zn Fuß hatte sie den weiten Weg von dem Gute her zurückgelegt, ohne Stab und Stütze, ganz allein in der kalten, unwirthlichen Nacht. Kaum in das Hans gebracht, war sie vor Erschöpfung wie leblos zusammengesunken, und noch *) Vornehmer Mann.