Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 3 (11.1.1892)
- Date
- 1892-01-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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43 stunden, welche der ganzen Selichoth- und Tschubozeit ihr eigentliches Gepräge verleihen. Ist Tschuwoh, der feste Entschluß der Rückkehr zur Pflichttreue und seine Verwirklichung, ist Tschuwoh der siegreich gekämpfte Kampf gegen alle Ausgeburten der Geister und Gemüther umstrickenden Sinnlichkeit, ist Selichoh der Siegespreis, den wir als Trophäe aus diesem Kampfe tragen; wo böte sich denn ein leichteres, besseres Mittel zur Erprobung und Ermächtigung der festen, sittlichen Willenskraft für diesen heißen Kampf, als durch Ueberwindung der Gewohnheit und Trägheit, die uns in den Armen des süßen Morgenschlafs zurückhalten möchte. Aber welche übermenschliche Energie und Kraft dazu gehört, dieser Pflicht willig und freudig, Tag für Tag gerecht zu werden, das muß man an sich selber erprobt haben, um die „Löwenmacht" zu würdigen, welche dafür in die Schranken gefordert wird und die deshalb der Schulchan Aruch an die Spitze aller an uns zu richtenden Mahnungen stellt. Wer will die Wohlthat in ihrer ganzen Tiefe ermessen, welche die gesammte Judenheit ihrem Religionscodex dafür allein zu danken hat, daß er diese Mahnung an so hervorragender Stelle ihr an's Herz gelegt und dadurch beigetragen, daß sie im jüdischen Kreis Beachtung und Beh rzigung gefunden und alle die heilsamen Folgen zu verzeichnen hat, die von ihr unzertrennlich sind. Wenn wir Juden — die Talmud- und Schulchan Aruch-Juden — allem jähen Wechsel der Verhältnisse gegenüber nicht die Ruhe und Besonnenheit verloren haben, die uns keine Zeit fürchten und keine trennen lehrt, die uns immer auf dem qui vive zeigt, die uns befähigt, liebgewordene Bande allezeit zu lösen und neue Beziehungen anzuknüpfen, die an alle Zeiten und Zonen leicht uns anschließen und dennoch uns nirgends gedanken- und sorglos in der Menge aufgehen läßt, wer will dann ermessen, welchen Antheil an dieser geistigen Regsamkeit gerade das Regime hat, das uns mit Löwenmacht täglich aus dem Schlaf rüttelt und, während andere noch der süßen Ruhe pflegen, uns in den „Dienst," in den Dienst unseres Schöpfers ruft? Alle wissen von der Morgenstunde zu erzählen, und von all dem Herrlichen, das sie im Gefolge hat. Aber so hat sie noch Niemand gefeiert, wie es unser Schulchan Aruch in den wenigen Worten thut, mit welchen er sie über alles dasjenige stellt, das er uns ans Herz gelegt hat. „Morgenstund hat Gold im Mund!" lehrt — der Schulchan Aruch? Nein, das deutsche Sprüchwort glücklicherweise. Wenn so etwas der Schulchan Aruch schreiben würde! Wie stünden dann seine Nachrichtcr schon bereit, um ihn als Ausbund des! Schacher- und Krämergeistes zu stigmatisiren, der alles in Gold umseht, der selbst die herrlichen Morgenstunden mit dem goldenen Legirstempel der Nützlichkeit und Einträglichkeit versieht, um sie seinen Leuten ans Herz legen zu können! 'Aach Golde drängt, Am Golde hängt Doch Alles. Ach wir Armen ' Aber auch diejenigen, welche die Morgenstunde nicht gerade wegen ihres Goldes feiern, legen ihr doch mehr äußere, materielle oder doch Nützlichkeitsrücksichten in den Mund, wenn sie dieselbe in ihren Sprüchwörtern empfehlen. „Frühes V ö g e l e t n — helles Aeugelein" spricht der Finnländer. „Frühes Blümchen trinkt viel Th au" der Lette. „M o rg en son neng o ld münzt gut" derLitthauer. „Früher Morgen macht weiser Abend" der Russe. „Früher Morgen, kurzer Tag, schützt vor mancher Sorg und Plag" der Esthe. „Wer früh am Morgen sich erhebt, dem bietet Gott die Hand" und „heiter, gesund und verträglich i ft b e r Mensch d e r früh a u f st e h t" der Franzose. *) „Zeitig zu Bett und früh erwacht, hat oft gesund, reich und weise gemacht" und „eine Stunde Morgens i st zwei Abends werth" der Engländer. * 1 2) „Böses am Morgen ist besser als Gutes am Abend" sagt schließlich der Osmane. Aber daß Morgenstund sittliche Willenskraft, daß sie die Garantie für die im Laufe des Tages und des ganzen Lebens zu bewährende Rüstigkeit des Geistes und Körpers, daß sie Teschuwoh und Selichoh und alles an diese Genien sich knüpfende Herrliche im Munde hat, dessen Summe den Dienst des Schöpfers ausmacht, das legt uns der Schulchan Aruch nahe, indem er der Morgenstunde sein erstes Capitel widmet und es mit den Worten einleitet : w-na npiaa t.dj& hnd naarp. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 7. Januar. Wie auch der „Israelit" berichtete, haben die Antisemiten den Rector Ahlwardt von sich abzuschütteln gesucht, wenigstens gaben sie sich äußerlich den Anschein, als hätten sie mit diesem Herrn nichts mehr zu thun; eine desto größere Rolle scheint er aber noch hinter den Kulissen der antisemitischen Komödie zu spielen. 1) A qui se leve matin, D. aide et prete la main. — Homme matineux — gai, sain et soigneux. 2) Early to bed and early to rise, makes the man healthv, wealthy and wise. — An hour in the morning is worth two in the evening.