Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1892)
- Date
- 1892-01-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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38 Gleichnisse: Einst sandte der Dornstrauch auf dem Libanon zur Ceder des Libanon: „Gib meinem Sohne Deine Tochter zur Frau!" Doch flugs stürmte das Gethier des Berges über den Dornstrauch dahin und zertrat ihn. — Wir begegnen also auch hier den Baumen des palästinenfichen Landes. Doch abgesehen davon, daß beide Fabeln jüdischen Ursprungs sind, sind sie auch die ältesten, welche wir kennen. Denn sowohl die indische Fabelsammlung „P a n t s ch a - T a n t r a" (Fünfbuch), wie die Fabeln des Hitopadcsa bleiben um 1000 Jahren hinter ihnen zurück, und selbst, wenn man Aesop als eine historische Person ansieht, so lassen sich doch die nach ihm benannten Fabeln frühestens zwei Jahrhunderte nach den beiden palästinensischen datiren. Die hier etwa zu betrachtenden syrischen bczw. arabischen Fabelsammlnngcn sind überhaupt jungen Datums. — Wir erkennen aber aus Obigem, daß Pflanze nsabeln friiher im Umlauf waren, als Thiersabeln, wenn man auch zugebcn muß, daß das Volk der Hebräer schon früh auch die Fähigkeiten und den Instinkt der Thiere belauschte. Aber vollkommen ansgebildete Fabeln sind in der ältesten Zeit nur der Pflanzenwelt entlehnt, und zwar vornehmlich zur Veranschaulichung historischer Ereignisse, also im Anschlüsse an das Leben. Das Vorhandensein einer Kn nstfabel dürfen wir seit König Salomo datiren. Von ihm heißt es. 6) „Und er sprach von den Bäumen, von der Ceder des Libanon bis zum Jsob, der ans der Wand hervorwächst, und er sprach von den Thiercn, den Vögeln, den Kriechthieren und den Fischen." Es ist hierbei weder daran zu denken, daß Salomo etwa die Sprache dieser Wesen verstand — dem wiederspricht der Ausdruck — noch an bloße naturwissenschaftliche Studien, da im vorhergehenden Verse davon berichtet wird, daß König Salomo Maschal, d. h. Gleichnisse, versaßt habe. — Natürlich mußte eine solche Dichtung, die sich hierdurch zugleich als originell erweist, allgemeines Interesse erregen, wie es dem auch im Schlußsätze jener Stelle heißt: „Und es strömten Menschen von allen Nationen herbei, um Salomo's Weisheit kennen zu lernen, von allen .Könige der Erde, soweit sic von seiner Weisheit gehört." Es scheint also, daß diese Art der Dichtung auch in Phönizien vollständig unbekannt war, zu dessen damaligem König Hiram Salomo nahe Beziehungen unterhielt, und so spricht auch dieser Umstand für das hohe Alter der hebräischen Fabeldichtnng, wenn man nicht abgeschmackter Weise im Widerspruche mit obigem Berichte, annehmen wollte, Salomo habe diese Poesie durch beu Verkehr mit Hiram von dessen Volke gelernt. Wir entnehmen aber dem eben angeführten kulturhistorischen Citate aus den „Büchern der Könige" noch ein ferneres interessantes Moment. Hatten wir nämlich vorher eigentlich nur von Baumsabeln gehört, so erhalten wir hier zum ersten Male Kunde von der Gattung der Thicrfabeln, und zwar als einer besonderen Dichtuugsart. Denn in unterscheidender Redewendnng wird uns daselbst berichtet: „Und er redete von den Bäumen..worauf es nochmals einleitend, heißt: „Und er redete von den Thieren...." 6) 1 Kön. 5, 12. 13. 