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Der Israelit · 1892-01-11 · Heft 3 (11.1.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 3 (11.1.1892)
Date
1892-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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42 der ihnen zu sagen wagte: dieses Gesetz gerade gewährt die Ruhe, — o, gewährte sie doch dem Müden! — und dies Gesetz das seligste Ziel — nicht einmal anhörcn würden sie es wollen! Das Wort des allliebenden Gottes bleibt ihnen Gebot um Gebot, Gebot um Gebot, Schranke um Schranke, Kleinlichkeit hier, Kleinlichkeit dort, damit man bei jedem Schritte einen Schritt zurückstrauchle, und recht gebrochen, gefesselt und gefangen sei." (ibid.)*) Neu und originell ist somit die geringschätzige Beurtheilung nicht, die dem jüdischen im Schulchan Aruch dargestellten Gesetz unseres Lebens in unserem eigenen Kreise vielfach entgegengebracht wird. Aber die jüdischen Verächter der im Schulchan Aruch gelehrten Lebensnormen ahnen selten, wie diese so geflissentlich zur Schau getragene Geringschätzung auf sie selber zurückfällt. Für den Botaniker giebt es kein Unkraut. Dem denkenden Menschen ist nichts kleinlich. Diebe und Mörder mögen die juristischen Feinheiten des Civil- und Crimmalrcchts als spitzfindige Spielereien bespötteln, Lüstlinge die Anforderungen der Moral und Ethik als über. undcnen Standpunkt belächeln, und gesetz- und zügellose jüdische Menschen über das im Schulchan Aruch niedergelegte Gesetz den Stab brechen — sie haben ihn damit über sich selber gebrochen. nutsp *2 'd '2. Welcher denkende, wirklich gebildete Mensch, wollte heutzutage das ihm klein und unbedeutend scheinende, als kleinlich verachten? In einer Zeit, die ganze Welten aus Atomen, Molecülen, ja aus einer einzigen Zelle entstanden lehrt, die Bacillen und Bakterien als ihre Zerstörer, als Erreger furchtbarer Krankheiten darstellt, und in dieser Darstellung den höchsten Triumph der Wissenschaft feiert, in einer solchen Zeit, die in den verschiedendsteu Mikrokosmen eine bislang ungeahnre Größe und Bedeutung sucht und findet, in einer solchen Zeit steht es den auf ihrer Höhe sich düukendeu übel an, auch auf sittlichem, moralischen Gebiet klein scheinendes, kleinlich zu finden. Bor uns liegt derMeg des Lebens — ü’ti mix — den uns der Schulchan Aruch lehren will. Der Weg in ein Leben, das auf Schritt und Tritt, Hindernisse, Versuche, Lockungen und Drohungen, Verkennung und Verachtung, selbst Haß und Verfolgung jeder Art auf allen Seiten hat. Es ist ein Lebensweg, auf dem seine Waller keine Aufmunterung ihrer Umgebung zu erwarten haben. Aber abgesehen von allen äußeren, feindlichen Einflüssen, beruht seine Hanptschwierigkeit in der menschlichen Leidenschaft und Schwäche, tief im eigenen Herzen derer, die ihn zu wandeln berufen und. Als ersten ent¬ *) Hirsch's Jeschurun I, S. 79. scheidenden Schritt auf diesem Wege, als erste That für dieses Leben, schreibt nun unser Vademecum vor: .1NT2 nmyh 1PW2 ’-isd naarp „Man ermanne sich wie ein Löwe aufzustehen am Morgen zum Dienste seines Schöpfers." Es ist nicht die Art und Weise des Schulchan Aruch oder sonst eines Gesetzes - Compendinms in poetischen Bildern und Umschreibungen zu reden. Wenn aber gleich die ersten Worte mit der Mahnung beginnen, sich mit Löwenmacht aus den Armen des Schlafes für den Dienst des «chöpfers zu reißen, so wird uns damit die ganze Energie nahe gelegt, die auch nur dazu erforderlich ist, um die süße Morgenruhe zu unterbrechen und den Dienst Gottes anzutreten. Dieser Dienst Gottes ist kein Gottesdienst in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes , wie ihn die Kirchenreligionen vorschreiben und der erst mit der Kirche resp. der Synagoge beginnt. Er verläßt uns nie, ruft uns mit dem ersten Augenaufschlag auf unseren Posten und verlangt als erstes Opfer unseren Schlaf, unsere Bequemlichkeit, die ganze Lebensgemüthlichkeit, die von vielen nur so schwer gebracht wird, daß in der That die Macht eines Löwen dazu gehört, um ihr Rechnung zu tragen. nan onpaV D'Bnri. Neu mit jedem Morgen, bewährt sich Gottes liebende Treue an uns durch das neu geschenkte Dasein. Neu mit jedem Morgen, erwachen mit uns auch alle Reize und Neigungen, deren Bekämpfung und Ueberwindung den Gradniesser für unsere sittliche Vollkommenheit bilden, dt h22 annno dtn bw ns\ Wie hat doch der in diesen Kampf mit Bewußtsein tretende jüdische Mensch bereits einen Vorsprung über all das gewonnen, was ihn von seiner gebotenen Pflicht im Laufe des Tages fortdrohen und weglocken möchte, wenn er sein Tagewerk mit einem solchen Sieg über sich selbst, über seinen Schlaf, über seine Lässigkeit davon getragen hat! Der ganze Tag und sein Werk gewinnt damit einen frischeren Anstrich. Schon in der lieber Windung der Versuchung zum Weiterschlafen liegt etwas Kräftigendes, es ist schon dieses eine ganze „That". Der Tag hat begonnen mit einem Triumph über unsere Trägheit, und die Nachwirkung davon breitet etwas Erfrischendes über alle nachfolgenden Stunden aus. Die moralische Kraft, die auf diese Weise gewonnen, die erhöhte Lebensenergie, die dadurch täglich aufs Neue gefestigt wird, sind unschätzbare Waffen in dem Kampfe gegen uns selber, der auf dem Wege des jüdischen Pflichtlebcns stündlich unser wartet. In Zelten, welche an unsere Willenskraft noch höhere Ansprüche als sonst stellen, in den letzten Tagen des scheidenden und in den ersten des neuen Jahres, sind cs daher gerade die frühen Morgen-

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