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Der Israelit · 1892-01-18 · Heft 5 (18.1.1892) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 5 (18.1.1892)
Date
1892-01-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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81 verbitten. Uns ist von diesem ganzen Modus, der hier gerügt wird, nichts bekannt; erscheint deßhalb nur in ganz vereinzelten Ausnahmsfällen vorgekommen zu sein. Der Hinweis auf die „übrigen Europäer" ist jedenfalls nicht am Platze, da die so behandelte Lunge auch von den Juden selbst genossen wird, sobald durch diese Manipulation die Unverletztheit der Lunge konstatirt ist. — Erwägt man, daß auch die Eingeweide genossen werden, trotz der Excremente, die sich in ihnen befanden, sobald man sie gereinigt hat. so ließe sich die hier ausgesprochene Entrüstung, vielleicht mit viel größerem Recht, weiter ausdehnen. Eine vielseitige Erfahrung bezeugt, daß die Agitation gegen das Schächten nicht von den christlichen Metzgern, bei welchen geschächtet wird, sondern von denen auszugehen pflegt, bei denen nicht geschächtet wird. — Wir wollen das, was dieser Agitation dann zu Grunde liegt, nicht Brodneid nennen, vielleicht wäre es zutreffender mit Fleisch- Neid bezeichnet. — Jedenfalls haben die hier zur Sprache gebrachten Ausstellungen mit dem Schächten an und für sich nichts zu thun. T. Berlin, 12. Januar. In dieser Zeit des konfessionellen Haders berührt es wohl jeden wahrhaft Gebildeten wohlthuend, wenn er Christen und Juden einirächtiglich bei einander wohnen, mit einander verkehren sicht. Es wird Niemandem einfallen, zu verlangen, daß der strenggläubige Jude dem Christen zu Liebe von seinem Ritus abgehe, oder daß umgekehrt der Christ dem Juden zu Liebe mit diesem ans einem Topf speise. Das hieße, das altbewährte Prinzip über den Haufen werfen, daß jeder nach seiner Fo^on selig werden kann. Und doch ereignet es sich täglich, und Jeder kann es sehen, daß Hunderte von Christen nach streng jüdischem Ritus zu Mittag und Abend speisen, und zwar öffentlich, an denselben Tischen, an denen die Juden ihren Hunger stillen. Wer's nicht glaubt, bemühe sich nach der israelitischen Speiseanstalt, Klosterstraße 99, einer Wohlthätigkeits-Anstalt, in welcher Essen, Suppen, Bouillon, Kaffee und Thee ä Ia Wärmehalle zum Selbstkostenpreise, an gänzlich Unbemittelte sogar gratis verabfolgt werden. Ueber die Einrichtung dieser Anstalt, welche jetzt schon täglich von 150 bis 180 Personen besucht wird, haben wir bereits berichtet, es erübrigt nur noch dort einige Worte über das dort verkehrende Publikum zu sagen. Es ist eine recht gemischte Gesellschaft, die hieran den langen, weißgedeckten Tafeln Platz genommen hat und mit großem Appetit die sauberen Töpfe leert. Christen und Inden umdrängcn das Büffet, und sitzen in bunter Reihe an den Tischen. Nur ein kleiner Theil jüdischer Gäste nimmt, um die rituellen Tischgebete ungestört verrichten zu können, in einem Separat-Zimmer Platz, es sind zumeist gebildete Leute, Studenten und dergleichen, denen es momentan nicht besonders gut geht. Ein zweiter Separatraum ist für Frauen und Mädchen bestimmt. In dem gemeinsamen Speisesaale erinnert nichts als eine hebräische Inschrift nebst Uebersetzung, welche das Mitbringen von Speisen verbietet, daran, daß hier nur „koscher" gegessen wird. Neben dem jüdischen Handelsmann sitzt der christliche Kaufmann, beide sind stellungslos und haben Hunger; hüben murmelt ein alter Graukopf hebräische Gebetsworte in den Bart, und drüben wird im Tischgebet der Stifter der chrisil. Relig. zu Gaste geladen. Aber nicht allein Civiliften, sondern auch uniformirten Gästen, Beamten in „öffentlichen" Stellungen begegnen wir hier. Dort sitzt ein Vertreter der bewaffneten Macht in Uniform, der nach Berlin kommandirt ist, hier speist eine ganze Kompagnie städtischer Straßenreiniger, ein Droschkenkutscher in Amtstracht läßt sich mitten unter ihnen nieder, und mehrere Fensterputzer nahen, um hier die Suppe vom Teller zu putzen. Alle essen „koscher", und es schmeckt und bekommt ihnen. Es war am Sonnabend, als wir die Speiseanstalt besuchten; da gab's das Sabbarhgericht der Juden, „Schalent", ein Gemisch von Graupen und Bohnen mit Bratensauce, dazu Fleisch oder Wurst, die Portion für 15 Pfennig, ferner Nudelsuppe für 10 Pfennig, eine Tasse Bouillon oder Kaffee a 5 Pfennig. Die Abend-Speisekarte weist noch billigere Preise auf, ohne daß dadurch die Qualität der Gerichte beeinträchtigt wird. Vielfach wird das Essen von Familien auch „geholt". Ein kleines Mädchen kommt da z. B. mit ihrem Eßgcschirr aus der Grenadierstraße. Der Vater hat keine Arbeit, erzählt sie, und ißt in der Anstalt, für die Mutter und fünf Kinder holt sie zwei ganze Portionen — alle werden satt davon. Die Eßmarke hat ihnen ein Wohlthäter geschenkt. Im Ausgange begegnet uns ein abgehärnitcs Weib mit einem Kinde auf dem Arm. Sie ist aus Kiew ausgewiesen und reist nach London, wo ihr Mann sich als Handschuhmacher ernährt. Und dort — auch du, Brutus? — kommt ein Mann hereingehumpelt, den wir in „chriftlich"-fozialen Versammlungen haben auf die Juden schimpfen hören. Seine Freunde scheinen ihn im Stich gelassen zu haben, und er genießt nun die Gastfreundschaft der Juden. Ob er nur der Noth gehorcht und nicht dem eigenen Triebe? Vielleicht ist er noch der frühere Judenfresser, nur daß er jetzt „koscher" ißt. Aus Baden, 11. Januar. Auch eine Wirkung der antisemitischen Hetzereien! Der heute in Breiten abgehaltene Viehmarkt, der bekanntlich sonst

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