Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1892)
- Date
- 1892-01-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448221--33427-2481319- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXIII. Jahrgang. Zweite Beilage zu M 2 des „Israelit“. Zeitungsnachrichtcu und Correspoudenzen. Deutschland. Oppenheim, 27. Dez. Daß zuerst der Geldbeutel kommt, ehe der Antisemitismus anfängt, beweist folgender Vorfall: Der Gutsbesitzer Dtehl von Großgerau, ein Hauptantisemit, der in allen Versammlungen davor warnt, mit dem Juden ein Geschäft zu machen, verkaufte seine Gerste an den israelitischen Händler Dewald hier, weil die Malzfabrik in Nierstein keinen genügenden Preis geboten hatte. Honny soit qui mal y pense! Berlin. Die conservative Partei in Preußen tritt, wie verlautet, in sehr kampflustiger Stimmung in die am 12 d. zu eröffnende neue Session des Abgeordnetenhauses ein. Hier hat sie allerdings eine stärkere Position als im Reichstage, freilich werden auch da ihre Bäume nicht in den Himmel wachsen.^ Es ringt sich nämlich allmählich bis in conservative Kreise hinein die Ueberzeugung durch, daß es mindestens mit jener extremen Fraction der conservativeu Partei, welche durch die Kreuzzeitung vertreten wird, stark abwärts gehe, und selbst unanfechtbar conservative Blätter im Lande, wie beispeilsweise das angesehene „Bromberger Tageblatt", wenden sich von den gefährlichen Anschauungen jencr Clique ab. Das genannte Blatt legt insbesondere Protest gegen den Antisemitismus des extremen Juukerorgaus mit nachfolgenden Worten ein: Hiegegcn müssen wir uns ganz entschieden erklären. Eine Jndensrogc im Sinne der Krenzzeitung nnd ihres antisemitischen Anhanges gibt es für nns nicht. Haben sich, wie im Börsenleben, Schäden heransgebildct, an deren Cnltivirnng neben anderen Staatsbürgern auch unsere jüdischen Mitbürger bctheiligt sind, so möge man allgemein gütige Bestimmungen, welche diese Answüchse beschneiden, den Strafnnd CivÜgesehen einstigen, aber keine Ansnahmgescve, keine gehässigen Jndengcsetze erlassen. Tie Beit der dem wahren Rcchksbcwnßtscin ividcrstrcbenden Ansnahmsgesetze liegt glücklicherweise hinter uns, nnd nur sollten den ehrlichen Grnndsab festhalten, Alles zn vermeiden, was das gleiche Recht für Alle schmälert nnd nns in der allgemeinen Cnlknr znrückbringt. Breslau, 25. Dez. Eine nette antisemitische Pflanze muß der „Leipziger Tagesanzeiger" sein, über welchen wir heute im „Reichsboten" folgendes lesen: Ein Leipziger antisemitisches Blatt, die „Rene deutsche Zeitung" („Leipziger Tagesanzeiger") reproduzirt die falschen Nachrichten der „Saale-Zeitung" über unseren Chefredakteur und zeigt, indem sie hinzufügt, j daß auch ihr dieselben bestätigt würden, deutlich, aus ' welchen Kreisen dieselben hervorgegangen sind. Auch das weist darauf hin, daß das Blatt unseren nenlichen Leitartikel über China als bestellte offiziöse Arbeit gegen das Buch des Herrn Paasch hingestellt; sogar auf Gerüchte über „klingende Gründe" d. h. Bestechungen wird hingewiescn nnd um uns. den letzten Stoß zu geben, wird angenommen, wir seien „unter die Juden" gegangen. Wir verschmähen es, nachdem wir die Sache selbst widerlegt haben, aus diese neuen niedrigen Verdächtigungen auch nur ein Wort zn erwidern. Wir wollten sic nur etwas niedriger hängen. Cs ist dies daselbe Blatt, welches neulich den Reichskanzler Grafen Caprivi als einen lächerlichen, unfähigen Menschen darstellte, welchem Moltke als Soldaten wiederholt Rüffel crthcilt nnd über dessen Berufung zn politischen Stellungen er golächelt habe, das jetzt von ihm sagt, er habe durch seine letzten Reden im Reichstage bewiesen, „daß er eigentlich von wirthschastlichen Fragen und der Finanzpolitik so gut wie gar nichts verstehe, trotzdem er leider anderthalb Jahre deutscher Reichskanzler ist", und zum Schluß über die Crtheilnng der Grafenwürde höhnisch ansrust: „Dem Verdienste seine Krone l Heil dem Nachfolger Bismark's! Heil dem Netter des Vaterlandes! Heil dem neuen Graferi! Heil dem großen Caprivi!" _ Eine solche Sprache, bemerkt mit Recht der „Ncichsbote", haben wir selbst im sozialdemokratischen „Vorwärts" kaum gefunden — und dieses Blatt schreibt die Devise: „Für Deutschthum, Thron nnd Altar" an seine Stirn! Das sind gefährliche Erscheinungen! 8. Frankfurt a. M. Sonntag den 20. Dez. wurde im großen Saale des „Kaufm. Vereins" das Kinderfest des vor nunmehr zwei Jahren hier gegründeten „Kindergartens für Israeliten" abgehalten. Die rege Theiluahme, die sich bei dieser Gelegenheit kund gab — es waren ca. 400 Gäste anwesend — beweist, daß der Kindergarten, in welchem täglich 42 Kinder im Alter von 2% bis 6 Jahren gespeist und nach Fröbcl'schem System beschäftigt werden, bereits ein Liebtingskind unseres Publikums geworden ist. Herr Rechtsanwalt Plotke, Mitglied des Vereinsvorstandes, hielt die Ansprache. In warmen, ans dem Herzen kommenden Worten stellte er die Bedeutung des Kindergartens vor Augen, wies darauf hin, wie hier der Grundstein für so manches Menschenglück gelegt werde und wie das Glück, das den Kindern hier iu einem wohligen Heim geschaffen werde, in die Hütten der armen und sorgebelasteten Eltern hineinleuchte. Wer aber hier spende, bereite sich selbst das größte Glück in denl Bewußtsein, ein wirklich gottgefälliges Werk gefördert zu haben, denn dies sei ja gerade dem Wohlthnn eigen, daß der Spender mehr empfängt,