Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-01-07 · Heft 2 (7.1.1892) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 2 (7.1.1892)
Date
1892-01-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448221--33423-2481315
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

21 Miermischtes. Frankenthal. Wie man hier seitens der christlichen Mitbürger dem Antisemitismus cntgegentritt, davon nachstehender Fall. Seit einigen Jahren besteht unter den jnngen Leuten aller Stände ein geselliger Verein, — „Klub Humor," — dem auch drei jüdische Herren als Mitglieder angchören und von welchen einer im Vorstand ist. Vor Kurzem beging dieser Klub sein jährliches Stistnngssest. (5'iit Mitglied lies; sich in Bezug darauf vernehmen: „Die Festlichkeit wäre im Allgemeinen zufriedenstellend verlaufen; nur ein Mißstand sei zu beklagen und zwar der, daß ein Jude im Vorstande sei". Bei der bald darauf nbgehaltenen (Generalversammlung wurde dieses Mitglied wegen dieser Acnßernng zur Rede gestellt und gefragt, was ihn zu diesein Ansfalle gegen das allgemeine beliebte Vorstandsmitglied veranlaßt habe. Unverfroren gab er zur Antwort: „Fch bin Antisemit." Allgemeine Entrüstung gab sich nach dieser Erklärung im Kreise der zahlreich versammelten jnngen Leute kund. Besonders war es ein junger katholischer Lehrer, Herr Mattern, der in edler Entrüstung ihm mit wuchtigen und gehaltvollen Worten das Verwerfliche solcher Denknngs- und Handlungsweise vor Angen hielt und darauf hinwies, daß es der Ehre des Vereins znwiderlanse, ein solches Mitglied auch nur für einen Augenblick länger in seiner Mitte zu dulden. Ans Antrag sämmtlicher Mitglieder mußte der Antisemit in derselben Stunde noch das Lokal und den Verein auf immer verlassen. Plaut. Unter den jüngst ans Petersburg Ansgewiesenen befand sich auch der unschuldige und liebenswürdige Poet und Journalist Fru g, der lange ein Liebling des russischen Publikums war. Er wurde ansgewiesen, weil er Jude ist. Feuilleton. Der Hünstting des Kzaren. Eine Erzählung ans Rußland. Von Jon. Lehmann, vr. phil. (fi. Fortsetzung.) III. Fürst Michail pflegte sehr oft vor der Hauptmahlzeit ein Weinrestaurant zu besuchen, in dem die goldene Jugend der Stadt verkehrte. Er that dies nicht aus Bedürfniß nach Gesellschaft oder Unterhaltung, denn er fand die jungen Leute recht fad und sie langweilten ihn, sondern weil es Mode war und er den Grundsatz hatte, daß man sich der Mode stets fügen müsse, da man ihr auf die Dauer doch nicht erfolgreich widerstehen könne. Auch ersparte er sich das Lesen der Zeitungen, denn hier wurde alles verhandelt, was für die Welt oder die Stadt irgend eine Wichtigkeit hatte; hier erfuhr man auch die Dinge ohne die Streichung und Trübung der Censur und eine gegentheiltge Ansicht konnte mündlich wohl kundgegeben werden, wo es die Presse nicht wagen durfte. Seit einigen Tagen aber war Michail zufällig nicht dort gewesen. Als er nun seinen Freund nach den früher erzählten Ereignissen verließ, war die gewöhnliche Versammlungszeit schon abgelaufen und er konnte nur hoffen, noch einige Nachzügler vorzufinden. Obgleich seine Stimmung durchaus nicht darnach stand, mit den lockeren Gesellen fröhlich zu verkehren, so trieb es ihn doch unwiderstehlich zu dem Marmortische und er rief dem Kutscher, die Pferde zu höchster Ekle anzuspannen. War es nur die Neugierde zu erfahren, was Iwan Alexandrowitsch Oststone aus Petersburg in die Provinztalstadt gebracht hatte, wollte er wissen, ob die heutige Wettfahrt des hauptstädtischen Jünglings schon besprochen wurde oder war es noch ein Anderes, was, dem jungen Fürsten selbst unbewußt, ihn so sehr beunruhigte. Michail lehnte sich in den Wagen zurück; er war aufgeregt, ohne recht zu wissen, weßhalb; gewaltsam strengte er sich an, seine Ruhe wieder zu erlangen. Er versuchte es, die Firmen der Geschäfte zu lesen, an denen er vorbeifuhr, doch gelang es ihm nicht, da sein Fahrzeug zu schnell über das uuebene Pflaster rollte. Auch die Fenster, oder nur die Häuser zu zählen vermochte er nicht. Da erinnerte er sich eines Mittels, daß Jean Paul angibt, um jede Erregung, sei sie auch noch so groß, zu bemeistern. Er schloß die Augen und sprach langsam vor sich hin: Wirft man einen Stein in's Wasser, so zieht er einen Kreis!und um diesen wieder einen Kreis und um diesen einen größeren Kreis und dann wieder einen Kreis. Langsam und monoton flüsterte er vor sich hin in der Tiefe seines Wagens verborgen und als er vor dem Gasthause ausstieg, war er ruhig wie immer. Es waren in der That nur noch wenige Gäste da, darunter aber eine Persönlichkeit, die heute für Michail alle übrigen aufwog. Graf Peter Poschewski, ein junger Offizier, mit dem Michail von Pagencorps her wohl bekannt war, lagerte auf einem längst der Wand stehenden Diwan und schien noch nicht an ein Fortgehen zu denken. Poschewski war die lebendige Chronik der Stadt und wenn von einem, so konnte man von ihm stets alles erfahren, was man über die gute Gesellschaft zu wissen wünschte. Zu ihm setzte sich Michail und, nach einigen gleichgültigen Redensarten, brachte er das Gespräch unvermerkt auf den Günstling des Czaren. „Wie? Du wußtest nicht, daß er hierherkommen wird?" rief Poschewski mit ungeheucheltem Erstaunen. „Alle Welt weiß es."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.