Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1892)
- Date
- 1892-01-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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23 Die Gemahlin des Gouverneurs war vor einem Jahre gestorben und so oblag es nun der einzigen Tochter, die Honneurs zu machen; eine vollendete Weltdame saß die junge Fürstin Lydia bei dem Samowar und empfing mit verbindlichem Lächeln die Gäste des Hauses, die auf kleinen Sesseln, von dem Diener geräuschlos herbeigebracht, Platz nahmen. Der Fürstin gegenüber saß Graf Peter Poschewski, ein wenig zur Seite Iwan Alexandrowitsch. Das Gespräch war offenbar noch nicht recht in Gang gekommen, als es durch die Begrüßung des Fürsten Michail unterbrochen wurde; man suchte offenbar noch nach einem Thema, mit dem man sich den Abend über beschäftigen konnte. „Ihr seit ja ein eifriger Besucher der Weinstube, Michail Wasiljewitsch, was habt Ihr dort heute Neues erfahrend" frug die Fürstin lächelnd den Ankömmling. „Hier sitzt die ganze Quelle und der Reichthum meines Wissens," entgegnete Michail sich vor Graf Peter verneigend, der sich innerlich über den spöttischen Ton des Fürsten ärgerte. „Bitte, nehmt Thee!" sagte die Fürstin, das duftige Getränk herüberreichend, „wie kommt es, daß ein Gelehrter, wie Ihr, Wirthshäuser besucht?" „Ich mache dort psychologische Studien!" „Ah, so seid Ihr auch bei uns nur, um zu fiudiren?" entgegnete Lydia. „In Eurer Gegenwart, Fürftiü vergißt man alles Andere, denn Euer Reiz nimmt den Verstand gefangen!" sprach Michail verbindlich. „Habt Ihr so schöne Worte in Heidelberg gelernt?" frug Graf Peter spöttisch. „Die Worte sind das Abbild eines treuen Herzens", entgegnete Michail ernst, „Ihr wißt, Lydia Petrowna, daß ich nicht Anderes rede, als denke." Die Fürstin erröthete, das Gespräch stockte wieder. Man begann von dem Theater zu reden, und von einigen französischen Sängern und Sängerinnen, man fand sie vortrefflich, man fand, daß fast alle Stücke gut gegeben wurden, man kam auf die naturalistische Schule zu sprechen und die meisten Anwesenden bekannten sich zu derselben; die Fürsten namentlich bewunderte sehr die Werke von Dostoijewski, und sie redete mit tiefer Sachkenntniß von denselben. „Ihr habt dies Alles gelesen?" frug Fm st Michail. „Eine Dame aus derProvinz, die nicht Karten spielt, hat Alles gelesen!" entgegnete Lydia munter, „aber warum seid Ihr so schweigsam, Iwan, Alexandrowitsch, liebt Ihr nicht Dostoijewskt?" I „Ich lese grundsätzlich Nichts von ihm, dem Machischki*)!" entgegnete der Angeredete schroff. „Was sagt Ihr da?" frugen Alle erstaunt. „Ich Haffe ihn, weil er ein Feind der Regierung ist." „Nun, fürwahr, diese Ansicht ist eigenartig, rief die Fürstin, „fühlt Ihr so sehr russisch, da 1 Ihr doch im Grunde ein Deutscher seid!" „Ein Deutscher?!" ries Iwan und seine Augen blitzten. „Nun, Ihr dürft das nicht als Beleidigung nehmen," entgegnete die Fürstin begütigend, ich meinte nur, weil Ihr aus den deutsch-russischen Provinzen stammt. Mein Gott, wir sind ja eigentlich Alle, wie wir da sitzen, vom Deutschthum angehaucht; ich selber habe im schönen Wiesbaden das Licht der Welt erblickt, da mein Vater dazumal unter Alexander II in der Verbannung lebte, weil er, wie man sagte, zu reactionäre Ansichten hatte; auch Michail Wasiljewitsch ist mehr Deutscher als Russe; ich wollte Euch gewiß nicht beleidigen!" „Wenn ich auch nicht stolz darauf sein kann, ein Russe von Geblüt zu sein", entgegnete Iwan finster, „ein Deutscher möchte ich denn doch nicht genannt werden!" Lydia bedauerte ihre vorhin gesprochenen Worte; mit liebevollem Blicken betrachtete sie den schlanken, kräftigen Jüngling, der da nur ausgesprochen hatte, was die vornehme Welt zu denken sich für verpflichtet hielt. In seinen Worten lag gleichsam ein Hinweis darauf, wie nah er der allerhöchsten Person des Czaren stand, und Fürstin Lydia fühlte sich im Geiste schon an die Hofhaltung im Winterpalais, als die Gemahlin dieses einflußreichen Mannes, versetzt, und genoß bereits im Voraus der Wonne der Vorstellung, daß so viele hochstehende Damen und Herren sich vor ihr beugen und darnach streben würden, ihre Gunst zu erlangen. In ihrem Innern war sie daher fest entschlossen, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mittel den Jüngling für sich zu erwerben. Fürst Michail hatte so manches von diesen Gedanken der schönen Dame auf ihrem Antlitz gelesen und er versank in ein tiefes, schwermüthiges Nachsinnen. Ob sie sich wohl vom Ehrgeiz würde Hinreißen lassen? oder — nein, das war ja nicht möglich — ob sie ihn thatsächlich liebte? Fürstin Lydia hatte soeben nachgesonnen, wie sie dem Petersburger Gaftfreunde besonders Wohlgefallen könnte; kurz entschlossen eilte sie zu dem Flügel, der die Mitte des Salons einnahm und begann mit geschickten Händen das Vorspiel eines Liedes zu intoniren. Es war ein bekanntes Volkslied der Efthen, in dem sich der ganze Haß und die ohnmächtige Wuth der Bauern gegen ihre *) Lump. J