14. Leider sind uns von dieser königlichen dichterischen Thätigkeit nur wenige Spuren in den „Sprüchen Salomo's enthalten. Dort heißt es z. B.:^ „Geh' zur Ameise, Fauler, und lerne von ihrem Thun! Sie hat keinen Herrscher, keinen Gebieter und bereitet doch im Sommer ihr Brod und sammelt in der Erntezeit ihre Speise!" — Ganz besonders aber ist für unfern Zweck das 30. Kapitel der „Sprüche" zu vergleichen, wo in parallelen Zusammenstellungen die charakteristischen Eigenschaften gewisser Thiere angeführt werden. — Wir müssen weiter! Das talmndische Zeitalter bricht heran! Mit der Darstellung der „fabelhaften" Thätigkeit der Talmndlehrer verbinden wir zugleich die Kcnntnißnahme von dem diesbezüglichen Inhalt der alten homiletischen Werke der jüdischen Literatur, welche unter dem Gesannntnamen des „Midrasch" inbegriffen sind. — Wir übergehen hierbei die Thätigkeit des weisen Hill c l, da die Nachricht über seine Kenntnisse und Dichtung von Fabeln nicht genügend verbürgt ist.") Dagegen ist uns von Rabban Joch an an den Sakai verschiedentlich bezeugt, daß „er keine Wissenschaft unbeachtet gelassen und u. A. auch die „Gleichnisse" der Füchse und der Wäscher, die Gespräche der Dattelbäume, der Geister und der Engel kennen gelernt. *) — Unter den „Gleichnissen der Füchse" (□'Tui' > haben wir ohne Zweifel die Thierfabel zu verstehen.^) Was jedoch in den „Gleichnissen der Wascher" (D2w enthalten ist, ist zu erwägen; denn cs läßt sich nicht gut annehmen, daß hierbei ans den Werth des Geschwätzes, wie wir es heut den Waschfrauen nachrühmen, Bezug genommen werden sollte"), wenn wir auch in talmudischen Quellen bisweilen mehr oder weniger ge- 7) Kap. 6, 6—8; ein herrlicher Beweis dafür, daß dem Fabeldichter eine genaue Kenntniß der paradigmatisirten Eigenschaften der Pflanzen bezw. Thiere eigen war. 8) Nur durch Tract. Soserim 16, 9. Der Ausdruck „Gleichniß", welcher sich in agadischer Thätigkeit oft wiederholt, mag dazu Anlaß gegeben, daß man ihm auch Fabeln zuschrieb. S. noch Anm. 9. 9j Sukkah 28 a, Baba bathra 134 a. Auch in den handschriftlichen Werken — Midr. haggodol nud Midr. hachefaz — finden sich bezw. interessante Notizen hierüber, die wir bei nächster Gelegenheit eingehender behandeln wollen. S. noch Bacher, Agada der Taunaiten, Bd. I, S. 25, Anm. 2, S. 28, Anm. i und S. 13 Anm. 5. — Bez. Der Uebertragung dieser Mittheilung auf Hillel auf. Bacher a. a. 0. S. 13. 10) Landsberger a. a. 0. XXI meint, daß mit dem Namen „Fabeln der Wäscher" vielleicht solche Thierfabeln gemeint seien, in denen die Dummheit oder der Unverßand der Wäscher irgend eine Rolle spielte, und führt Beispiele aus dem Pantschatantra u. A. an: vgl. Levy, neuhebr. Wtbch. IV, 657 s.-P. n^yn: Der Fuchs zur Bezeichuung niedriger Menschen, so auch der Wäscher. Allerdings würde bei Landsüerger's Annahme der Parallelismus mit gewahrt bleiben. 11) Wenn Landsberger behauptet, die Thierfabel sei die ältere Gattung, weil wir schon im Pentateuch charakteristischen Hinweisen auf die Eigenschaften gewisser Thiere begegnen, so bemerken wir, unter Bezugnahme auf obige Ausführungen, daß hieraus noch lange nicht bewiesen ist, daß die menschliche Phantasie zugleich (oder gar noch früher noch früher?) durch Veranschaulichung ihrer Gebilde zur Dichtung ihrer Fabeln übergegangen sei.