Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1892)
- Date
- 1892-01-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIÜ. Jahrgüsg. Wlffrnschaftliche§eilage!u^r2des „Israelit u Aus ötni Keilhe der slWdischen Febcl?> Von Bernhard Königsberger, Kattowitz. Abgesehen von der häufigen Gleichgiltigkeit, welche man in der Jetztzeit leider dem Studium der jüdischen Vergangenheit und ihrer Werke entgegenbringt, ist man sich selbst in sogenalinten fachmännischen Kreisen nicht immer des Alters gewisser Studienrichtungen klar bewußt. Und ganz besonders wird wegen seines scheinbar geringen altklassischen Materials jener Wissenszweig einer Volkslitteratnr vernachlässigt, welches des Interessanten genug bietet und schon wegen seines hohen Alters Beachtung verdient. Denn die hebräische Fabel ist die älteste, welche wir finden.') — Zwei Denkmäler derselben begegnen uns schon in den biblischen Büchern der Richter und Könige. Der Vollständigkeit halber seien dieselben hier angeführt. Die erstere ist in jenem Gleichnisse enthalten, welches Jotham, der Stiefbruder des tyrannischen Abimelech, anstimmte, als er die Treulosigkeit der Bewohner Sichems beleuchten wollte: Z Einst gingen die Bäume ans, sich einen König zu suchen. Sie sprachen zum Olivenbanm: Sei Du unser König! — Der aber sprach: Soll ich etwa anfhörcn, mit meinem Oel Gott und die Menschen zu erfreuen, um über Euch zu herrschend Und weder wollte der Feigenbaum, zu dem sie sich alsdann begaben, seine Süßigkeit und seine angenehme Frucht, noch der Wein stock seinen Most vergeuden, indem er sich von den fruchtlosen Bäumen — denn von solchen ist spöttisch die Rede —, die fast nur znni Verbrennen sich eigneten, znm Könige hätten wählen lassen. — So sprachen denn alle Holz bäume zu dem zu ihnen gehörigen Dornftranche, dessen Bild auf Abimelech paßte: *) Die nachstehende Abhandlung ist aus einem vom Verfasser Anfangs des verflosser.en Jahres in Berlin und Ende desselben inBreslau gehaltenen Vortrage entstanden. 1) Vgl. Landsberger, die Fabeln des Sophos 'Posen1859), Einleitung p.-I, und von demselben: Ueber die Fabel bei den Hebräern, im Jahrb. „Achawa" 1866. — B a ck, die Fabel in Talmud und Midrasch, in Frankel-Grätz' Mtsschr. Jahrg. 1875, S. 540 sf. 2) Richter 9, 8—15. (Man beachte an dieser Stelle die Verbindung des Verb, finit, mit dem Infinitiv, wodurch nnsraglich der wiederholte Rundgang der Bäume ausgedrückt werden soll. Dadurch gewinnt der in den Midraschim häufige ’pn eines solchen Ausdrucks auch an rationalistischem Verständniß.) Wenn man zu dem in diesen Versen gegebenen mehrgliedrigen Gleichnisse in den nachfolgenden Sätzen die entsprechende Erläuterung und Nutzanwendung sucht, so findet man eine solche nur zum Ende der bezw. Fabel. Man muß unbedingt Nicht. 8, 22. 23 zur Vergl-ichung heianziehen. — Zugleich sei hier darauf hingewiesen, daß das in den beiden letzten Sätzen gebrauchte Verbum vL'O „herrschen" mit N ücksicht auf den Tenor beider Kapitel auf die Bedeutung von „ein Gleichniß bilden" seinen Eiusluß ausgeübt haben mag. Letzterer Ausdruck findet sich (mit einem Beleg) an unsrer Stelle zum ersten Male. (Ersteres wird übrigens mit 2, letzteres mit dem Dativ construirt.) j Sei Du unser König! Und er nahm unter der Bedingung und Voraussetzung treuer Anhänglichkeit die Herrschaft an. Wir erkenuell schon aus den Acteuren dieser Fabel, daß sie eine dem jüdischen Volke eigenthumliche ist. Denn die in derselben zum Königthum designirten Fruchtbäume waren für das jüdisch-religiöse Leben von der hervorragendsten Bedeutung. So fand einerseits der Olivenbaum wegen seines feinen Oeles, andererseits der Weinstock wegen seines Trankes täglich beim Opferdienste Verwendung. Und diescrWürde sind sich beide wohl bewußt, wenn sie sich rühmen, Gott und die Menschen mit ihrem Ertrage zu erfreuen. Der Feigenbaum kam zwar im Tempel nicht zum Gebrauch — und darum nennt er sich auch nicht „Labsal Gottes und der Menschen", aber er gehörte wenigstens zu denjenigen Früchten, durch welche das heilige Land ausgezeichnet war. Da nun jene drei die Herrschaft ablehnten, ward die Krone dem dürren Dornftranche angeboten, dessen Weihe darin bestand, daß sich eiilst in feinem Feuer die göttliche Majestät Moscheh offenbart hatte, ohne von den Flamnien verzehrt zu werden.* 1 2 3 *) Und jetzt droht er mit dem von ihm ausgeheiloen Feuer als Geisel für etwa beabsichtigten Treubruch. — Zugleich lehrt uns diese Erwägung noch ein Zweites, überaus Wichtiges. In zahlreichen Theorien hat man bislang versucht, das Alter des Berichtes der heiligen Schrift in Frage zu ziehen. Wenn wir aber beachten, daß, wie jenes Gleichnis; vor den Ohren des Volkes lehrt, Jotham voraussetzen konnte, der Zusammenhang dieser Bäume mit dem jüdischen Lehen bezw. Terupcldienste, sei allgemein bekannt, so werden wir auch aus das angezweifelte Alter der heiligen Schrift einen Rückschluß machen können. Einer zweiten ähnlichen Fabel begegnen wir in der Geschichte des Königs Amazjeh von Juda.5) Dieser forderte, nachdem es ihm gelungen war, Edom zu besiegen, den König Joas von Israel zum Kampfe heraus. Letzterer aber antwortete ihm mit folgendem 3) Vgl. die Worte Gideon's (Kap. 8, V. 23): 'n Dra und die Jotham's (9, 15). 4) Vgl. Anm. 5. 5) 2 Kön. 14, 9. — Back, welcher diese beiden Fabeln von den zur Zeit Salomo's im Umlauf gewesenen, bezw. damals gedichteten nicht unterscheidet, will annehmen, daß damals, von Salomo angeregt, eine bedeutende Zahl hebräischer Fabeln im VolkSmunde vorhanden gewesen wäre. Dies scheint jedoch-unwahrscheinlich. Tenn gerade der Umstand, daß man nur eine bezw. zwei derartige Dichtungen kannte, welche nicht selbstständig eriftirten, sondern zur Veranschaulichung zweier Facta dienten, ftinimt zu der weiterhin durchgeführten Behauptung, daß zuerst nur die Naturfabel eristirte. Ja, es läßt sich diese Annahme noch weit genauer erweisen, zumal wenn man erwägt, daß als Vertreterin der ältesten Gattung dieser Dichtungsart eigentlich nur die Fabel aus dem Buche der Richter gelten kann, wo sich noch die Psianzensabel rein erhalten hat, während die zweite, aus der Geschichte des Königs Amazjah, schon die durch die salomonische Kunstbezw. Thierfabel eingetretene Verbindung beider Richtungen ausweist. Gleichwohl darf auch sie, wie erwähnt, als Naturbezw. Bolkssabel bezeichnet werden.