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Der Israelit · 1892-01-07 · Heft 2 (7.1.1892) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 2 (7.1.1892)
Date
1892-01-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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23 „Aber weßhalb kam er? Ich sehe keinen Grund?" Poschewski lachte laut und schickte sich an, behaglich zu erzählen, ganz von der Wonne erfüllt, die ihn immer überkam, wenn er Jemandem eine interessante Nachricht als der Erste mittheilen konnte. „Du gehörst ja auch zu dem Kreise des Gouverneurs?" frug er. „Des Gouverneurs? Ja, ja!" Michails Blut begann wieder schneller zu kreisen, obgleich er den Schein der Ruhe vollständig bewahrte. „Seine einzige Tochter Lydia Potrowna ist schön und reich. Nun, erräthst Du nicht?" „Ich wüßte nicht" log Michail. „Väterchen will den Heirathsvermittler spielen. Iwan Alexandrowitsch soll die schöne Lydia heimführen, darum hat Väterchen seinen Liebling hingesendet. Sie kannten sich natürlich von Petersburg her und Iwan liebte dort das gelehrte, feinfühlige Dämchen. Der Gouverneur ist selbstverständlich entzückt über diese Gunst seines Herrn und betreibt die Sache, so weit es nur bei ihm steht. Oststone ist täglicher Gast in seinem Hause. Und das Fräulein? Du mein Gott, heutzutage sind die Dämchen froh, wenn sie eine Parthie nach ihrem Geschmacke thun können, abgesehen davon, daß der Petersburger Jüngling alle Eigenschaften in sich vereint, dem Volk der Weiber die Köpfe zu verdrehen. Kennst Du ihn? Seine flachsblonden Locken würden einem Apollo Ehre machen. Der reine Tituskopf. Und der weiße Teint! Ein bischen zu sehr eingebildet ist er zwar und gar schweigsam. Weißt Du denn das Alles nicht?" Michail schüttelte den Kopf und Poschewski fuhr erfreut fort: „Mein Gott, Ihr Bücherwürmer, seid wie die kleinen Kinder; man glaubt, Ihr wüßtet alles, bis es sich herausstellt, daß Ihr gar Nichts wißt." „Also ungalantfist er, manche sagen^sogar roh, er weiß nicht, mit Damen zu verkehren, obgleich er immer ein Dutzend zu gleicher Zeit liebt. Bald spielt er den übereifrigen Liebhaber mit verletzendem Feuer, bald zeigt er eine noch mehr beleidigende Gleichgültigkeit. Vielleicht ist das auch Raffinement, denn so ein Liebeswechselfieber macht oft größeren Eindruck als eine regelrechte Kurschneiderei." „Aber warum sitzt Du denn da, wie ein Muschik *) auf dem warmen Ofen und redest nicht? Meinst Du, daß ich meine Lunge Deinetwegen habe?" „Du läßt mich ja nicht zu Worte kommen," entgegnete Michail lächelnd, „doch ich will Dich in der That nicht weiter belästigen." „Bleibe nur, ich kann Dir noch mehr Neuig- *) Bauer. ketten erzählen. Dolly, die Sängerin, hast Du es schon gehört?" Michail trank sein Glas Sherry auf einen Zug leer. „Verzeihe, man erwartet mich zum Essen; Deine Geschichte mußt Du mir auf morgen verspüren." „Morgen komme ich vielleicht nicht." „Dann übermorgen", rief Michail lachend, bezahlte den Tartaren, der als Kellner fungtrte und verließ das Lokal. „Dummer, eingebildeter Mensch!" murmelte Poschewski in den Bart, stand auf und ging zu einem andern Tische, an dem noch Gäste saßen. Die einmal aufgezogenen Schleusen seiner Beredsamkeit verlangten Ohren, in die er den Schwall seiner Worte gießen konnte. Als Michail in seinen Wagen gestiegen war, verließ ihn die erheuchelte Ruhe. „Wohin?" frug der Kutscher „Zu ihr, zu Lydia!" wollte der Fürst rufen, doch er bezwang sich und zögerte mit der Antwort. „Es ist noch zu früh, sie werden jetzt essen. Nun denn, nach Hause, Paul!" „Es könnten aber zu Hause Gäste sein, oder meine Mutter könnte mich zurückhalten", überlegte Michail. Er rief den Kutscher an und fuhr in ein Hotel, dort allein und ungestört zu speisen. Drei Stunden später holte ihn der Wagen wieder ab und vollständig ruhig und in sich klar über alle Bewegungen seiner Seele betrat Fürst Michail, nachdem er die Zeit bis zum Abend noch zu einer Spazierfahrt benutzt hatte, den Salon des Gouverneurs. Es war erst eine kleine Gesellschaft versammelt, als Michail eintrat. Der große, behaglich eingerichtete Saal war nur mäßig durch Kerzenlicht erhellt, da man von der richtigen Ansicht ausging, daß bei einer dämmerigen Beleuchtung es sich viel angenehmer und traulicher plaudern ließ. Der Gouverneur, ein älterer Mann mit grauem Vollbart, in dessen Gesicht deutlich geschrieben stand, daß er nicht immer glückliche Tage gesehen, saß auf einem bequemen Sessel in der Ecke des Salons und spielte mit dem Commandanten und einigen anderen hohen Offizieren Karten. Das Spiel ging so geräuschlos vor sich, daß die Unterhaltung der übrigen Gesellschaft in keiner Weise durch dasselbe gestört wurde. In der Mitte des Saales war auf einem weißen Damasttuche ein silberner Samowar aufgestellt, der mit seinen Gravirungen uud eingeätzten Bildern ein Kunstwerk der Silberschmiede Tulas war. Während der Russe meist den Thee aus Gläsern zu trinken pflegt, waren in diesem vornehmen Hause kleine Täßchen von feinem, durchsichtigem Porzellan aufgestellt.

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